1850_Gutzkow_030_159.txt

Melanie fuhr fort:

Löste dieser Verfall fast ohnehin schon das lockere Band

Dem Ihre Schönheit, sagte Dankmar, Ihr Vorzug vor den andern Nachtigallen, noch weniger Festigkeit wird gegeben haben

Spotten Sie nur! erwiderte Melanie. Ich nehme das Compliment doch an. Allerdings behauptete man, besonders der Ausschuss, der so gelb war, wie das alte Notenpapier, das wir absangen, ich machte durch Coquetterie die Bässe und Tenöre im Zählen irre. Jetzt frag' ich Sie, kann ich dafür, dass ich so gut zählen kann? Kann ich dafür, dass man den Wink, den ich immer den Bässen und Tenören gab, wo sie anzufangen hätten, so misverstand, als wollt' ich ihnen etwas zublinzeln, was ganz ausserhalb des Generalbasses lag? Diese Eselsköpfe brachten mich mit meinem Kunsteifer auch leider selbst in dies falsche Licht. Wenn ich nickte und damit bloss sagen wollte: Jetzt kommen Sie! Aufgepasst! so wurden die Tenöre rot und die Bässe verwirrten sich, fragten mich: Wie befehlen Sie, fräulein? und setzten regelmässig falsch ein, bis endlich eine der giftigsten vom Ausschuss, die Gräfin Mäuseburg, die sogenannte Chinesische-Missions-Äbtissin, rief: fräulein Melanie, die Direction sitzt hier am Klavier und wird schon angeben, wann die Herren einzufallen haben. Schonen Sie das Feuer Ihrer Augen!

Diese Äbtissin! rief man scherzend und unterstützte dadurch den lustigen Humor, in dem Melanie plaudernd fortfuhr:

Auf diese fanatische Bemerkung schwieg ich und überliess meine Verteidigung der guten Anna von Harder, die für mich das Wort ergriff, meine gute Absicht anerkannte und mein Talent im Zählen so ausnehmend rühmte, dass ich froh war, nicht die Tochter eines Kaufmannes zu sein, wie eine solche neben mir stand und sich auf die Lippen biss, aus Furcht, von meinem Lobe etwas abzubekommen. Der Friede war nun zwar hergestellt und das Misverständniss ausgeglichen, allein mein Entschluss auszutreten stand fest ....

Und der wahre Grund? fragte Dankmar.

Als ich wegen der Menagerie des alten Präsidenten zum dritten male in Ohnmacht fiel

Ja Das ist der Grund! sagte die Justizrätin; ich glaubte anfangs immer, wenn Melanie nach haus kam, es griff sie das Singen an, wofür wirklich ihre Kehle nicht gebaut ist

Mutter auch du? rief Melanie komisch.

liebes Kind, Sanitätsrat Drommeldei hat dich untersucht und Alles gesagt, was dir in der Kehle ...

Abscheulich! Was soll diese Anatomie!

Genug, fuhr die Mutter fort, ich glaubte immer, du strengtest dich über die Gebühr und gegen dein Vermögen an. Da kam's denn heraus, dass sie förmliche Nervenzufälle gehabt hat über das garstige Getier, mit dem sich der alte kindische Mann, der Obertribunalpräsident, umgibt ....

Nenn' ihn nicht kindisch! rief Melanie. Um Gotteswillen nicht! Ich verehre ihn wie einen Heiligen. Nein! Nein! Mutter! So denke' ich mir die Hohenpriester aus dem Alten Testament.

Und fast wie Siegbert einst zu Hackert bei Tempelheide gesagt hatte, fuhr sie fort:

Dass ein Mann, wie der, der neunzig Jahre zählt und siebzig Jahre lang die Acten der Erbärmlichkeiten aller der Menschen, die unsern grossen Staat bewohnen, zu sehen bekommt, sich zuletzt den Tieren zuwendet, nimmt mich nicht Wunder. Aber noch mehr, er liebt die Tiere nicht als Tiere, sondern er beobachtet und zähmt sie und hat die erstaunlichsten Beweise, wie bildungsfähig z.B. die mir in den Tod fatalen Katzen sind ...

Ist Das nicht Tollheit? sagte die Mutter.

Dankmar berichtigte gleichfalls diese rasche Auslegung und behauptete, dass man über diese Dinge wohl auch eine tiefere Auffassung haben könne. Die Übergänge der natur in den Geist wären wunderbar genug. Wer könnte die Grenze bestimmen, wo der Mensch willenlos würde und einer dämonischen Macht seiner Triebe wie ein von ihnen gefesselter Sklave anheimfalle? Dankmar erwähnte ohne Weiteres ... das Nachtwandeln ...

Frau von Reichmeier, die in ihrem Wagen ganz nahe war und von dem lauten gespräche Vorteil zog, bat, dies Tema doch ja nicht zu verlassen ... Sie gehörte zu denjenigen Jüdinnen, von denen man nicht bloss sagen konnte, dass sie Christinnen geworden waren, sondern dass sie, wie man es gennant hat, "christelten". Es war längst ihr Wunsch, da sie stimme besass, an den berühmten geistlichen Akademieen in Tempelheide teilzunehmen, an Gesangleistungen, für die sich sogar der Hof interessirte ... diese Vorliebe für alte Musik spielte ja auch in die ganze eigentümliche Romantik hinüber, mit der sich der Tron des Staates, in dessen Grenzen wir uns befinden, so bedeutsam umsponnen hatte ...

Sie bat Melanie, den Gegenstand doch ja nicht zu verlassen und aufrichtig zu sagen, was ihr denn eigentlich in Tempelheide so Abschreckendes begegnet wäre? ... Melanie aber, weit mehr jetzt von der Erwähnung des Nachtwandelns erschreckt, antwortete nicht.

Dreizehntes Capitel

natur und Geist

Als Melanie, auf die Alle blickten, zu lange schwieg, ergriff Dankmar das Wort, knüpfte wieder an das abgebrochene Tema an und sagte:

Der alte Obertribunalspräsident ist für seine Liebhabereien ja weltbekannt. Man verdankt ihm wertvolle Versuche über die Schmiegsamkeit und Bildungsfähigkeit der Tiere: seit Jahren sammelt er an einem Werke über die Tierseele. Demnach kann ich mir wohl denken, wie peinlich es sein muss, auf Tempelheide aus- und einzugehen und unter all den Raben, Kranichen,