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putzten. Zu meinen Ältern, weisst du noch, Schwester, kam immer Einer mit einem ganz kleinen Zöpfchen, das er hinten in der Weste versteckt hatte .... Er kam jeden monat zu uns, als wir noch alte Schlaguhren hatten. Ob das alte Eisoldchen noch lebt?

Der alte Eisold? Ich kenn' ihn wohl, sagte Frau Schlurck.

O, fuhr Dankmar fort, ich kenne das alte Eisoldchen nicht, aber verlassen Sie sich darauf, er ist tot! Alle gehen hin, die noch etwas von der Art des vorigen Jahrhunderts in seiner Blütezeit haben. Vielleicht gelingt mir's durch Ihre Protection, fräulein, den Präsidenten einmal in Tempelheide zu sprechen. Er ist für die Juristen sehr unzugänglich und gibt in Tempelheide vollends nur Denen Audienz, die sich ihm im Interesse seiner Studien über die Tierseele oder mit dem Zeichen der Freimaurer nahen.

Melanie lächelte über die consequente Art, wie Dankmar seinen Charakter als Rechtsverständiger festielt.

Anna von Harder, sagte sie, kann Sie bei ihm einführen ...

Zufällig war der Wagen, in welchem Bartusch fuhr, fast dem der Justizrätin dicht zur Seite gekommen. Bartusch griff von den letzten Äusserungen eine auf, die sich auf den alten Uhrmacher Eisold bezog, und rief herüber:

Behüte! Der alte Eisold lebt. Brandgasse Nr. 9. im dritten hof drei Treppen hoch. Hackert wohnt ja bei ihm ...

Damit fuhren die Wägen wieder hintereinander und in der frühern Ordnung.

Die Erwähnung Hackert's brachte einen Miston in die Stimmung der jungen Gesellschaft, die im Wagen der Justizrätin sass.

Lasally, der unterwegs immer an seine gerichtliche Untersuchung denken mochte, sagte:

Beim alten Eisold wohnt Hackert? Sieh! Sieh!

Die Justizrätin, die Melanie's Unruhe bemerkte, wollte die Wiederaufnahme dieses Gegenstandes vermeiden und fiel sogleich ein:

Brandgasse Nr. 9. grosser Gott! Wohnt der alte Mann in den jammervollen Häusern, wo die Armut und das Elend hausen ......

Ist die Brandgasse nicht eine schmale, enge, altertümliche Strasse? fragte Dankmar.

In der Altstadt ....

Wo nicht Sonne, nicht Mond scheinen?

Uralte Häuser, die mein Mann administrirt ...

Es sind Häuser ...

Die der Commune gehören; Häuser, die alle an dem Eingang mit dem Kreuz und dem vierblättrigen Kleeblatt bezeichnet sind ....

Dankmar horchte staunend auf.

Die Stadt zieht aus diesem Elend und Jammer, sagte die Justizrätin, jährlich bedeutende Summen. Man glaubt es nicht, was Alles auf den Ertrag dieser Höhlen der bittersten Armut angewiesen ist. Ich versuchte sonst, sie zu durchwandern und mich nach den Leiden dieser hier eingepferchten Bevölkerung zu erkundigen; aber ich verzweifelte bei dem Anblick und hielt ihn auf die Länge nicht aus ... ich konnte zuletzt nicht mehr tun, als mich an die Gesellschaft der Frauen anschliessen, die diesen Armen beizuspringen sich zur Lebensaufgabe gemacht haben und gern würde ich tätiger im Frauenverein mitgewirkt haben, wenn ich nicht immer von diesen Damen hätte hören müssen: das Christentum wäre solchen Unglücklichen nützlicher als frische Wäsche. Zu dumm für solche Sätze, zog ich mich zurück und beschränkte mich auf Geldbeiträge.

Diese Häuser gehören zu der Erbschaft ... sagte Dankmar vor sich hin und verfiel in ernstes Nachdenken.

Lasally erwachte aber aus seinem Grübeln und sagte mit einem Griff in die tasche:

Beim alten Eisold! Himmel! Jetzt begreif' ich die Form dieser Kugeln. Es sind ja Uhrgewichte ....

Damit zeigte er die bleiernen, kleinen runden Körper, die man anfangs für Spitzkugeln gehalten hatte und die in der Tat auch für Uhrgewichte gelten konnten.

Lasally wünschte weitere Erörterung, Dankmarn drängte die Frage nach dem verhältnis des Justizrats zu jenen Häusern in der Brandgasse, von denen man sagte, dass die städtische Commune von ihnen mit unnachsichtlicher Strenge Abgaben eintreibe .... Melanie aber machte durch ein einziges: "Ich bitte!" und ein Zurückstossen der von Lasally dargehaltenen Kugeln oder Uhrgewichte der weitern Erörterung ein Ende und brach kurz und entschieden von einem gegenstand ab, der jede der in diesem Wagen befindlichen Personen anders und entgegengesetzt, aber Keinen in erfreulicher Art aufzuregen schien ...

. .....Mit der flachern Gegend war auch das Wetter unfreundlicher geworden. Es fing an zu regnen. Man schlug hinten wohl die Wägen auf, aber nach vorn blieben die Herren ungeschützt und mussten sich mit Regenschirmen behelfen. Das gab nun eine unerquickliche Fahrt. Man lachte zwar, aber nur um sein Unbehagen nicht zu ernst auszulassen. Melanie und die Mutter hüllten sich in Mäntel. Jene band sogar einen Schleier über den Hut und verbarg sich in einer Wagenecke wie eine verhüllte Nonne, sich ganz ihren Betrachtungen überlassend. Nur zuweilen blitzten die grossen braunen Augen zu Dankmarn hinüber, wenn er gerade nachdenklich in den Wald starrte oder zu den immer dichter heranziehenden Wolken aufsah. Die Kutscher peitschten zur Eile ...

Dankmarn waren trotz des strömenden Regens alle Stellen erinnerlich, wo er vor wenig Tagen mit dem jungen Prinzen, für den er hier selbst gehalten wurde, in nähere Berührung gekommen war und seine Gedanken mit einem mann ausgetauscht hatte, der kein Tischler sein konnte. Was lag da nicht Alles auf seiner belasteten Seele! ... Um sechs Uhr war man im Heidekrug. Er erkannte den lustigen jetzt aber nüchternen und verdriesslichen Hausknecht Dietrich und die rührsame unpolitische Liese, deren Rechnung Hackerten noch