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Gestern Abend noch spät, sagte die Liese, erlaubt der gnädige Herr den Gendarmen und Dienern im saal auf sein Wohl zu trinken und geht dann zu Bett. Die zechen etwas lang und stehen schwer im Kopf auf und gehen zu Bett und es wird Tag und der grosse Wagen fährt fort, ehe noch der gnädige Herr geweckt ist. Der einzige Diener, der zurückgeblieben, wartet und wartet, der Herr kommt nicht. Excellenz! Excellenz! heisst es. Man findet die Tür offen, das Bett so gut wie unberührt, der Herr muss in der Nacht aufgestanden sein und ist nun nicht da. Man sucht ihn überall. Er ist nirgend. Ganz gewiss, er hat ein Unglück erlebt. Diese Zeit! Dies Leben! Wer hält Das auf dem Heidekrug aus!
Aber so fragt die Damen, mit denen ich kam, rief Dankmar erstaunt und über Melanie's geheimnis grübelnd ....
Die sind in aller Frühe fort .... sagte die Magd.
Melanie, Madame Schlurck und die Andern?
Alle fort, schon um fünf Uhr. Das fräulein sagte, Sie wollten mit Ihrem Einspänner allein bleiben und später fahren. Der steht unten und wartet. Das Hündchen winselt nach Ihnen. hören Sie's?
Bello kratzte an der Tür. Dankmar öffnete. Das Tierchen humpelte freudig an seinem interimistischen Herrn hinauf ....
Aber Ackermann und Selmar? sagte Dankmar.
Wer? fragte die Magd.
Dankmar dachte:
Wahnsinn! Du frägst hier nach Traumgestalten?
Und doch sagte er:
Kam nicht gestern Nacht noch ein stattlicher Herr mit einem Knaben hier an?
Freilich! freilich! sagte die Magd. Es war ja fast zwölf. Sie waren so durchnässt, dass wir Angst hatten, sie würden uns krank werden .... Aber die sind nun auch schon fort. Eine Stunde später als die Andern. Und eben vor einer halben Stunde fährt der grosse Wagen ab, die prächtige Karosse des Geheimrats steht unten, man denkt, er steigt jeden Augenblick ein und nun suchen wir ihn ...
Man hörte jetzt draussen auch den Heidekrüger lärmen und laut sein Befremden äussern.
Excellenz! Excellenz! Herr Geheimerrat! rief man in alle Winkel hinein, und in alle Gruben hinunter, ja in solchen suchte man den geheimen Rat, die man sonst nur für geheimen Unrat bestimmte –
Dankmar, in seinem Taschentuche sorgfältig das Bild verbergend, stieg die Treppe hinunter, sah sich die Verwirrung eine Weile mit an und erstaunte, dass der Heidekrüger, der Staatserretter, der Lafayette und Washington, hier schon den Kopf verlor.
Denken Sie sich, sprach er zu Dankmarn mit leichenblasser Miene, wie mir so etwas begegnen muss! Wie sonderbar kann man Dergleichen auslegen! Ein hoher Beamter des Hofes, Mitglied des Reubundes, eine Stütze der Reaction, Gatte einer einflussreichen Dame, die in unserer Politik eine grosse Rolle spielt, verschwindet spurlos in der wohnung eines zwar nicht wühlerischen, aber freigesinnten Gesinnungsmenschen ... o mein Gott! habt Ihr denn überall geforscht, Alles aufgedeckt? Alle Gruben? Alle Gelegenheiten, wo Jemand in stiller Nacht mit einem Licht verunglücken kann? Was werden die Sänger's, die Vom Busche's und die Sengebusch's sagen!
Dankmar beschwichtigte seine Besorgnisse mit der festen, ungeheuchelten Überzeugung, dass sich diese Angelegenheit völlig natürlich lösen würde. Da er wusste, dass hier eine Schelmerei Melanien's im Spiele war, zeigte er selbst über sein natürliches Mitgefühl hinaus sich fast ausgelassen und lachte, als er sah, wie und wo man die vornehme, aufgeblasene Excellenz Alles suchte ...
Über Ackermann's Benehmen und mögliche Beziehung zu Melanie oder zum Geheimrat erfuhr er nichts. Hier war ihm ein völlig unlösbares Rätsel. Mit dem letzten Reste der Hackert'schen Anleihe bezahlte er seine Zeche und wollte von dannen fahren unter lautem Jubelgebell seines Hundes. Da trat die Liese heran und Dietrich und Beide wollten Dankmarn die Zügel nicht geben ...
Auf wen wartet Ihr denn noch? sagte Dankmar.
Auf Ihren Kutscher, Herr! ... Hier ist auch noch das Geld von neulich. Wir haben's an den Justizrat noch nicht anbringen können ... er mag es ihm selbst geben.
Wer? Welches Geld?
Ei, das Geld aus der schönen Börse! Von der Nacht her, wo Ihr Kutscher das böse Übel hatte ....
Hackert? Wo ist denn Hackert?
Er kam doch mit Ihnen?
Hackert? Mit mir? Ich kam allein. Hat man den Rotkopf hier gesehen ....
Lichterloh, sagte Dietrich. Der schläft wohl noch auf dem Heuboden? Da muss Eins die Spritze bereitalten ....
Ihr Leute irrt Euch! Ich kam allein. Kein Wort weiss ich von meinem Reisebegleiter von neulich .... Und Ihr saht ihn wirklich?
Dietrich pfiff, als wollte er Hackerten ein Zeichen geben. Die Liese drängte, Dankmar sollte das Geld ansichnehmen.
Dieser weigerte sich aber und erklärte, mit dem unheimlichen gast in keiner Verbindung mehr zu stehen.
Dass Hackert auf dem Heidekruge in dieser Nacht gesehen worden, blieb ausgemacht. Die Aussagen der Leute stimmten zu sehr überein. Alle hatten geglaubt, er wäre mit der grossen Gesellschaft zurückgekehrt. Man suchte nun auch ihn.
Da sich aber keine Spur mehr weder von ihm noch von dem Geheimrate finden wollte, so fuhr Dankmar von dannen, nicht wenig betroffen