, aber man las unschuldige, reine, seelenläuternde, naive. Die frivolen Sittengemälde der grossen Welt wurden ignorirt. Man "portirte" sich für das Einfache, Naive, Ländliche. Pauline, noch niedergedrückt von ihrem Nadasdi, sah aus einer gewissen Einsamkeit, in der sie sich nach ihrem Falle hielt, dieser Wendung der Dinge mit Ruhe zu. Sie wollte anfangs dieser neuen Mode nicht folgen. Sie hatte manche "Läuterung" durchgemacht; aber bis zur Beschränkteit, sagte sie öffentlich, beschränk' ich mich nicht. Sie wollte jetzt Reisen machen und als Touristin wirken, worin schon andere schriftstellernde Damen soviel Mutiges und Leserliches geleistet hatten. Da brachen jedoch die grossen politischen Umwälzungen aus. Das Reisen wurde unmöglich. Sie blieb daheim und geriet in die grosse Strömung des Tages. Einen Augenblick schwankte sie, ob sie abwarten sollte, woher der Wind käme und wohin er fahren würde. Sie fand die Heldengrösse der Charlotte Corday ihr nicht ebenbürtig, aber die Roland, die hatte der "Gesellschaft" angehört, die Roland war gross in der Gironde gewesen, und sie versuchte es etwas mit der Demokratie. Sie kam aber glücklicherweise zu spät. Die Demokratie hatte schon ausgespielt und kurz vor Toresschluss konnte sie Niemanden mehr compromittiren. Die sogenannte Reaction gab Paulinen nun gelegenheit, viel verschlagener zu wirken und mit geringerm Einsatze persönlicher Gefahr. Wie früher nichts unmodischer war, als sich um das junge Fürstenpaar und seine kleinen Teezirkel zu kümmern, so wurde jetzt gerade der Cultus der Anbetung des Monarchen zu einer leidenschaft ganzer Stände. Pauline, am Bestande der Monarchie in der Tat doch auch durch ihren zweiten Gemahl interessirt, durch ihren Gemahl, der ihr jetzt plötzlich wertvoll und rücksichtswürdig erschien, Pauline warf sich nun endlich fast über Hals und Kopf in das neue Element und leistete in dem Systeme der unbedingten loyalen Hingebung und der conservativen Huldigung weit, weit mehr, als sich von der Gattin eines Hofbeamten von selbst verstand. Sie war eine Hauptanstifterin contrerevolutionairer Schläge, sie half den Reubund begründen, sie wühlte bei den Wahlen mit beispiellosen Umtrieben, sie organisirte im Grossen die Brotlosigkeit aller der Kaufleute und Handwerker, die nicht unbedingt so wählten und stimmten, wie die Vornehmen und Beamten es verlangten ....
Alles Das konnte jedoch nicht genügen, einen so unerschöpflichen Ehrgeiz ganz zu befriedigen. Pauline erkannte plötzlich, dass sie da doch im grund nur Das tat, was jetzt Jeder tat, den sein in dieser Weise aufgefasstes Pflichtgefühl trieb und spornte. Himmel! sagte sie sich eines Tages, was ich da Alles jetzt treibe, was ist denn das anders bei hof als meine Schuldigkeit! Wozu nützt mir denn Das? hebt mich, fördert mich Das? Welche Belohnung hab' ich denn davon? Pauline dachte in zu grossartigem Stile, als dass ihr dabei eine gemeine Anerkennung äusserer Form und äussern Erfolgs hätte einfallen können. Sie hatte vielmehr nur ihre "Stellung", ihre gesellschaftliche Bedeutung im Auge. Stand sie jetzt den Ereignissen nahe? Lenkte, leitete sie die hohe Politik?
Als sie in dem Gartensalon so verzweifelt auf – und abging und die leichten Trostgründe und Zureden der alten mutigern Charlotte Ludmer nicht hören wollte, wurde gerade die junge Flottwitz gemeldet, in dringenden Reubundsangelegenheiten; man wollte weibliche arbeiten für verwundete Krieger verkaufen, die Ordnerinnen des weiblichen Reubundes sollten selbst vor den Verkaufsbuden zierlich gekleidet stehen und Käufer in einen Saal locken, über dessen Wahl die Flottwitz eben Rats erholen wollte ....
Nein, nein! sagte Pauline. Ich bin nicht zu haus.
Die Flottwitz wurde abgewiesen ...
Was soll ich mich, rief Pauline erregt aus, was soll ich mich ferner mit diesen albernen Dingen quälen! Mögen Das die Frauen der Offiziere, die Weiber der Beamten und die Verwandten der Hoflieferanten betreiben! Bin ich dazu da, in der Masse unterzugehen? Hab' ich für all meine monatlange Hingebung auch nur ein Wort der Anerkennung von oben her erhalten? Sie tun ja dort, als verstände sich Das von selbst. Sie halten es ja für eine gemeine Pflicht, die uns Allen mahnend und schwer genug aufliege und wo wir unsern Dank darin finden sollten, dass man ja nicht selbst guillotinirt wird und noch seinen Adel behält! Nein! Ich habe diese Demonstrationen satt. Die Flottwitz ist entweder eine Närrin, und dann pass' ich nicht für sie. Oder sie ist eine durchtriebene Coquette und weiss, wie schmachtend ihr diese Schwärmerei steht, dann pass' ich wieder nicht für sie; denn dieser äusserlichen eitlen Art, sich in die Öffentlichkeit zu stellen, hab' ich längst entsagen müssen. Selbst die Trompetta hat den richtigen Instinct gehabt, sich von Dem, was grosse und massenhafte Demonstration ist, zurückzuziehen und sich ganz auf Mission und Ähnliches zu beschränken. Sie hat wieder ihre alte kleine Industrie hervorgesucht, wählt sich kleine bescheidene Zwecke, die sie allein vertritt, läuft, rennt, bettelt, macht sich lächerlich, überall, und doch wird sie's erreichen, dass man drei Tage lang, wenn es erscheint, von ihrem Getsemane spricht und dass sie die Ehre hat, in den kleinen Cirkeln des Hofes einen halben Abend lang besprochen zu werden, vielleicht es gar selbst den Herrschaften vorzulegen. Ah! Meine Schwester! Meine Schwester! Ah! Die weiss, wie man jetzt wirkt! Die lebt zurückgezogen, eine Einsiedlerin! Sie stickt, sie strickt, sie liest Pascal und Fénélon, sie musicirt Bach und Händel und ich schwöre,