entdeckte und der immer an sich zu denken scheinende und seiner klar bewusst bleibende Pfarrer mit gewähltem höchst sicherm Ausdruck sagte:
So schwindet denn wieder eine Freude hin, die ach! nur allzu kurz einer rosigen Wolke gleich an unserm grade nicht grauen, eher heitern und immer gleichen, aber eben in seiner unermesslichen freundlichen Identität so lästigen Horizonte aufzog! Wir haben am Ende nichts, was uns bleibt, als Blumen, die Symbole der Begrüssung und des Abschieds. Eines und Dasselbe drückt Freude und Trauer aus. Doch ich sehe Sie morgen noch einmal und nehme einen gesammeltern Abschied und hoffentlich nicht für immer. Erblicken Sie mich auch nicht wieder als Domprediger in Ihrem Sinn, so denke' ich, einen Dom wölbt sich das Auge bald über sich her und auf der Kanzel des Herzens und in dem Beichtstuhl der Gesinnung treff' ich Sie schon noch im Leben wieder – Alle! Alle!
Damit erhob sich der sonderbare Mann, in der Tat nicht ohne eine gewisse Rührung zu hinterlassen. Heilig konnte Dankmar den Eindruck, den des Pfarrers Ergriffensein in ihm hervorrief, nicht gerade nennen. Die Weise eines Pietisten war Das auch nicht mehr: im Gegenteil kam ihm das Feuer seiner Augen unlauter vor, fast weltlich. Für einen weichen Anempfindler sprach er zu fest und kräftig. Er interessirte ihn, ohne ihn anzuziehen ...
Alle diese Betrachtungen stellte Dankmar nur flüchtig an, denn die ganze Gesellschaft erhob sich. Der förmlich als Befehl gegebene Entschluss, sobald abzureisen, erfüllte Jeden mit seiner nächsten Aufgabe, die im Räumen und Packen bestand. Man trennte sich in der Erwartung, morgen in frühester Stunde sich zur Abreise beisammen zu finden ...
Als auch Dankmar unschlüssig stand und eben Hannchen Schlurck's Hand geküsst hatte, da ihm die ruhige, klare und lebensfrohe Weise der Frau, die wieder den Champagner wie gewöhnliches Getränk hatte einschenken lassen, ganz wohl gefiel, rief ihm Melanie leise zu:
Bleiben Sie doch noch!
Als Lasally noch über die morgende Equipirung sprach und nun der Knäuel der Gesellschaft wieder nicht recht auseinandergehen wollte, streifte sie an Dankmar vorbei und flüsterte die Worte:
Gehen Sie lieber! In einer Viertelstunde an der steinernen Vase im untern Garten ...
Dankmar winkte ihr leise bejahend zu, sprach noch einmal laut seine Freude aus, morgen in so angenehmer unterhaltender Gesellschaft seine Rückreise antreten zu dürfen und empfahl sich.
Die noch Gebliebenen flüsterten erstaunt hinter ihm her. Er hatte das Talent gehabt, trotzdem dass er wenig sprach, sich doch immer als den Mittelpunkt des Abends zu erhalten und jedem Worte, jeder Bewegung, die von ihm ausging, die allgemeinste und seinem Zweck und Wesen nachspürende Aufmerksamkeit zu sichern. Das Gerücht, das ihn zum Prinzen Egon machte, hatte sich bis zu ihnen noch nicht verbreitet ...
Es schlug vom dorf herauf zehn, als Dankmar an die steinerne Vase im untern Garten trat, wo er Melanien erwarten sollte. Es war dieselbe, an die er sich bei der ihn wie ein Schlag treffenden Erzählung über Hackert's Frevel hatte lehnen müssen. Wie bewegt war sein Herz! Wie flossen die wunderbarsten Erfahrungen und Eindrücke in seinem inneren zu einem Gefühle zusammen, das nicht mehr jene behagliche Sorglosigkeit über ihn ausgoss, die er in dem ersten Anfang des über ihn verhängten Misverständnisses empfand! Wie neu war das Alles und wie folgenschwer konnte es werden! Schon sah er sich als gerichtlicher Zeuge in der notwendigkeit, seine gegen Hackert ausgesprochene Beschuldigung zurücknehmen oder beweisen zu müssen. Eben so verwickelt konnten sich die Beziehungen zum Fürsten gestalten. Und diese bedenkliche Melanie! Was bezweckte sie? Wohin riss sie der Mut, den der von ihm doch nur wenig genährte Glaube an seine Einerleiheit mit Egon dem jungen, waghälsigen Mädchen einflösste? Scheiterte Das, was sie vielleicht unternahm ... musste er es nicht verantworten? Wie erschrak da sein rechtskundiger und bei allem Freimut an Gesetzmässigkeit gewöhnter Sinn! ... Und doch traten alle diese Bedenklichkeiten gegen den allgewaltigen Zauber zurück, mit dem ihn Melanie in so kurzer Zeit wie seinen Bruder Siegbert umstrickt hatte. Gibt es denn auch ein wonnigeres Gefühl, als so im Fluge, ohne Anstrengung, ohne lange Werbung, von Frauen zärtliche Hingabe zu gewinnen? Noch hatte Dankmar sich keiner Gunst von Melanie rühmen können, aber er fühlte es dieser zarten Hand, wenn sie ihn flüchtig berührte, der Brust, wenn sie in seiner Nähe sich hob, dem Hauch ihres Mundes an, wenn sie ihm leise ein Wort der Vertraulichkeit zuflüsterte, dass ein excentrisches Wesen, welches vielleicht Allen gefallen wollte und Keinem sich ergab, ihm den Siegespreis der Liebe bieten könnte ... Dankmar war, sonst vielgeliebt, selbst eher kalt gegen die Frauen. Sie beschäftigten ihn nie so ausschliesslich, wie andere junge Männer, deren ganzes Fühlen und Denken sich nur um die Liebe spinnt ... Aber Melanie's Herz ... das klopfte schon dicht an seinem eigenen Herzen. Ihre Wange ... er fühlte es, sie schmiegte sich schon zum Kusse seines Mundes hin ... Er griff in die Luft ... doch wusste er, dass diese arme sich nicht mehr lange vergebens nach den schönsten und liebenswürdigsten Formen ausstrecken würden ... So stand er, der junge leidenschaftliche Mann, den wir entschuldigen müssen, eine Weile harrend an der Marmorvase, überwältigt von sehnsucht, zitternd auf den Triumph über ein liebendes Weib, den Fuss auf den Sockel der Vase,