wirklich mehr Paradies als wir uns einbilden und selbst besitzen. Eine Landpartie Sonntags ist dem Handwerksmann eine so grosse Freude, wie dir vielleicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar sein würde. Doch lassen wir jetzt unsere socialen Betrachtungen und besprechen wir ernstere Dinge. Weisst du, bester Bruder –
Nichts weiter! unterbrach ihn Siegbert, ehe du nicht die Hauptsache berichtet hast: wie geht's der Mutter?
Sie ist wohl, sagte Dankmar und schenkte die Gläser voll. Wohlan! Das geht voran! Die Mutter lebe hoch!
Die Brüder stiessen an. Die grossen braunen Metgläser wollten nicht recht klingen. Der Wirt zum Pelikan schien keinen Wein zu führen. Doch war das Bier schmackhaft und liess sich trinken.
Und nun, Bruder, fuhr Dankmar fort, höre mir zu! Es ist eine feierliche Stunde!
Ich bin begierig, welche Narrheit du auf dem Tapet hast, ergänzte Siegbert, während Dankmar sich räusperte und also begann:
Siegbert Wildungen, älterer Bruder des sehr ehrenwerten Dankmar Wildungen, malendes Vorbild eines malerischen Referendars! Es kann dir nicht unbekannt sein, dass sich die geschichte unsers Hauses in die ältesten Sagen der Vorzeit verliert. Ich will nicht untersuchen, ob sich schon unter den Rittern der Tafelrunde ein Wildungen durch seinen Durst – ich meine nach Abenteuern -auszeichnete; soviel ist gewiss, dass am hof Karl's des Grossen ...
Teuerster Bruder, fiel Siegbert ein, sparen wir unsere Genealogie für lange Winterabende. Der Apfelbaum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus, dass wir bei ihrem Duft in solchem alten Moder stöbern. Johannisbeerhecken? fragte Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an. Johannisbeerhecken?
Oder Stachelbeeren! Was scheidet uns da von den freundlichen Gärten der Nachbarschaft? Der Bach und die Hecken –?
Johannisbeerhecken! In der Tat! wiederholte Dankmar hinüberblickend. Seit ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe, stutz' ich bei Allem, was an Johannes, gleichviel ob den Täufer oder den Apostel, erinnert.
Bist du Freimaurer geworden? fragte Siegbert staunend.
Gewissermassen, ja! sagte Dankmar. Ich war so frei, in Angerode zu mauern, Wände zu durchbrechen und Johannisbeeren, ... sieh, sieh, in welchem Zusammenhange könnten wohl diese Beeren mit einem der beiden Johannes stehen? Warum nennt man überhaupt diese Beeren Johannesbeeren?
Ohne Zweifel hat sie der Täufer Johannes in der Wüste gegessen, erklärte Siegbert.
Oder ... weil sie um Johannis reif sind – fiel Dankmar ein. Schade, dass meine Auslegung prosaischer ist!
Ich glaube, du bist närrisch, erwiderte Siegbert, ein wenig ärgerlich über den Humor des Bruders, der heute nicht ganz in seine Stimmung passen wollte.
Genug, lieber Bruder, Johannisbeeren oder Stachelbeeren, fuhr Dankmar fort, soviel ist richtig, dass du selbst sehr eitel auf den alten Ursprung unserer Familie bist; denn auf deinem Molay hast du einen deutschen Tempelritter angebracht, der mit dem französischen Heermeister des Ordens stirbt, in deinen Flammen, die wunderschön gemalt, aber in dieser Weise historisch nicht motivirt sind.
Das tat ich aus gutem Bedacht, antwortete Siegbert; denn ein Hugo von Wildungen war der Ahn unsers früher adeligen Hauses, und wenn nicht Templer, doch Johanniterherr der deutschen Zunge in einem ehemaligen türingischen Tempelhause.
Und Gott segne diesen Hugo von Wildungen! fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit ein. Er hat dir den anachronistischen Frevel, ihn zweihundert Jahre vor seinem in Rom erfolgten tod schon in Paris verbrennen zu lassen, aus Anerkennung deiner dabei gehegten guten verwandtschaftlichen Absicht gnädiglich verziehen. Denn wenn ich in Halle und Berlin mein Öl nur einigermassen nicht ganz verloren habe – oleum perdere, lieber Bruder, eine schöne lateinische Redensart für: seine Collegingelder zum Fenster hinauswerfen –, so werden wir mit hülfe dieses von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Besitzer einer kleinen, runden, gemütlichen Million.
Siegbert konnte über diese Bemerkung nicht lachen; denn Dankmar sprach sie mit einem solchen Ernste, das Blut schoss ihm dabei so in die Wangen, der Eifer trieb ihn so convulsivisch vom Tisch empor, dass er im ersten Augenblicke glaubte, sein sonst so nüchterner, nur im Praktischen lebender Dankmar wäre von einer fixen idee befallen. Du staunst? fuhr Dankmar fort. Aber ohne einen triftigen Grund habe ich keine so wahnsinnige Eile gehabt, dich zu sprechen. Ohne einen solchen Sporn hätt' ich keine Sporen angeschnallt und mich auf einen jetzt vielleicht mit dreissig oder funfzig Talern Verlust gemieteten Lasally'schen Fuchs gesetzt. Da musste etwas vorgefallen sein, Herz, was sich der Mühe verlohnte, den Hals zu brechen; denn ich hatte die Absicht, dich aufzusuchen, wo du nur zu finden wärst, und nur dieser rotaarige Proletarier, diese Katrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert, dir Das sogleich mit der gehörigen Feierlichkeit anzukündigen, was mir seit fünf Tagen wie glühendes Feuer im mund flammt.
Siegbert, erstaunend über die Aufregung des Bruders, konnte nichts als, alle Gegenrede vermeidend, ihn bitten, deutlicher zu werden und in Ruhe zu erzählen, was er ihm anzuvertrauen hätte.
Wohlan! Du bist von Taldüren und dem angeroder Lyceum zur Akademie gegangen, fuhr Dankmar, sich wieder setzend, fort, ich zur Universität: wir haben in Angerode, aber nicht im Pfarrhause gewohnt, wo der Vater uns allzu früh starb. Seine frommen Collegen gönnten ihm nicht, da zu wohnen, wo er sterben sollte: denn es war bekannt, dass er sich gern des alten Ursprungs unserer Familie rühmte