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der gang der Geschäfte so trocken, die Politik so wenig anregend, dass es für guten Ton galt, sich nicht um das Öffentliche zu bekümmern und lieber für Italien, die Kunst, die Literatur, die Dichter, die Virtuosen und die starken Gefühle zu schwärmen, als für die Welt und ihre nächsten Aufgaben. Pauline schlug sich zur fröhlichen Partei, zu Denen, die sogar am Schmerz eine eigene Freude hatten, durch unverstandene Stimmungen sich verständlich machten und in der Zerrissenheit ihre wahre Einheit fanden. Sie hatte früher gemalt. Da aber die Malerei nicht aufregt und im Gegenteil grosse Ruhe bedingt, so ergriff sie die Feder und warf in zwei Romanen, Amaranta und Nadasdi, eine Menge jener vulkanischen Stoffe aus sich heraus, die sie, wie so viele andere weibliche Naturen damaliger Zeit, so auch in sich vorgefunden haben wollte. Amaranta galt für ein Bild aus der Wirklichkeit und wurde reissend gelesen. In der Tat hatte Pauline hier Alles zusammengerafft, was sie nur, ohne zu auffallend indiscret zu erscheinen, von gestörten Eheverhältnissen, unverstandenen Seelenleiden, zerrissenen Freundschaften in der höhern Gesellschaft beobachtet hatte. Sie hatte einige Gräfinnen, Baronessen, Fürstinnen in Conflicte ihrer nächsten Herzensinteressen gebracht und dabei die jungen Offiziere und Legationssecretaire die Rollen spielen lassen, die in alten zeiten die St. – Preuxs, die Werters oder Roquairols spielten. Amaranta war die Heldin dieser Abenteuer, eine eitle aus einer Hand in die andere fliegende und für jede neue Liaison und jede alte "Rupture" immer die triftigsten Gründe anführende Coquette, die zuletzt, da sie Niemanden mehr gewinnen kann, fromm wird, ins Kloster geht und dort einige komische Wunder tut. Das Ganze war mit Bosheit geschrieben und deshalb gewiss nicht ohne Unterhaltung, denn leider gehört die Malice jetzt auch zu den Musen; Apollo würde sie in unserm Jahrhundert als die zehnte seines Bundes nicht zurückweisen dürfen. Die Malice erfindet, schafft, sie "macht". Eine Zeitlang wenigstens dauern ihre Werke. Eine Zeitlang fesseln, unterhalten sie, dann zerstiebt ihre Composition und diese zehnte Muse, die eben noch wie ein leichtes duftgewobenes Traumbild lächelnd vorüberschwebte, verwandelt sich in ein garstiges altes Hexenweib, mit Krallen an den Fingern und einem giftschäumenden Mund voll unheimlicher Zähne ...

Nach der Dame "Tausendschön", d.h. Amaranta, sollte der Roman "Nadasdi" eine eigene Erfindung der Geheimrätin vorstellen. Doch machte sie mit diesem jungen Magyaren Nadasdi ein klägliches Fiasko. Kein Mensch mochte ihn lesen, so langweilig war die geschichte eines schwärmerischen und sentimentalen ungarischen Husarenoffiziers, der in ihrem Roman sechsmal über Briefe, die er erhält, in Ohnmacht fiel. Man brachte in diesem selben Strudel, genannt die "Gesellschaft", das Wort auf, wenn man sich langweilte, zu sagen: Ich nadasdisire mich. Man liess z.B. in einem öffentlichen Blatte das zeugnis eines Briefträgers abdrucken, der erklärte, Nadasdi wäre beim Empfange seiner Briefe niemals ohnmächtig geworden, sondern hätte regelmässig sein Porto bezahlt, ohne die Adresse zu lesen, sich auf sein Kanapee niedergestreckt, türkischen Taback gekaut und seine Lieblingsbeschäftigung ergriffen, zu schlafen, was schon damals seine Kameraden nadasdisiren genannt hätten .... O, an erfinderischer Bosheit fehlt es in der Gesellschaft für Den gar nicht, der sich in ihr zu weit hervorwagt, mehr Geist als ein Anderer haben will und dann einmal einen Unfall erlebt! Ein Kleiderhändler musste sogar in den Zeitungen NadasdiSchlafröcke ankündigen, wo nicht nur auf das Langweilige dieses Buches im Allgemeinen, sondern auch auf die Beschreibung eines PhantasieSchlafrocks ihres Helden angespielt war, dem die unglückliche Dichterin mehr als drei volle Druckseiten ihres Werks gewidmet hatte.

Pauline gab nach dieser Demütigung die literarische Laufbahn auf und befleissigte sich einer neuen "Läuterung". Sie nannte nämlich die Metamorphosen ihrer Beschäftigung "Läuterungen". Sie wollte alle Schlacken unreiner Empfindungen, wie sie in der Vorrede zu Amaranta und Nadasdi gesagt hatte, von sich werfen und sich in einen reinern Äter tauchen. Ist Dinte ein reinerer Äter? hatte zu ihr einmal der Baron Otto von Dystra, der berühmte Reisende, gesagt. Zwar erwiderte sie diesem Sonderling, dem eben eine schwarze Sklavin gestorben war, die er sich aus Afrika mitgebracht hatte, sie hätte gehofft, allmälig so oft in diesem Äter zu baden, bis sie seinem Geschmacke entsprechen würde ... allein ihre "Läuterungen" wurden ebenso verspottet, wie Nadasdi, dessen Schlafrock und seine Ohnmachten.

Unentschlossen, wohin sie sich in ihrer Ratlosigkeit wenden sollte, überraschte sie und alle Welt der Tronwechsel .... Ein junger Herrscher ergriff das Scepter anfangs mit schüchternen Händen, als er aber eine junge liebenswürdige Gattin gefunden hatte und mit ihr einen sehr gewählten Beirat vom hof seiner Schwiegerältern, als Mitgift, wie man spottete, erhielt, trat er sicherer und selbständiger auf. Anfangs war nichts so sehr aus der Mode als das junge Königspaar. Man beachtete es kaum. Man bespöttelte seine Neigungen und erklärte beide Teile für beschränkt. In kurzem aber wendete sich das Blatt. Das Herrscherpaar wurde Mode. Seine Gesinnung fing an den Ton anzugeben. Alles richtete sich nach der neuen Sonne, der es wirklich, so hoch sie stand, zwei Jahre mühseligen Ringens gekostet hatte, durch die Wolken der "Gesellschaft" hindurchzudringen.

Plötzlich kam nun das Einfache, "Seelenvolle", Bescheidene, Beschränkte, Häusliche in die Mode. Das "Geniale" wurde verabschiedet. Man las gerade nicht fromme oder frömmelnde Schriften