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Ackermann nannte, des holden Selmar Vater, blieb noch. Nach einer Weile zog er das Portefeuille aus der Brust, neigte sich über Dankmar und ... Was tat er nur? Dankmar hörte etwas, wie das Klingen eines Instrumentser hörte den Schnitt wie eines Messersnein, er fühlte etwas an sich selbst, das aber nicht schmerzte, nicht verwundete ... Seine müden Augen blinzelten ... Er wollte den Traum nicht stören ... Das Mondlicht tat den Sternen der Sehkraft wehe ... Aber die Gestalt war keine Täuschung. Der Amerikaner trat zurück und betrachtete eine Locke, die er sich eben von Dankmar's haupt geschnitten, küsste sie und legte sie mit Rührung in sein Portefeuille. Das Zimmer wurde dunkler, die Wolken traten vor den Mond ... Die Erscheinung war verschwunden.

Als Dankmar sich aufrichtete, war es ihm fast, als hörte er noch die Tür klinken. Alles war still. Alles dunkel, der Mond war dicht verhüllt ... er konnte nichts unterscheiden ... Du hast geträumt! sagte er sich, und schön geträumt! ... Und Dankmar glaubte geträumt zu haben, so schwer lag die Ermattung auf ihm, dass er für Alles, was Wahrheit sein musste, jene süsse Gleichgültigkeit empfand, die die gewaltigste Reaction der natur verriet. Er sah nach seiner Uhr und glaubte den Zeiger schon auf Eins zu erkennen und doch war es finster ... Er kleidete sich in zwei Minuten völlig aus und warf sich ins Bett, unbekümmert um Alles, was ihm noch eben Freude oder Schmerz, Anteil oder Widerwillen eingeflösst hatte ...

Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als Dankmar erwachte. Er sprang aus dem Bett und erstaunte, dass seine Uhr bereits über Sieben zeigte. Seine Toilette machen, nach frischem wasser klingeln war das Eiligste, was er tun musste.

Du hast dich verspätet, sagte er sich, den lang' entbehrten stärkenden Schlaf hat die natur in dieser Nacht für sich mit Gewalt eingefodert ... Von elf bis sieben Uhr. Ei, du Schläfer und welch ein Schlaf! Wie bleiern lag es in deinen Gliedern ... du weisst nichts ... nichts ... Himmel, ein ganz neues Leben erquickt deinen müden Körper ... aber die Zeit hast du doch verschlafen ... Das steht fest.

Und so tummelte er sich fort ...

Da fährt er mit der Bürste durch sein Haar. Er steht vorm Spiegel und will sich den gewohnten Scheitel ordnen ... Was ist das? Die Lage der Locken ist nicht die alte ... der gewohnte Strich, der Fall der Haare ist gestört ... Ein Büschel sich rundender Haare fehlte ihm dicht über den linken Schläfen ...

Er besinnt sich ... auf die Nacht! Auf den Traum! Nein, kein Traum! Wirklichkeit! Hier fehlt das Haar ... die Locke wurde abgeschnitten. Die ermatteten Augen hatten nur nicht die Kraft gehabt, sich länger offen zu halten; die Willenskraft, der Widerstand war von der Übermüdung gelähmt gewesen. Die Locke fehlte. Er sah sich im Zimmer um. Der Gedanke an das Bild ergriff ihn mit Zauberkraft. Es war da gewesen. Ackermann hatte es geküsst, hatte sich über ihn geneigt mit dem Bilde. Selmar's Vater! Wie war Das? Er rückte den Tisch, die Stühle, er warf das Bett auseinander ... noch einmal ... er fasst nach dem Kopfkissen. Da ist ... da fällt etwas in die Betten ... ein harter Gegenstand ... ein rundes Bret ... er wendet es um. Es ist das Bild!

Egon und Melanie hatten das Bild Dankmarn beschrieben, sowie er es fand. Ein weiblicher, schöner Kopf in blassen Pastellfarben ... ein goldener Rahmen gab ihm die Form eines Medaillons ... Hinten ein stärkeres Bret ... das Bild viel schwerer, als es seinem Umfange nach sein konnte. Er zweifelte nicht, dass es ein geheimnis entielt. Die Feder, die es durch einen Druck auf das Glas öffnete, zu suchen, trieb ihn zwar die Neugier. Aber als er einige male vergebens über das Glas gefahren war, hier drückte, da schüttelte, es von allen Seiten betrachtete und nichts sogleich von der geheimen Öffnung entdeckte, war er fast froh nicht in Versuchung zu geraten und Dinge zu erfahren, die nicht für ihn bestimmt waren.

Jetzt hätte er rufen mögen: Melanie! Selmar! Er hätte Ackermann sich an die Brust ziehen mögen ohne Erkennungszeichen, ohne Geheimbund, ohne zu wissen, wer er war und was er glaubte und dachte ... Er riss die Tür auf und rief nach dienenden Wesen, der Liese, dem Dietrich. Niemand hörte ihn. Doch war Alles in Bewegung. Trepp auf, Trepp ab hörte er rennen, toben. Man klopfte, schrie, man drohte. Was war? Was ist? Hatte man das Bild vermisst?

Rasch kehrte er zurück und verbarg es.

Da tritt die Magd ein und erzählt ihm in ihrer polternden Art: Es wär' ein Unglück geschehen, man könnte den Intendanten nicht finden. Der Heidekrüger wäre ausser sich ... alle seine Bücher hülfen ihm nun doch nichts. Ein vornehmer Mann wäre auf dem Heidekrug verloren gegangen!

Dankmar bittet, ihm ruhiger zu berichten