in schlimme Händel bringen konnte. Aber zu lange konnte er kaum beim Vergangenen verweilen; denn Alles, was ihn an Schlurck, den Heidekrüger, die Wahlen und den Wagen, der hier mit seinem wiedergefundenen Verluste, den alten Papieren des Tempelhauses in Angerode, gestanden hatte, erinnerte, verdrängte jetzt die Überzeugung, dass sie hier wirklich den Geheimrat von Harder eingeholt hatten. Da stand sein Landau, vom Regen triefend, da war der Möbelwagen, die Arche Noäh, wie sie jetzt von Melanie genannt wurde; da sah er am Stalle die beiden Gendarmen und die Leute des Intendanten, die von da aus den mit einer eisernen Stange verschlossenen Wagen streng behüteten ..... Wie sich Alles sammelte, über das Wetter klagte, Zimmer, speisen verlangte, wie die Hunde an den Ketten rissen, Bello kläffte, Einer da, der Andre dortin sich verlor, war Das ein Durcheinander zum Einbüssen aller Besinnung. Melanie flüsterte Dankmarn, als er in das Zimmer trat, das ihm die Liese für diese Nacht anwies, die kurzen aber bedeutungsvollen Worte zu:
Wie und wo das Bild herkommen soll, weiss ich noch nicht! Aber Sie haben es bis morgen!
Dankmar wollte etwas Verbindliches erwidern. Sie schnitt seine Worte ab und sagte nur:
Lassen Sie, da ich nicht weiss, wie ich Ihnen das Bild zustellen kann, die Nacht über die Tür Ihres Zimmers offen! hören Sie?
Damit verschwand sie und überliess Dankmarn dem Erstaunen über Etwas, was ihm völlig unmöglich schien. Er öffnete das Fenster des kleinen dumpfen Zimmers, um trotz des Regens frische Luft zu gewinnen. Es war ihm nicht lieb, dass er diese kammer als jene erkannte, in welche man Hackerten geführt hatte, als man ihm nicht sagen wollte, dass er im Schlafe wandelte. Das Heu, das damals von Hackert aus dem Stalle mitgebracht wurde, lag nicht mehr im Zimmer. dafür war der Heidekrug zu reinlich gehalten. Aber die Erinnerung war da und die erschreckte ihn doch mächtig.
Den Abend über ging es nun verworren genug in diesem haus und auf dem hof zu. Die schöne Einheit der Gesellschaft war durch das Wetter und die breite Souverainetät, mit der sich die Excellenz des Wirtshauses und seiner besten Zimmer bemächtigt hatte, gestört. Jeder ass für sich. Die Damen hatten sich ganz zurückgezogen. Der Versuch, nachdem der Regen mit Sonnenuntergang aufgehört hatte, das Freie zu gewinnen, den Garten zu besuchen, in den Wald, an den er grenzte, einen blick zu werfen, scheiterte an den stehenden Wassern und dem feuchten Grase. Dankmar war überrascht, sich so plötzlich allein zu wissen, kaum noch selbst von Melanie beachtet. Er hörte viel Trepp auf, Trepp ab gehen, sah auch den Geheimrat öfters den Kopf zum Fenster hinausstekken, vernahm auch, dass die Bedienten immer in Bewegung waren. Aber so sehr seine Neugierde durch dies Alles gesteigert werden musste, so ergab er sich doch völlig ungewiss in das Unabänderliche und überliess es der Zukunft, in das Chaos, das auf seine Brust gewälzt war, Licht zu bringen und seine Stimmung in heitere leichtere Gefühle aufzulösen.
Im Wirtssaale traf er bald mit dem reichen Banquier von Reichmeier, bald mit dessen Schwager Lasally zusammen. Man beratschlagte über die vorsichtigste Art, zur sichern Entdeckung der Hakkert'schen Frevel zu gelangen. Dankmar, dessen Besorgniss über das von ihm an Lasally abzuliefernde Pferd immer mehr stieg, schloss sich ihrer Entrüstung mit aller Entschiedenheit an und weigerte sich keineswegs, etwa verlangte gerichtliche Zeugnisse abzulegen. Reichmeier war über Hackert weniger unterrichtet als Lasally. Dieser gestand, als Dankmar von dem krankhaften Zustande des Nachtwandelns sprach, dies bedauerliche Übel des Burschen, wie er ihn nannte, ein, bemerkte aber, die Discretion verböte ihm, über die wahren Ursachen dieses Zustandes ausführlicher zu sprechen.
Jedenfalls, sagte er, können Sie überzeugt sein, dass Das ein Mensch ist, der alle Fähigkeiten besitzt, Einem über den Kopf zu wachsen, wenn man ihn nicht zur rechten Zeit mit Füssen tritt. Sie werden doch jedenfalls zugestehen, dass es ein Unglück ist, wenn Spitzbuben grosse Männer werden? Deshalb ist die Polizei, das Zuchtaus und im Notfall jede andere eclatante Beschimpfung da, um die übergrosse Üppigkeit solchen Talenten für immer zu vertreiben.
Dankmar verstand nicht recht diese gewalttätigen Äusserungen und fand sie auch zu unbehaglich, um länger über sie nachzudenken oder gar über sie zu fragen. Er beschloss die Erinnerung an diese Begegnung, wenn irgend möglich, ganz aus seinem Gedächtniss zu werfen und unterhielt sich mit Lasally über andere Dinge. Im Ganzen fand er ihn klug und sehr klar, aber von merkwürdig geringem Fond. Es war ein junger Mann, den man zum Gentleman erzogen hatte und der deshalb, weil ihm die Mittel dafür zu fehlen anfingen, in einer verdriesslichen Stimmung war. Es gefiel ihm, dass Lasally etwas Offenes und Aufrichtiges hatte. Als sie Beide im saal allein waren und einander ihre Cigarren anrauchten, sagte der Stallmeister auch ganz frei heraus:
Sie sind Prinz Egon von Hohenberg! Man weiss es. Warum wollen Sie sich auch vor mir maskiren? Ich stand sonst mit dem Grafen d'Azimont in Verbindung. Er kam vor einigen Jahren aus Paris, ich sollte ihm damals einen Stall completiren und bin darüber noch mit ihm in Verrechnung. Von seinem Verwalter erfuhr ich, dass Sie im Incognito Ihre Güter besuchen wollen, zum grössten Jammer der Gräfin, die Sie liebt ...
Dankmar