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: Ich bin ein fisch auf dürrem Sand!

Seine einzige Schwäche war vielleicht die, dass er auf eine plötzliche Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte .... In diesem Sinne war er romantischer und abergläubischer als Siegbert. In diesem Sinne glaubte er an Wunder. Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem günstigen Zufalle, in der Liebe oder wohl gar in einem persönlichen Unglück bestehen würde, war ihm fast gleich. Genug er glaubte an die notwendigkeit, dass an jeden Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird, der ihn aus der Gewöhnlichkeit und dem träge sich fortspinnenden Genuss eigener hände- und Geistesarbeit herausschleudern müsse. Die Das bestreiten, sagte er einmal zu Siegbert, der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen "praktisch", ja nüchtern sein konnte; die Das bestreiten, Bruder, haben wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger, das zugeworfene Ankertau kühn zu ergreifen! Wer da zögert und fürchtet, man könnte vielleicht mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen plötzlich losgelassen werden oder das Tau könnte reissen, Der versäumt sein besseres Erdenloos durch eigene Schuld. In spätern Jahren, wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfassten Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Häuschen zur Unterkunft gegen Regen und Ungemach gefunden hat, später entsinnt man sich dann sehr wohl, dass man einst an einem Seitenwege gestanden hat, wo uns ein unerklärliches Etwas in der Brust zurief: Lenke hier ja ein! Man steht vielleicht nicht sehr hoch und übersieht nun doch, dass jener Weg zur eigentlichen Hauptstrasse führte und dass Viele, die ihn wandelten, es weiter brachten als wir. Eine einzige unterlassene Bekanntschaft kann sich so empfindlich rächen! Ein einziges Wort von einem edlen, einflussreichen Menschen, nicht aufgegriffen und befolgt, war so für immer verloren. Ja ein Besuch, den man den Mut hätte haben sollen, einem freundlichen Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schönen Frau zu machen, die in einer Gesellschaft, wenn auch nur drei holde, ermunternde Worte zu uns sprach, konnte für uns Vorteile, Lebensplane, Lebensrichtungen zeitigen, die sich blöde Zaghaftigkeit kaum möglich gedacht hatte. Und in diesem Sinne, sagte er sich immer, greif' ich einmal irgendwo ganz keck zu, wenn ich bemerke, dass an der Wand Etwas, wenn auch nur vom leisesten Schatten einer Schicksalshand spukt und dämmert, und wenn ich Gefahren erblicke, wenn ich selbst vor kühlerm Urteil gestehen müsste, eine Torheit zu begehen, ich finde mich schon aus ihren Folgen wieder heraus, versinke nicht, kämpfe solange ich kann mit den Wogen und bin, wenn ich aus der Betäubung erwache, entweder drüben am andern Ufer, wo Glück und Freude blühen, oder ich erwache nie mehr aus ihr, und Das wäre dann auch gut.

Ein solches geheimnissvolles Schattenspiel an der Wand war Dankmarn nun der Verlauf des ganzen gestrigen Tages. Er hätte, wenn er Siegbert's Wesen folgen wollte, jetzt fliehen müssen. Ein Brief an diese gefährliche Melanie, der Vorwand plötzlicher Abhaltung, vielleicht die ausdrückliche Berichtigung ihres Misverständnisses, wenn sie es, wie Dankmar kaum wissen konnte, noch hegte, alles Das wäre Siegberten nun sogleich gebieterisch in den Sinn gekommen. Er hätte alle Fäden abgerissen und sich wieder in sein Atelier geflüchtet, den Pinsel ergriffen und in Gott und sich vergnügt Leinwand bemalt. Ganz anders der entschlossene feurige Dankmar. Der hielt nun fest, was ihm der Zufall an Drähten von der grossen Weltkomödie in die Hand gespielt hatte. Prinz Egon war nicht mehr zu finden. War es ein Betrüger gewesen, so ergab er sich darein und nahm Das, was sich aus unangenehmen Irrtümern als angenehme Wahrheit ergeben hatte, für ein Übriges, für einen reellen Gewinn. Zum Justizdirector von Zeisel konnte er nicht mehr gehen, denn es war zu früh am Tage. Der Turm, an dem der Büttel wohnte, lag ihm sogar zu fern. War der Prinz entflohen, so konnte ihm nur damit gedient sein, einen Vorsprung zu gewinnen, den er durch seine Meldung vielleicht verloren hätte. Auch hatte er genug zu tun mit seiner Reiserüstung. Schon schlug es fünf Uhr und um sechs wollte Melanie vor der Tür der Krone halten, so meldete ein Jockei Lasally's, den dieser geschickt hatte, um den Einspänner des Fremden in Empfang zu nehmen. Dankmar überwies ihm sein geliehenes Fuhrwerk mit strenger Weisung zur Obhut und Schonung. Auch Bello wurde ihm anempfohlen, den er sorgsam zu hüten versprach. Die Rechnung beim Wirte wurde berichtigt. Er sah dabei mit Schrecken, wie seine zwanzig kleinen Papiere schon zusammengeschmolzen waren, und wenn er vollends gedenken musste, dass diese Summe fast eine bei Hackert gemachte Anleihe war und dass ihn ohne Zweifel in der Residenz die Nachricht empfangen würde, ein ihm von Lasally's Bereiter, dem alten Levi, anvertrautes stattliches Pferd wäre wieder von Hackert auf irgend eine Weise wenn nicht ganz zugrundegerichtet, doch vielleicht gemishandelt zurückgeschickt worden, so ergriff ihn vor den möglichen künftigen Verwickelungen fast ein Anflug von Mutlosigkeit.

Melanie aber erschien ihm bei solcher Stimmung wie Ariadne. Sie war ihm die Retterin aus dem Labyrinte jeder Gefahr. Wie er sie und Lasally und das ihm bestimmte Pferd und einen Reitknecht dahersprengen hörte, verschwand jede Besorgniss. Er trat auf die Schwelle des Gastauses und empfing schon in der Ferne Melanie's freundlichen Morgengruss. Sie nickte ihm alle Träume der vergangenen Nacht zu. Sie sagte ihm nicht durch Worte