im Turme, dem er jetzt noch vor dem Gitterfenster hinauf Mut und Trost zuzusprechen beschloss, gedachte er im heitersten Humor und sagte sich:
Ich bin wahr gewesen! Ich war Dankmar Wildungen! Ich habe meine eigene Rolle gespielt und deine Fürstenkrone mir nicht aufs Haupt gesetzt. Ich! Ich fühlte den Druck ihrer Hand! Wie schlug diese warme Brust an der meinen, wie strömte das elektrische Feuer der Berührung aus ihren Adern in die meinen, und wenn ihr die Schuppen vom Auge fallen, wer weiss, ob der Wahn siegt oder die Wirklichkeit! Sie liebt nicht Das, was ich scheine, sie liebt Das, was ich bin!
Und in diesem Hoffen und Entzücken, das seine Adern schwellte, seine Sehnen stärkte, konnte ihm zuletzt auch nichts Willkommneres geschehen, als der plötzliche Anblick Hackert's ... Er war es, der hinter den büsche rauschte ... Das schleichende Rascheln um Dankmarn her verriet ihn schon längst ... Er sah ihn jetzt am fuss des Weges sich ducken und lauern ... ob auf ihn, ob auf Die, an denen er sich auf dem schloss so teuflisch gerächt hatte ... er wusste es nicht, musste aber annehmen, dass er auf ein neues Verbrechen sann; denn an dem Rauschen hörte er, dass es war, als streifte er mit einer langen Stange an dem Laube der hohen Hecken. Bald sah er deutlicher; Hackert hielt eine Leiter in der Hand, die er in dem Augenblicke fallen liess, als er Den, der noch so spät den Schlossweg herunterkam, erkannte.
Elender Hallunke! rief Dankmar zornentbrannt schon von Ferne. Mörder! Dieb!
Wie Hackert – er war es wirklich – diesen zornigen Anruf hörte, sprang er ins Gebüsch.
Er mochte sich diese Begrüssung nicht haben träumen lassen.
Dankmar in einer Stimmung, als müsste er die längst ihn schon quälende Spannung und Ungewissheit über Hackert durch irgend eine probe seiner männlichen Kraft und wäre sie mit der Faust endlich lösen, rief:
Steh, Bube! Steh!
Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch nachrief: Eine Kugel in dein Ohr, Mörder! Wo ist mein Pferd, Gauner? ... war er plötzlich ganz verschwunden.
Dankmar fühlte sich in einer Stimmung, als hätte ihm Liebe und Wein die Zunge gelöst und zum Redner gemacht, dem Worte nur ein dürftiger Notbehelf für Taten sind. Er schickte Hackerten die tollsten Shakspeare'schen Flüche und lange, kunstvolle Verwünschungen nach, bis er zuletzt über sich selbst lachte und im steten Hinblick auf die Stelle, wo Hakkert verschwunden war, fast über die Leiter stolperte, die quer im Wege lag.
Was hat er mit dieser Leiter gewollt? sagte er sich, und darüber sinnend, fiel ihm der Turm ins Auge, der nun dicht in der Nähe stand. Der Gedanke, mit kurzem Process seinen teuern neuen Freund, den gefangenen jungen Fürsten, zu befreien, ergriff ihn so lockend, wie der Kitzel zu dem fröhlichsten Abenteuer.
Nun sind wir einmal im zug! sagte er sich, lud die
schwere, irgendwo aus einem Bauerhofe entwandte Leiter, an der er mit Vergnügen bemerkte, dass sie für das Turmfenster lang genug sein musste, sich auf und schleppte sie an dem einen Ende auf dem rücken, an dem andern hinter sich her im Grase zu dem kleinen Hügel hin, wo der Turm völlig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche Warte und Einsiedelei lag. Die Eisenstäbe oben aus der Mauer auszuwühlen, war schwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbröckelung des Kalkes nicht unmöglich, wenn nur Egon die Messer und Gabeln von ihrem Mittagessen zurückbehalten hatte.
Sorgfältig schaute sich Dankmar um. Hackert war
verschwunden, Alles still. Nur Käfer summten im Grase und dann und wann platzte ein humoristischer Froschruf auf vom feld her, wo es moorige Stellen gab .... Dankmar war so guter Laune, dass er sich zu seinem Unternehmen erst noch eine Cigarre anzündete.
Die Leiter, aufgerichtet an dem Turm, reichte
vollkommen an das vergitterte Fenster, das zu Egon's Gewahrsam gehörte. Vorsichtig kletterte er, noch einmal sich mit Behutsamkeit umblickend, die Sprossen hinauf. Leider sah er schon auf halber Länge, dass die Eisenstäbe dick waren, und als er über sich hinaufgriff, fühlte er wohl auch, wie fest sie sassen ....
Das Fenster stand auf. Der volle Mondenschein fiel in die dunkle kammer, die er schon von unten als die rechte erkannte.
Egon! rief er bis hinauf und lauschte.
Keine Antwort.
Er stieg höher und blickte in das offene Fenster.
Wie gross war sein Erstaunen, als er drinnen nirgend eine Spur des Prinzen entdeckte! Vielleicht hätte er versteckt in einem Winkel schlafen können ... er spähte ... er übersah das ganze kleine Gemach. Er rief einige male mit unterdrückter stimme:
Egon! Egon!
Es gab keine Antwort.
Um ganz sicher zu sein, zog er ... die Cigarre war in der Aufregung weggeworfen ... noch sein Streichfeuerzeug und machte mit mehren zusammengehaltenen Zündhölzchen, um die wirkung des Scheines zu verstärken, Licht ...
Der hellere Glanz bestätigte ihm nur, was er schon im Mondenscheine gesehen hatte. Der Gefangene war entweder schon befreit oder von selbst entflohen.
Die Empfindungen, mit denen Dankmar nun die Leiter hinabstieg, waren geteilt. Ehe er jedoch nicht alle Umstände genau kannte, wagte er