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, sondern durch einen einfachen blick: Ich bin Dieselbe, die ich gestern war! Ich bin Die, die sich in der Mondnacht deiner Umarmung nur darum entwand, um dir, wenn du willst, für's Leben zu gehören! Lasally sprach Einiges über den Gaul, den er Dankmarn hatte satteln lassen. Dieser, seit frühen Jahren ein geübter Reiter, fand sich bald auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht wenig durch seine kundige Haltung der Bügel und der Lenkseile. Sie trug einen grauen Hut mit schattiger breiter Krempe, einen blauen Schleier und ein weites, bis oben geschlossenes, gleichfalls blaues Reitkleid. Die Reitgerte hielt sie unter dem linken Arm angepresst, während die linke Hand die Zügel hielt, denn in der Rechten hatte sie ein weisses zierliches Papier, von dem sie Verse ablas, die ihr heute schon in aller Frühe überreicht waren. Sie kamen vom Pfarrer, der sie ihr am fuss des Schlossberges entgegengehalten und einen Abschied genommen hatte, von dem Melanie versicherte, er hätte sie mehr beängstigt als erfreut.

Denn ich bin wohl glücklich, sagte sie, Die zu erobern, die mir gefallen, aber geschätzt zu werden, wo man es am wenigsten erwartete, setzt in Verlegenheit!

Am Ende des Dorfes, dicht vor Zeck's Schmiede, hielten drei Reisewagen, die schon die ganze übrige Gesellschaft aufgenommen hatten. Nach der Abreise Melanie's und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem schloss zurückbleiben. Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und sich mit wenigen Stunden Schlaf begnügt. Diese lebensfrohen, vom Dasein so begünstigten Herrschaften reisten mit allem Comfort des Besitzes. Die Wagen waren elegant und bequem, die Kutscher in Livreen. Recht grossmütig teilte Melanie's Mutter noch an die Diener des Schlosses Geldspenden und Geschenke aus; kärglicher zeigte sich Reichmeier, der sich zu seinen Zeitungen und Cursen zurücksehnte. Die Wirtschaftsrätin war geradezu geizig. Bartusch, der Hannchen Schlurck gegenüber sass, teilte ausserdem noch an die alte Brigitte manche Befehle aus und verhiess eine baldige Rückkehr, worauf sie nicht zu erwidern verfehlte, dass sie Alle in Gottes Hand gegeben wären und dass der alte Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen sehen. Dann wandte die Alte sich zu Dankmarn hin, der eben mit Melanie von der Krone dahersprengte und beantwortete Bartuschens heimlich an sie gerichtete Frage, ob sie nicht glaube, dass dieser Herr der Prinz Egon wäre, mit den Worten:

Über ein Kleines wird man ihn sehen und über ein Kleines wird man ihn nicht sehen!

Bartusch machte ihr seine Frage deutlicher.

Der Prinz! Der Prinz! sagte er. Kennt Sie ihn nicht mehr?

Die Alte hatte so viel Angst vor diesen fremden Leuten, dass sie Alles, was man sie fragte, nur halb verstand. Da meinte sie denn:

Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt!

Bartusch hätte sie nun lieber sollen stehen lassen. Diese gute Alte war eben durch die lange Gewöhnung an kirchliche Äusserungen, durch überirdische sehnsucht, zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von vielleicht noch einigen Jahren der Entbehrung, in einen solchen Zustand der Verdumpfung geraten, dass sie nur das allernächste Wirtschaftliche noch begriff und auf Bartusch's erneuertes Drängen, ob sie jenen jungen Mann nicht für den Prinzen Egon halte, unfähig war, sich zu sammeln und vernünftig zu antworten.

Auch die beiden Zecks standen schon vor der Schmiede und gafften, der Blinde als wenn er sehen, der Taube als wenn er hören könnte. Seit Jahren schon waren sie gewohnt, ihre Sinne gegeneinander auszutauschen, und so kam es fast, dass der Blinde besser sah als der Taube, und der Taube besser zu hören schien als der Blinde. Sie fassten sich Beide an; denn das Pferdegetrappel machte den Stand selbst unter dem Vordache der Schmiede gewagt. Der alte Zeck lächelte, weil er viel zu wissen schien, der junge lächelte, weil er entschieden nichts wusste und einfältig war. Jener grüsste in einem fort und sprach laut die lebhaftesten Reisewünsche aus, dieser nickte Allen zu und bestätigte stumm, was der Vater hastig und von innerer Unruhe getrieben fast in die Luft sprach, denn Niemand hörte auf sie; selbst Dankmar nicht, dem diese Menschen seit dem Besuche des Amerikaners und Heunisch's harmlosen Mitteilungen nicht mehr gefielen. Nur Bello kümmerte sich um sie und klaffte auf seinem zum Fourgon umgewandelten Einspänner viel unfreundlicher, als sich für den Abschied und die Ohren der Damen geziemte. Dankmar hörte dem Tiere die Freude an, zu seinem Herrn, dem Fuhrmann Peters, zurückzukommen, von dessen Schicksalen an der Schmiede es mehr zu wissen schien als Peters selbst. Doch suchte er den Lärmmacher ernstlich zu beruhigen.

Als sich denn endlich der Zug in Bewegung setzte und die Reitenden noch eine Weile an den Wagenschlägen sich hielten, kam man noch einmal auf den sonderbaren Abschied des Pfarrers zu sprechen, der am Wege oberhalb einer Anhöhe stand und mit dem Tuche Allen nachwehte.

Dankmar sagte zu Melanie:

Den haben Sie auf dem Gewissen! Der ist an Ihrem Sonnenstrahl noch einmal wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor, als wenn er beschlossen hätte, den nächsten Schnee auf diesen Bergen nicht mehr abzuwarten!

So soll er uns willkommen sein! sagte Melanie. Seine Verse verraten denselben Geist, den Sie ihm auch in seinen Reden werden angemerkt haben. Ich glaube es ist ein Poet.

Etwas viel Gefährlicheres, sagte Dankmar. Es ist ein Genie; wenigstens glaubt er es zu sein