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kleinen Fenster, Vogelbauer hingen mit einigen schon schlummernden Canarienhähnen, ein Stehpult mit einem Drehstuhl davor zeigte Spuren fleissiger Benutzung sowohl des Tintenfasses wie der Streusandbüchse. Das Auffallendste aber war eine reiche Bibliotek. Hinter den Glasfenstern eines hohen Bücherschranks las Dankmar in der Abenddämmerung an dem rücken der Bücher: Rotteck's Weltgeschichte, Das Pfennigmagazin, Welcker's Staatslexikon und eine Menge von Schriften, die früher zu den verbotenen gehörten und meist in Altenburg, Hamburg oder im Auslande erschienen waren ...

Diese verbotenen Bücher, bemerkte Justus, entielten viel Falsches, allein man musste sie sich anschaffen, um auch das Gute sich anzueignen, das sie mit dem Falschen zugleich brachten. Wahrheitstrieb erschien damals für unerlaubte Freisinnigkeit. Ich galt viele Jahre für einen schlimmen Feind des Königs und wurde von seinen bösen guten Dienern arg verfolgt. Diese Schriften, die ich mir mit List und Gefahr verschaffen musste, lagen alle versteckt und sind erst jetzt gebunden worden. Es war wahrhaft traurig, dass man etwas hüten und heimlich schützen musste, was man nur las, um es sehr bald als Übertreibung zu vergessen. Doch war auch manches gute Korn unter der Spreu, und Das soll jetzt aufgehen und gute Frucht bringen. Nicht wahr, Herr?

Dankmarn war sonderbar zu Mute. Er musste den Mann, der sich da so ganz aus eigenen Mitteln emporgerafft, eine Bildung und sogar eine Meinung sich erworben hatte, von ganzem Herzen achten und doch misfiel ihm das Selbstgefühl des Heidekrügers, sein gewichtiger, feierlicher und dann wieder naiver und gemachter treuherziger Vortrag und mehr noch als Dies seine egoistische Auffassung des staates. Als der Heidekrüger das Kämmerchen wieder schloss und nach den Zeitungen griff, um mit grosser Spannung selbst noch in der Dämmerung, ehe man Licht brachte, ihren Inhalt zu überfliegen, musste er sich sagen, dass ja zuletzt der Absolutismus eines Fürsten von Gottes Gnaden nicht schlimmer ist als so ein Patriot von Gottes Gnaden, der ganz wie Jener den Staat aus seinem eigenen Ich herleitet. Dennoch gefiel ihm wieder, als dieser Mann, den er fast für den rechten Urtypus des politisirenden deutschen Michels hätte nehmen mögen, beim Umblättern der Zeitungen sagte:

Diese albernen sogenannten Eingesandts! Ist's denn möglich! Die Gesinnung möchte' ich hingehen lassen, obgleich sie in übertriebener Unterwürfigkeit nur den Rückschlag in die alte dumme Zeit zu weit befördern, aber sieht man nicht jeder Unterschrift an, dass sie von Menschen herrührt, die gleichsam dem Landesfürsten sagen mögen: Merkst du dir denn auch meinen Namen? Unterstützest du mich denn nun auch bei gelegenheit oder befiehlst den Ministern, meinen Sohn zu befördern? Da flucht ein Rittergutsbesitzer der Umgegend hier über die Demokraten und unterschreibt sich gross und breit mit seinem ganzen Major ausser Diensten und allen Kreuzen, deren Inhaber und Ritter er ist. Aber wir Alle wissen, dass dieser Herr Vom Busche neulich die Dreistigkeit hatte, an den König zu schreiben, seine Tochter müsste doch nun wohl auch das Pianoforte lernen, er könnte ihr, da er fünf Kinder hätte, kein Instrument kaufen, ob sein allergnädigster Fürst und Herr nicht die Gnade haben wollte und ihm für seine treuen Dienste

Ein Pianoforte kaufen? sagte Dankmar, zornglühend, und setzte hinzu:

Und ich glaube fast, dass der Mann das Pianoforte bekommen wird?

Er hat es schon, sagte Justus. Ja, ja, die Geheimnisse unserer fürstlichen Chatoulle gäben das unterhaltendste Buch, das einem hamburger Buchhändler nur könnte verboten werden ...

O, rief Dankmar, müsste den König nicht Zorn, ja Scham ergreifen, wenn er sähe, worauf er die Behauptung seiner Vorrechte gründet, wenn man solche Adressen schreibt und schreiben lässt! Sind es denn freie, unabhängige Menschen, die da mit sich selbst beschränkendem, lohndienerischem verstand seiner Gewalt zustimmen? Nein, es sind Die, denen die alte Ordnung der Dinge Vorteile brachte, die sie bei der neuen zu verlieren fürchten. Die Demokratie mag viel zügellose Elemente in sich hegen und manchen verdächtigen Ansprüchen einen schimmernden Namen geben, aber so auf die Lüge gebaut ist sie nicht, wie bei uns die Verteidigung des alten beschränkten Landeskinder-Gehorsams. Menschen, die nie einen andern blick in die Zukunft warfen, als der bis zu ihrem nächsten Gehaltstage oder bis zu ihrem Avancement reichte, geben sich plötzlich das Ansehen, politische Gedanken zu haben und wollen den Tron befestigen, indem sie ihn auf ihren eigenen Egoismus bauen! Hätte sich das Regiment bei uns wirklich geändert, auch dieser Major Vom Busche würde sich verändert haben und sein Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln, der ihm gerade dem Staatsschatze am nächsten sitzend erscheint ...

Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg! sagte der Hei

dekrüger etwas spitz.

Und darum, fuhr Dankmar ungehindert fort, dass

solche Zumutungen, solche Misbräuche nur bei der gegenwärtigen Form der Regierung, ihren militairischen Erinnerungen und ihrem patriarchalischen Verwachsensein mit dem Dünkel der isolirten Nationalität möglich sind, darum soll das Bessere, Vernunftgemässere gefährlich und verderblich sein? Den Schmarotzern am Tische der Monarchie allein ist es verderblich und darum auch der Monarchie selbst gefährlich. Können sich Trone auf die Länge behaupten, die auf den Egoismus einzelner träger Classen gebaut sind? Wird man nicht endlich einsehen, dass, wie die Schrift sagt, die Lüge der Leute Verderben ist und jedes Königshaus entweder der Republik oder einer radicalen monarchischen Verjüngung weichen muss, wenn es, wie einst die Stuarts, selbst eine Partei im staat vertritt?

Republik? sagte der Heidekrüger lächelnd. Bitte