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und tief erstaunt über das sonderbare Zusammentreffen so vieler höchst rätselhaft sich durchkreuzenden Tatsachen.

Eine Gewalttat, Das wusste er, war nicht an dem Geheimrat verübt worden, höchstens ein lustiges Abenteuer, von dem Melanie den Schlüssel und dessen eigentlichen Kern, das Bild, er selbst besass. Im Übrigen gönnte er dem Heidekrüger diesen kleinen Kummer als Strafe für die heuchlerische Art, mit der er anfangs versprochen hatte, Schlurck's Wahl im schönauer Bezirke zu befördern und sich nun selbst vorschob. Der Liese aber sah er die Freude an, ihren "steifen und hochgestapelten" Herrn einmal mit seinem Gesinde wieder auf gleicher Linie stehen zu sehen, wieder von Dem bewegt und erregt, was zu dieses Hauses eigentlicher Ordnung gehörte. Das Geld versprach sie Hackert zuzustellen, wenn er sich noch fände ....

Dankmar fuhr rasch von dannen und konnte wohl die Gleise der Wagen und Pferde sehen, die den Langschläfer im Stiche gelassen hatten. Er erreichte sie aber ebenso wenig wie den Wagen, mit dem Ackermann und Selmar, vielleicht auf Nebenwegen, abgefahren sein sollten.

Gegenstände zum Nachdenken hatte er für die Reise den Tag über genug! Abenteuerliches begegnete ihm nichts mehr. Er hätte es zu Dem, was ihn Alles schon in Anspruch nahm, kaum noch aufnehmen können.

Es wurde schon Nacht, als er sich Tempelheide näherte. Er warf einen blick auf den Landsitz des alten Präsidenten. Ein Rabe sass auf dem Schornstein und schien für die sternhelle und monddämmernde Nacht das Wunderhaus zu bewachen. Dankmar überliess es seinem lahmen Begleiter Bello, zu dem steif und ernst dort oben tronenden Vogel verdutzt und wie auf dem Anschlage hinüberzuschauen. Er kümmerte sich um nichts mehr, was rechts und links lag. Mit unwiderstehlicher Macht nur trieb es ihn zu der grossen Stadt hin, die schon zu seinen Füssen lag und der Schauplatz neuer Erlebnisse werden sollte.

Wie der Wagen die kleine tempelheider Anhöhe hinunterrollte und er zur Allee einlenken wollte, die an den Eisenbahndurchschnitt führte, hörte er dasselbe melodische Gesäusel wieder aus dem schloss, das ihm noch von seiner Ausfahrt erinnerlich war. Er musste stillhalten, so bewegte ihn der harmonische Luftauch. Es war nächtliche Ruhe um ihn her. Im abgemähten feld, auf der Wiese zirpten nur die Grillen schon ihre Herbstesvorahnungen. Die Kirche stand feierlich im Mondscheinlichte. Die Bäume säuselten und die Lüfte klangen von der Harfe zauberhaft belebt in wehmütigen Accorden. Es war ein sanftes Moll, in dem die Windharfe gestimmt unter den Tannen hing .... Ach, es war ein Accord, der die ganze Stimmung seiner eigenen Seele aussprach. Zärtlich hoffend, aber tief wehmütig ....

Ja, sagte er sich, noch geschehen Wunder! Noch helfen unsichtbare Geister an unsern Werken mit und das Schicksal ist keine leere Fabel.

Anna von Harder, die Lenkerin der musikalischen Akademieen, sah er nicht .... Die Fenster blieben geschlossen ... er hätte doch gern die weibliche Gestalt an ihnen wiedersehen mögen, die an jenem Abende seiner Ausfahrt der Windharfe lauschte ... er hätte ihr doch gern die Gefühle übertragen, die diese Töne in ihm selber weckten ....

Sie kam nicht und so musste er selbst sein Herz öffnen, selbst diese Töne in seine Brust einlassen und die Geister nahen hören, die ihm sagten:

Wandle nun hin unter dem schützenden Sterne, den dir die Gotteit unter diesen Millionen Lichtern am Himmel dort aufgestellt hat und den du nicht kennst! Verknüpfe dir das Leben zu immer rätselhaftern Knoten, die du einst ungeduldig mit dem Schwerte wirst lösen wollen und deren Fäden vielleicht plötzlich klar und unverwirrt in deinen Händen liegen, wenn dein Schutzgeist sich dir naht, vielleicht so auf einem Accorde der Freundschaft schwebend, so auf einer kleinen nächtlichen Luftwolke des Zufalles, so auf dem Mondenstrahl, der, wie da hinter den Tannen, so aus dem Auge der Liebe bricht! Gehe hin! Noch muss sich dir viel erfüllen, viel begeben! Aber vertraue! Siegbert und Dankmar Wildungen! Euer Genius spricht aus diesem Luftauche der Äolsharfe im Tannenpark von Tempelheide!

Das müde Pferd zog an; weiter ging es bergab in unfreiwilliger Eile .... Von allen Türmen der Stadt schlug es Zehn, als Dankmar mit seinem müden Gaule nach einer ereignissreichen Reise von vier Tagen in den Torweg des Wirtshauses Zum Pelikan wieder einlenkte. Das Bild an sich pressend, des doch wohl auch ihm sichern Schreines gedenkend, musste er sich sagen, dass er mehr zurückbrachte als er verloren hatte, mehr gefunden als er suchte. Und dennoch war es ihm, als riefe ihm eine stimme zu: Nun erst beginnt dir der Ernst des Lebens und die Schranken deines Wettlaufes mit dem Schicksal öffnen sich!

Vierzehntes Capitel

Neue Menschen

Die vieltorige, in breiter Fläche gelegene, laut rauschende Residenz hatte seit einigen Jahren ein neues Viertel gewonnen, das man seiner vielen schönen, von den vornehmsten Herrschaften bewohnten Häuser wegen das diplomatische nannte. Es lag ausserhalb der längst durchbrochenen Ringmauer in einer Gegend, wo es früher nur Felder gab. Eine rund sich schlängelnde Nebenstrasse lenkte von der staubigen schnurgeraden Hauptallee ab und bot rechts und links zwischen hohen Bäumen, Gärten und jungen Anlagen ein Gemisch von Villen dar, die ohne nach einem bestimmten Plane angelegt zu sein, doch darin eine harmonische wirkung übten, dass sie im Stile und der gefälligen Überschmückung der nur aufs Comfortable gerichteten Teile sich fast wechselseitig überboten. Vor den Villen lagen Gärten mit kleinen Springbrunnen oder einfache englische Boulinggreens.