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Möbelwagens zu entdecken. nennen Sie mir den Cavalier, der seinem Fürsten soviel Hingebung zollt und sich auf Staatskosten selbst vor dem Stempel des Lächerlichen nicht scheut, der leider oft den besten und solidesten Bestrebungen in dieser Welt aufgedrückt ist!

Mir fallen da wirklich die Hofmarschälle ein, sagte Dankmar, diese Beamten, die in melancholische Betrachtungen versinken, wie sie's machen sollen, um jährlich einige hundert Taler an Öl und Wachslichtern zu ersparen ....

Die denn doch, ergänzte Bartusch artig und sich fast verbeugend, irgend einem Künstler oder Gelehrten zugutekommen, dem man ein Bild abkauft oder eine Dedication durch ein Geschenk vergilt ....

Bartusch wollte eigentlich nur dem vermeintlichen Fürsten ein Compliment machen und gab doch dem jungen Demokraten eine bittere Lehre.

Wie es schien, waren, wie es immer nach zu ausgelassenen Scherzen zu gehen pflegt, plötzlich Alle verstimmt. Die Mutter und Lasally über den viel zu lang ausgesponnenen Scherz mit dem Geheimenrat, Melanie über den schwerzulösenden Widerspruch zwischen einem Vater, den sie verehren, und einem Sohne, den sie lächerlich finden musste, Dankmar über eine Wahrheit, die ihm aus dem mund eines gesinnungslosen politischen Unterwürflings misfiel. Nur Bartusch frohlockte; denn durch seine Bemerkung und Dankmar's Stillschweigen darauf schien er die vermeintliche Würde ihres Begleiters getroffen zu haben, während dieser gerade an seinen Bruder Siegbert und dessen unverkauftes Gemälde dachte ...

Die andern Wagen waren alle näher gekommen. Man befürchtete einen Regenschauer und foderte die Reiter auf, gleichfalls Platz zu nehmen. Es war über Mittag, die Reiter waren ermüdet, sie stiegen ab, gaben die Pferde den Reitknechten und Bartusch war höflich genug, sich in den zweiten Wagen zu Reichmeier's und der Wirtschaftsrätin zu setzen, während Dankmar und Lasally Melanien und ihrer Mutter gegenüber Platz nahmen.

In Helldorf beschloss man, das Mittagsmahl ausfallen zu lassen und erst im Heidekrug zu soupiren. Im besten Wirtshaus zu Helldorf war auch kein Platz zu finden; denn der grosse Saal hallte von einer Versammlung wider, in der mehre Redner laut durcheinander sprachen. Man hatte auf dem Gelben Hirsch schon erfahren, dass hier eine politische Besprechung stattfand. Die Wirtschaftsrätin behauptete, deutlich ihren Bruder zu hören. Man horchte auf und richtig drangen die donnernden Worte an das Ohr der Reisenden: "Wenn man Familie hat, wenn man wie ich sechs Kinder ernähren muss ..." Man klatschte Beifall.

Es ist sein ewiges Lied, sagte sie, und ich möchte' es heute am wenigsten gern hören: wir fahren wohl hier weiter?

Dankmar dagegen hätte gern etwas von dieser wahrscheinlich der Schlurck'schen Wahl gewidmeten Besprechung gehört. Er sah durch die Fensterscheiben auch den Heidekrüger Justus, dessen gewaltige atletische Formen über Alle hinwegragten und den man sich auch, seiner Stellung auf einem Musikchore nach zu schliessen, als Präsidenten dieser Vorberatung gewählt zu haben schien. Viele Bewohner von Helldorf standen an der Tür und den Fenstern und lauschten .... Dabei gingen Mägde auf und ab und trugen Bier. Die Einen lachten, die Andern zankten. Alle Leidenschaften waren in Bewegung. Der ganze Ort sah aus wie zur Zeit der Kirchweih.

Dankmar, der eine Erfrischung nahm, konnte an der Tür kaum durch. Er hörte drinnen die donnerndsten Schlagworte, hörte Parteien sich befehden, hörte Persönlichkeiten, die jubel oder Drohungen nachsichzogen ...

Für Wen entscheidet sich's denn? fragte er die Leute.

Man wusste noch keine Auskunft. Die Zuhörer waren Urwähler. Die eigentlichen Wähler sassen drinnen und lärmten die ihnen gegebenen Aufträge aus.

Schlurck wird da schwerlich gewählt! sagte er sich.

Solchem Tumult ist der feine satirische Philosoph nicht gewachsen. Ein Schlurck kann Alles, nur das Schreien nicht ertragen ....

Er hatte die Absicht, an die Wägen zurückzugehen und die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass eben Herrn Justizrats Schlurck politische Laufbahn hier entschieden würde. Aber Melanie hatte mit einem andern Gegenstand vollauf zu tun. Bei einer Gruppe Umstehender fragte sie nach dem Wagen des Geheimrats. Man erzählte ihr, dass der grosse Behälter vor noch nicht vier Stunden hier durchgekommen und allgemein wäre angestaunt worden. Die genauere Erkundigung, die sie nach den Gendarmen, den Bedienten einzog, verdrängte in Dankmarn das politische Interesse und erfüllte ihn fast mit Rührung. Er sah, wie das waghalsige Mädchen treu und fest an dem Gedanken hielt, ihm, wie sie versprochen hatte, das geheimnissvolle Bild zu erobern ....

Als man weiter fuhr, betrachtete Dankmar auch Melanien lange mit einem Interesse, dessen eigentliche natur zu bezeichnen ihm fast schwer wurde. War es die unwiderstehliche Macht ihrer Schönheit, die sich gleich blieb, auch wenn man sich an ihre erste blendende Erscheinung gewöhnt hatte? War es ihre in aller Bestimmteit verratene Absicht, ihm und nur ihm zu gefallen? War es die Bescheidenheit, mit der sie sich ihm als ein Wesen von mässigen Ansprüchen auf Geist und höhere Empfänglichkeit gezeigt und sich andern pretentiöseren Erscheinungen, von denen sie erzählte, unterordnete?

War es der neckende humoristische Vortrag ihrer Erzählungen, der plötzlich einem halb scherzenden, halb ernsten Unmut Platz gemacht hatte? Wie erstaunte Dankmar, als er sich nach allen diesen Regungen zuletzt auf einem Gefühle für Melanie ertappte, das er fast Mitleid hätte nennen mögen ...

Mitleid? Nimmermehr! rief es in ihm. Und doch war es Mitleid. Mitgefühl für Etwas, was er in Melanie's Wesen sich kaum selbst bezeichnen konnte, was aber Niemand