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Der Bruder der Frau Pfannenstiel war wiederum nicht zugegen. Man sagte ihr, sie könnte ihm vielleicht noch begegnen; er wäre in Helldorf, wo die angesehenen Eigentümer der Gegend sich zu einer Wahlbesprechung unter dem Vorsitz des Heidekrügers Justus versammelt hätten. Die Wirtschaftsrätin wusste, dass ihr Bruder stark Politik trieb und war froh, dass sie sein drittes Wort nicht hörte: Schwester, tu' Etwas für mich! Ich habe ein halbes Dutzend Kinder .... Diese Kinder schmiegten sich denn auch, während die Mutter von der Verlegenheit über soviel Gäste fast überwältigt war, an die Tante, bekamen aber wenig andere Zärtlichkeit von ihr erwidert, als dass sie sich das Zerdrücken und Beschmutzen ihres seidenen Kleides verbat. Sie würde ihnen gern, sagte sie, von den Leckerbissen der Wagenvorräte abgegeben haben, wenn sie nicht dann jene Beschädigung hätte fürchten müssen .... Lenchen lächelte dazu fein, ungläubig und betrachtete sie kaum .... Was ist Blutsverwandtschaft, wenn sie nicht durch den ebenbürtigen Geist vermittelt wird!

Unter einem Apfelbaum hinterm haus nahm die Gesellschaft Platz und breitete ihre Vorräte aus, während die Dienerschaft auf Käse und Butter aus der Wirtsküche und eine schnelle Revision aller Hühnernester angewiesen war. Frau von Reichmeier verteilte Teller, Servietten, Gläser, putzte und reinigte, was ihr nicht sauber schien, während die Justizrätin mit gutmütigen Entschuldigungen ihre scharfe Kritik wieder kritisirte und Alles zum Besten zu kehren trachtete.

So heiter man schien, so entging es Dankmarn doch nicht, dass er anfing die Gesellschaft zu drücken. Seine Anwesenheit belästigte wohl nicht, im Gegenteil musste sie Allen, selbst Lasally, der oft von seiner Anklage gegen Hackert sprach, interessant erscheinen; allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein befangener. Bartusch hatte sich entschliessen müssen, Schlurck's Brief mitzuteilen. Er ging heimlich von Einem zum Andern. Man las, man verglich, man zweifelte und glaubte, jenachdem Dankmar in der Laune war, die geheimen Zeichen des Zweifels und des Glaubens, deren Gründe er wohl erriet, durch sein Benehmen zu unterstützen oder zu widerlegen. Hätt' er nicht immer noch annehmen müssen, diese doch hochstrebende, von der grossen Gesellschaft verwöhnte Melanie gäbe sich seinen Planen vielleicht doch wohl nur hin, weil sie in ihm die Eroberung eines Fürsten zu haben glaubte, er hätte dem zweifelhaften Schimmer seines Ichs bald ein Ende gemacht und sich offen als das anspruchlose Glied der Gesellschaft zu erkennen gegeben, das er wirklich war.

In dieser Stimmung kam ihm ein Gruss sehr willkommen, den ihm ein an dem Apfelbaume Vorübergehender schenkte. Es war Heunisch, der Jäger. Alle kannten ihn. Es befremdete nicht wenig, dass Dankmar, den das seinetwegen stockende Gespräch fast verlegen machte, aufstand, Heunischen, der ins Haus gehen wollte (er kam durch den Garten, vom feld her) auf die Schulter schlug, ihm freundlich die Hand schüttelte und mit ihm nach der Strasse zu durch das Haus ging. Die Kinder umjubelten den fleissigen Besucher dieser Stätte, auf der ihm so Schmerzliches begegnet war. Sie grüssten seinen Hund, den sie liebkosten. Sie nahmen dem Onkel, wie sie Heunisch nannten, den Hut und selbst die Flinte ab, die er ihnen heute gab, weil sie nicht geladen war. Das Pulverhorn behielt er.

Dankmar knüpfte gleich an Heunisch's Erinnerungen an und wollte von Ackermann, von Selmar, von der Ursula und ihrer Erbschaft hören. Während die Gesellschaft im Garten frühstückte, setzte er sich mit Heunisch auf die Bank vor dem Gelben Hirsch, dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes, das über der Tür als Wahrzeichen einer Herberge hing, die man nach der Gesinnung des Herrn Drossel ein demokratisches Widerspiel des "Heidekruges" nennen konnte. Gelb hiess der Hirsch wohl deshalb, weil das Haus grell gelb angestrichen war oder ... umgekehrt.

Wir werden begierig sein, wie die Ansichten des lebhaften, unruhigen, in seinen Finanzen zerrütteten Hirschenwirtes in Helldorf mit denen des Heidekrügers über die Wahl des Justizrats Schlurck zusammentreffen müssen, wollen uns aber einstweilen mit Dem begnügen lassen, was uns unser alter Freund, der gutmütige Jäger, noch aus seinem grünen Reviere erzählen wird.

Elftes Capitel

Ein Nachhall aus dem wald

Heunisch, der Förster, war ein so zerstreuter, gutmütig vergesslicher Mann, dass er nicht erraten konnte, was er eigentlich Dankmarn zu berichten versprochen hatte.

Er fing sogleich, als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte, den er neben sich auf die Bank stellte, während Dankmar durch Abrücken Platz machte ... er fing sogleich von Dem an, was Dankmar bereits wusste.

Ja, ja, sagte er, hier hab' ich meine erste Braut, das Riekchen Drossel verloren. Da die Scheune ist, wie Sie sehen, neu gebaut und auch das Wohnhaus ist fast neu; doch sind's schon wieder fünfzehn Jahre her und Alles sieht schwarz und vergessen aus. Haben Sie denn in der Ullaschlucht das Kreuz gesehen?

Welches Kreuz? fragte Dankmar, selbst zerstreut.

Das Kreuz um Sägemüller's Nantchen! Die Leute weisen ja jeden Fremden dahin und erzählen ihm mein Elend ...

Dankmar besann sich und bedauerte, sich die Stätte nicht angesehen zu haben.

Das Kreuz an dem Wasserstrudel, sagte Heunisch, ist gleich von haus aus schwarz. Drum hält sich's immer wie neu. Die Frau Fürstin liess es setzen. Sie war doch gut ... und eigentlich ist's nicht recht,