! Bitte! Nicht Republik!
Und den Kopf schüttelnd, ergriff er wieder die Zeitungen und blätterte in ihnen; denn es war nun auch Licht gebracht worden und sein Nachtessen wartete ...
Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl sich kurz, um auf sein Zimmer zu steigen ... Lasally, Reichmeier und einige der Frauen, die ihm begegneten, Alle verfolgten ihn neugierig und fast zutunlich. Aber er war in einer Stimmung so völligen sich Vereinsamtfühlens, dass er am liebsten zu Melanie gegangen wäre, an ihre Tür gepocht und sich ihr mit ganzer Seele anvertraut hätte. Wo ist auch noch ein Trost für unbefriedigte Gemüter, wenn sie die Söhne unserer Zeit sind, als allein in der Liebe? Wo ist die Bürgschaft noch, dass in den Schrecken der Empörungen und Kriege, in den schaudervollen Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menschlichen sich erhält, als in der Liebe? Wo werden noch Worte des Lebens gesprochen, wo rinnen noch Tränen der Freude, wo weht noch der Hauch des stillen Einverständnisses, wo ist noch Liebe, als in der Liebe!
Dankmar lehnte jede Einladung ab. Er warf sich auf das Lager in seinem kleinen Zimmer ...
Es mochte gegen zehn Uhr sein. Er hätte schlafen sollen; denn die Erschöpfung dieser Tage hatte seine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgespannt. Schon vor Übermüdung konnte' er nicht schlafen. Er hatte die Fenster geschlossen ... er riss sie wieder auf. Die runde volle Mondscheibe konnte am bewölkten Himmel nicht überall hervortreten, noch drückte Gewitterschwüle die Luft, so feucht schon die Erde war, so frisch es schon herüberduftete von den durchnässten Tannen des Waldes ...
Es war nicht ruhig im Heidekrug. Er hörte die Säbel der Gendarmen. Er hörte laut lachen und ein Hin – und Wiederhuschen auf dem Corridor. Die tür liess er unverschlossen. Musst' er nicht annehmen, dass ihm Melanie plötzlich wie im Traum erscheinen wollte? Was hatte sie vor? Wie konnte sie sich das Bild aneignen aus einem raum, der bewacht und verschlossen war? Wird sie den Intendanten überreden? Seiner Eitelkeit schmeicheln? Ihm unmögliche Versprechungen machen?
Sogar die Eifersucht ergriff ihn, so lächerlich der Gegenstand war.
Unter ihm, im Wirtszimmer, glaubte er jetzt die Diener des Intendanten, die Gendarmen, die Jockeis Lasally's zu hören. Er warf sich nieder auf das Bett, dessen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte. Er blieb angekleidet, wie er war ... Nach einer Weile liess sich doch der Schlaf nicht mehr zurückweisen. Er verfiel in einen halb wachen, halb träumenden Zustand, der ihm eine Zeit lang bleischwer aufs Auge sich senkte ... Dann fuhr er wieder empor. Er musste eine halbe Stunde so gelegen haben. Das Zimmer war hell. Die Wolken hatten sich etwas verzogen und liessen dem mond Raum, sein goldgelbes, fast zehrendes Licht auszugiessen. War es die Erinnerung an Hackert, an dessen nächtlichen gang auch am schloss, den Egon beobachtet und ihm erzählt hatte, war es die Erinnerung an Hackert's gespenstisches Hinschreiten über die Wiese zum Ebereschenbaum, von dem der Jäger gesprochen, seine eigene Begegnung mit ihm am Turm und sein Verschwinden zur Waldschlucht und dem Kreuze hin, wo des Sägemüllers Nantchen verunglückt war; waren es alle diese Erinnerungen an das fast dunkle phantasmagorische Leben eines Andern ... oder war es seine eigene nervösen Reizung ... es kam ihm vor, als fühlte er recht die ziehende, magische Gewalt der Mondstrahlen, das Verzehrtwerden von diesem trockenen, ausgebrannten Himmelskörper, der so geheimnissvoll auf die Erde wirkt, fühlte er recht das Schwinden in das geisterhafte Licht hin ... Er legte sich und glaubte zu schlafen, schlief und wachte ...
War es Traum? War es wirkliche Erscheinung? ... Er sah die Tür sich leise öffnen ... er hörte sie knarren ... Tritte schleichen ...
Ach, kam ihm der Gedanke, Das ist Melanie! Er blinzelte einmal auf, lächelte und schloss die Augen wieder ... bleischwer lag eine rätselhafte Gewalt auf seinen Sinnen ... er mochte sich erheben und konnte nicht ... er mochte reden und der Mund war wie krampfhaft geschlossen ... Wie Musik floss es um ihn her ... Er fühlte jene Schwingungen der Seele, die uns oft sind, wie die Vorahnungen der Seligkeit ... wie der Tod uns nahen mag ... So zerfliessen ... so hinübergehen ... so sterben!
Er täuschte sich aber nicht. Es war ein nächtlicher Besuch, den er zu begrüssen, anzureden keine Kraft hatte ...
Nicht aber Melanie war es.
Eine männliche, edle Gestalt beugte sich auf ihn nieder ... Er sah, er fühlte sie ... Er lächelte zu ihrem lächelnden, freundlichen Gruss empor.
Der Fremde hatte ein Bild in der Hand ... es war rundoval ... die Farben blass ... Der goldene Rahmen glänzte matt im Mondenschein ... Es war das Bild einer jungen schönen Frau und Der, der es trug, war Ackermann, der Amerikaner. Leise trat der nächtliche Besuch näher, neigte sich über Dankmar, küsste abwechselnd das Bild, abwechselnd die Stirn des halbwachen Schläfers ... Dann war das Bild verschwunden, aber der Fremde, derselbe, den man