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redete ihm diese Ansicht ganz entschieden aus, indem er ihm die Wahrheit gestand, soweit sie hierher gehörte.

Ich bin ein einfacher Jurist, sagte er, Dankmar Wildungen ist mein Name, aber ich bin ein Freund des Prinzen. Ich bemerke, dass man gegen mich vorsichtig, behutsam, ja mistrauisch sich benimmt. Reden Sie doch Jedem den wunderlichen Verdacht aus!

Auch Melanien? fragte Lasally, die Augen halb zudrückend.

Auch ihr, sagte Dankmar. Sie hat mir Teilnahme bewiesen, aber es fängt mich zu verdriessen an, wenn sie mich nicht wegen meiner selbst schätzt, sondern aus einem Misverständnisse.

Sie selbst lieben sie also schon! sagte Lasally. Und deshalb möchte' ich, Sie wären wirklich der Prinz Egon ....

Man störte Beide in dieser wunderlichen Erklärung. Lasally wurde abgerufen und Dankmar schritt in der verdriesslichsten Stimmung im Wirtszimmer auf und ab. Sein Abenteuer war ihm wie zerstört. Er war mit der notwendigkeit, ehrenhaft und aufrichtig zu sein, in eine Collision geraten, wo diese siegen musste. In diesen gemischten Empfindungen störte ihn nun auch noch der Heidekrüger, der von der Helldorfer Wahlbesprechung zurückkam und sehr überrascht war, sein Haus so reich an Gästen zu finden. Er erkannte Dankmarn sogleich wieder, hörte von ihm die genaue Angabe aller der Personen, in deren Gesellschaft er angekommen war und erwiderte auf die Frage wegen der politischen Versammlung, die Dankmar an ihn richtete, mit einem sonderbaren Gemisch stattlicher Würde, aber auch ebenso grossen Selbstvertrauens.

Es wird nun doch dahin kommen, dass man mich, nicht den Justizrat wählt, sagte er. Es ist nicht möglich, sich dem Vertrauen seiner Mitbürger zu entziehen. Ich habe mich lange gesträubt, ein so wichtiges Amt, wie das eines Volksvertreters, anzunehmen, allein der grosse Augenblick und die Gefahr, in der sich unser Vaterland befindet, reisst Jeden fort, auch Den, der nur geringe Gaben hat und die, die er vielleicht besitzt, nicht wie ein Gelehrter ausbilden konnte. Das Ministerium schwankt. Es wird sich nicht halten können und was an mir ist, würde' ich der Letzte sein, der es von seinem Falle rettete. Es genügt Keinem; dem Adel nicht, dem es zu frei, dem Pöbel nicht, dem es zu gemässigt ist. Die Verwirrung in der Hauptstadt soll grenzenlos sein und umsichtiger, besonnener, ruhiger Vaterlandsfreunde bedarf es mehr denn je. Ich bringe wenigstens meinen guten Willen mit.

So hätte also der Justizrat Recht gehabt? sagte Dankmar, erstaunend über die gewandte Art des Heidekrügers, sich zu fassen und auch in Worten auszudrücken.

Ich schlug ihn vor, sagte Justus, die Achseln zukkend. Ich nannte Alles, was man zum Lobe eines so gelehrten Mannes sagen kann, der in grossem Ansehen steht. Aber man scheut sich jetzt, von Advocaten zu hören. Man hat kein Vertrauen mehr, seitdem Die, welche am gewandtesten von den Rechten der Menschen sprachen, kein Wort mehr für die Pflichten hatten. Das Eigentum ist es, bester Herr, das nicht in Gefahr kommen darf. Man muss nicht zittern dürfen vor einem tollen Durcheinanderwühlen von Mein und Dein. Man muss sich sogar nicht fürchten müssen vor Dem, was man uns von den Rechten der Andern schenkt; denn wie bald würde man wieder von Solchem, was uns nun gehören soll, doch wieder Andern abzugeben haben!

Sie sind conservativ geworden, sagte Dankmar, und haben als reicher Mann alle Ursache, vor einer zu wilden Gährung der Köpfe Haus und Hof zu sichern. Aber der Justizrat wäre doch unstreitig auch ganz Ihrer Meinung gewesen ....

Der Heidekrüger wurde nachdenklich. Er sah voraus, dass seine Stellung dem Justizrat gegenüber recht ärgerlich war ...

Dankmar erleichterte ihm seine Verlegenheit und meinte: der Justizrat würde wohl zu weit rechts gesessen haben?

Es ist sehr schlimm, sagte der Heidekrüger kopfschüttelnd, dass es soweit hat kommen müssen, jeden Menschen gleich links oder rechts unterzubringen. Wenn es nach mir ginge, setzte ich mich auf die äusserste Linke und stimmte rechts! Was sollen denn diese Unterschiede? Wozu denn dieser Zwang, den der Parteigeist schon ausübt, eh' man nur den Saal der Sitzungen betritt? Ich kann den Schwätzern nicht folgen und ich kann auch der Regierung nicht folgen ... sagen Sie mir die Stelle, wo ich mich hinsetzen soll?

Ins Centrum, meinte Dankmar ironisch, und da müssen Sie denn doch noch Minister werden, wie der Justizrat gesagt hat ...

Indem brachte die unpolitische Liese ein Packet neuer frischangekommener Zeitungen, das sie unwirsch vor ihrem begierig darüber herfallenden Herrn hinwarf. Es waren deren eine so reiche Auswahl, dass Dankmar sagte:

Alle neuen Zeitungen? Sie treiben ja die Politik wie Metternich!

Das sollte Sie freuen, bester Herr, erwiderte Justus, die Blätter begierig auseinanderfaltend. Das Licht besserer erkenntnis, die Verbreitung der Hülfsmittel, um das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, tat endlich not. Wir haben auch früher in den zeiten des Druckes, wo unsere Klagen in dem jämmerlichen Institut der Provinzialstände ungehört verhallten, nicht die hände in den Schoos gelegt. Sehen Sie, dass ich mich wohl vorbereitete auf eine bessere Stunde und las, was uns frommen kann, nun sie endlich geschlagen hat.

Damit öffnete Justus nicht ohne einige Zaghaftigkeit und geschmeichelte Verschämteit die Tür eines Nebenzimmers. Es war ein Cabinet, recht traulich und fast wie das Studierzimmer eines Gelehrten anzusehen. Da waren Epheuranken am