Ewig und ewig: Heil dir Israel! und Jauchze, Juda! und so Alles durch, was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt haben. Mit Trompeten und Pauken in grossen Kirchenräumen macht sich Das prächtig, aber so mit dünnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen, ganz labyrintisch verwickelten Fugen von zimperlichen Chören gesungen – ich gebe Ihnen mein Wort, man wird vom Zählen allein schon confus, wie sehr erst von dem Durcheinander, wo der Eine Juda! der Andere Israel! der Dritte Jerusalem! jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und summt ... Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand gefallen, aber die Andern stürmten fort wie die Makkabäer, und die gute Anna, die das Ganze am Klavier dirigirte, verlor fast die Besinnung, bis wir zuletzt am Finale ankamen und wie ankamen! Der Eine um acht Takte zu früh, der Andere um zwölf zu spät. Kurz es sind geistliche Charivaris ...
Die aber doch sehr belustigend gewesen sein müssen, sagte Dankmar, über diese Schilderung lachend; warum haben Sie sie aufgegeben?
Ja! Sie waren drollig, fuhr Melanie fort. Denken Sie sich nur, wenn Sie sie kennen, die dicke kleine Trompetta; denken Sie sich diese Frau mit glühender Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in höhern Sphären und ihre blonden Tirebouchons wie eine Löwin vom Stamme Juda schüttelnd, als wollte sie die Demokratie radical zu grund singen ... Die Herren sind teils junge Assessoren, teils Lieutenants, drei Brüder der Flottwitz allein schon, und der Vierte, der noch in der Cadettenschule ist, würde sich auch schon angeschlossen haben, aber seine stimme setzt sich eben ...
Melanie lachte ausgelassen.
Ich habe von diesen Akademieen gehört, besann sich Dankmar. Der alte Präsident soll sie sehr lieben ...
Dankmarn wurde nämlich erinnerlich, dass sich Einige seiner juristischen Collegen der besonderen Protection dieses ehrwürdigen Greises erfreuten, weil sie gute Stimmen hatten ...
Gewiss liebt er diese Concerte, aber nicht der Musik wegen! sagte Melanie.
Weswegen denn?
Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund, warum ich ausgetreten bin. Ich fühlte nämlich allerdings, dass ich weltliches Kind den anwesenden Damen nicht begeistert genug für diese Art von Musik vorkam. Ich singe herzlich schlecht, aber Das weiss ich, ich zähle gut. Und eigentlich ist Das bei diesen Motetten und Oratorien die Hauptsache. Die Flottwitz geriet nun beim Zählen immer ins Schwanken. Sie zerstreute sich, wenn 38 oder 49 über einem Pausenzeichen stand und wir bloss von Anna von Harder's blick abhängig waren, um uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden. Die Flottwitz sah nämlich bei einer solchen grossen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Brüder und verlor sich in Betrachtungen über die Zahlen der Regimenter, die auf den Knöpfen derselben zu lesen stehen. Wahrhaftig, sie war weit mehr beim 38sten und 49sten Linien-Infanterieregiment, als bei dem Chor der Pharisäer und Schriftgelehrten, den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Mädchen vom Stamme Benjamin oder Ruben ablösen mussten. Nein, nein, zählen konnte' ich wirklich ganz allein, und Takt glaube' ich immer zu haben. Aufrichtig, ich sehnte mich nach frischerer, lebendigerer Musik, so gering ich sie auch unterstützen konnte. Als ich einmal die "Jahreszeiten" zu singen vorschlug, kam ich gar übel an. Man erklärte die "Jahreszeiten", besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses, der sich um die sanfte, treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie tyrannisirte, für eine im grund frivole Musik, die alle Kennzeichen ihres Ursprungs aus dem Wiener Prater an sich trüge. Minder leichtfertig erschien die "Schöpfung". Als dann abgestimmt wurde, was man wählen sollte zum nächsten Winterstudium, blieb ich mit zwei Lieutenants und drei Assessoren für die "Jahreszeiten" und, in Folge eines Amendements, sogar für die "Schöpfung" in der Minorität. Der "Tod Jesu" siegte.
Ist doch auch ziemlich modern! warf Dankmar ein, den diese Mitteilungen aus gewissen exclusiven Kreisen der Gesellschaft interessirten ....
Würde auch nicht gesiegt haben, erzählte Melanie, wenn nicht die Flottwitz das Wort ergriffen und dem "Tod Jesu", ausser seiner grösseren Heiligkeit noch besonders eine militairische Ehrwürdigkeit zuerkannt hätte.
Militairische? fragte Dankmar erstaunt.
Militairische! Der "Tod Jesu", sagte die Flottwitz, wäre ein Garnisonkirchen-Oratorium, Graun wäre Kapellmeister des grossen Friedrich gewesen und hätte die Märsche für Trommel und Querpfeife componirt, die noch jetzt ein gewisses glorreiches Kriegsheer täglich spiele und kurz und gut die rein fromme Partei und die Partei der musikalischen Puristen wurde unterstützt von der jetzt so fanatisch patriotischen des Reubundes. Man machte aus dieser Wahl eine Tendenz- und Zeitfrage. Ich blieb für den österreichischen Haydn in der grossdeutschen Minorität. Die beiden Lieutenants, die Brüder der Flottwitz, die mich aus Galanterie unterstützt hatten, bekamen von Friederiken Wilhelminen, ihrer Schwester, einen ihrer bekannten durchbohrenden Blicke. Sie behandelte die armen Menschen fast wie Fahnenflüchtlinge, die ihrem Könige den Eid gebrochen hätten. grosser Gott, sagt' ich, liebes fräulein von Flottwitz, beruhigen Sie sich, Ihre beide Herren Brüder werden das Vaterland darum noch nicht verraten, dass ihr Ohr nicht geübt genug scheint, aus dem "tod Jesu" den alten Dessauer herauszuhören.
Wie scharf! rief Dankmar lachend.