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kaum ein Urteil zu fällen. Wenn ihn Egon schon in der Krone aufgesucht hätte? Beim Schliesser nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen. Da im Anbau der wohnung war Alles so still, so finster und schläfrig. War Egon entflohen, warum die Häscher wecken? Auch drüben im Amtause sah man kein Lichtchen mehr. Im dorf nichts als Anzeichen des tiefsten Schlafes aller seiner Bewohner. Selbst in der Krone, zu der er langsam und nachdenklich schritt, hatte er Mühe, die Leute, die ihn erwarteten und im Erwarten eingeschlafen waren, zu wecken. Als er hörte, dass Niemand, auch nicht Einer, nach ihm gefragt hatte und somit der Gefangene ihm fast spurlos verschwunden war (denn morgen in der Frühe hatte er wohl keine Zeit mehr, ihm nachzuspähen), überkamen ihn die sonderbarsten und quälendsten Zweifel. Es war ihm fast, als wenn sein Fuss nicht mehr die Erde berührte, als wenn er mit seinen guten Absichten, mit all seiner Liebe und Aufopferung, wie ein Getäuschter, in der Luft schwebte und wahrhaft komisch erschien er sich, wenn er an seine Figur auf der Leiter dachte, wie er einen Gefangenen befreien wollte, der ihm vielleicht, es war ihm Dies ein höhnischer Gedanke, ein tolles Märchen aufgeheftet und zu einer Posse misbraucht hatte! Die Einsamkeit der Nacht, die Qual der Schlaflosigkeit mehrte den lästigen Reichtum der Vorstellungen, die er sich über dies plötzliche Verschwinden machen musste. Er sah sich mitten im zug von Dingen, die ihm plötzlich nun wie die Neckereien eines bösen Geistes vorkamen ... und wenn ihm nicht Eines sicher geblieben wäre, das Gefühl, mitten in diesem Spuk doch ein wahrhaft Wirkliches gehabt zu haben ... das warme klopfen eines schönen Mädchenherzens an seiner von Lust und Liebe erfüllten Brust ... er würde wie in einem Chaos der unleidlichsten und leersten Eindrücke ratlos umhergetaumelt sein.

An diese eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Tatsache hielt sich denn auch Dankmar. Sie gab ihm Besinnung, Ruhe, Gefühl der Sicherheit, Behaglichkeit und Schlaf.

Er schloss aber doch die Augen viel zu spät für die frühe Stunde, in welcher er Befehl gegeben hatte, ihn am nächsten Morgen zu wecken.

Zehntes Capitel

Heimwärts

Nach einem ereignissreichen Tage, an welchem sich vielfache Fäden für zukünftige Erlebnisse angesponnen haben, spornt bei tüchtigen Naturen das Erwachen nur zum Mut und zur Entschlossenheit. Alles Das, worauf man in der Frühe sich vom Abend her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu ändern ist, tritt jetzt in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzuführenden Aufgabe vor die Seele zurück und weit entfernt, zu klagen und sich in Betrachtungen zu verlieren, wie das Alles hätte möglich sein können, rührt ein entschlossener Geist die ihm zugebotestehenden irdischen hände, kämpft sich durch die Schreckbilder eitler Erwägungen hindurch und beginnt oft von einem solchen schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens.

Dankmar, ein freier Naturmensch, war noch keineswegs ein fertiger abgeschlossener Charakter. Er fühlte zu oft noch, dass immer wieder neue Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten rüttelten, neue Bekanntschaften, neue Tatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten Gleichgewichte werfen konnten. Aber bis zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht, dass er nicht mehr von jedem Eindrucke, der ihm unvorbereitet kam, sogleich willenlos hin und her geschleudert wurde.

Während Siegbert mehr ein Gemüts- und Phantasieleben führte, hatte Dankmar die tatkräftige und verständige Richtung seines inneren vorzugsweise schon entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzügen seine etwanige künftige Laufbahn entworfen. Er liebte das Recht, dessen Studium und Praxis er sich zur Lebensaufgabe gewählt hatte, er liebte es auch an und für sich selbst. Er hatte schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte Denen, die seinen für Das, was ihm wahr schien, aufflammenden Eifer misverstanden, heftig, ja gewalttätig erscheinen. Er scheute schon als Knabe keine Gefahr, wo ihn das Bewusstsein einer richtigen Handlungsweise, einer Ausgleichung fremder Unbill begeisterte. So war er auf der Universität nicht nur oft in Zweikämpfe verwickelt, die er ohne Tollkühnheit mit besonnenem Mute bestand, sondern noch weit öfter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhändel und nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen, wo er den Ausbruch einer übereilten Berufung an die Waffen hintertrieb. Sein männliches Wesen gewann ihm alle Herzen. Bei jedem Anlass, wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander platzten, wählte man ihn zum Vorsitzer der Debatte. Er hatte überall die angenehme Genugtuung, dass sich ihm die tüchtigsten Menschen unterordneten, worüber er nicht um seinetwillen, sondern um der Sache selbst willen Freude empfand. Bunten Seifenblasen lief er nicht nach. Er liess das süsse Geschäft des Träumens seinem weichern Bruder.

Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert's Richtung noch nicht. Er hielt hier eine männliche Befruchtung, dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern für notwendig; denn die Geister, sagte er, haben kein Geschlecht. Für sich selbst aber behielt er Das als Richtschnur, was seinem Wesen entsprach. Er scherzte oft tändelnd ohne gedankenlos zu werden, er spottete ohne zu verwunden. Im Übrigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste, den er gefällig, leicht, ohne Kopfhängerei zur Schau trug. Unterstützt von einer sehr edlen Gestalt, die sichtbar die Kraft und Fülle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug, hätte er in der Welt grosses Glück machen müssen, wenn ihn nicht die spärlich zugemessenen Mittel beengt und von einer freien Bewegung in grösseren Kreisen entfernt gehalten hätten. Wie oft rief er nicht mit dem Dichter