1850_Gutzkow_030_142.txt

mich! Warten Sie, warten Sie!

Sie werden sehen, Excellenz, rief dagegen Melanie, Sie werden sehen, ich täusche nicht ....

Wirklich! sagte der Intendant, Sie wollten

Melanie rief laut:

St! Die Wette gewinnen ...

Damit drängte sie den verklärt Leuchtenden förmlich aus dem Zimmer ....

Herr von Harder nahm von Melanie's Mutter einen höchst herablassenden, zerstreuten Abschied, von den Übrigen einen höher herablassenden, verwirrten, Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes Wesen, ignorirte er gänzlich.

Als der Geheimrat fort war, der Landau und der Transportwagen dahinrollten, das Säbelklappern der Gendarmen verhallte und die Gäste ihre Plätze zögernd und um Entschuldigung bittend eingenommen hatten, erklärte Melanie plötzlich, dass sie morgen in aller Frühe aufbrechen und nach der Residenz zurückkehren würde.

Wie? rief man allgemein. Ist das Ernst?

Sie brachte für ihren plötzlichen Entschluss so viel wohlgeordnete, überlegte, entschiedene Gründe vor, dass man erstaunt war über eine bei ihr im Stillen gereifte Erklärung ....

Wenn Melanie mit solcher Sicherheit ein Vorhaben behauptete, war ihre Mutter nicht gewohnt ihr zu widersprechen.

Wohlan! sagte sie. So reisen wir!

Reichmeier staunte erst, erklärte aber dann auch, dass er sich überzeugt hätte, ein Ankauf der herrschaft würde sich ihm nicht lohnen. Lasally war schon seit lange durch diesen Aufentalt verstimmt, durch Hakkert's Nähe jetzt vollends beunruhigt, und Bartusch gab den letzten Nachdruck noch dadurch, dass er sagte, die Verabredungen der Gläubiger wären geschlossen, die Verständigungen ziemlich klar erörtert, man wisse, was Jeder zu fodern hätte und wie er sich wolle befriedigen lassen ... es bliebe nun nichts übrig, als die letztliche Erklärung des inzwischen in der Residenz angekommenen Prinzen Egon ....

Dies leuchtete ein ... Bartusch's Blinzeln auf Dankmarn verstand man nicht.

Melanie überliess Jedem sich die Gründe zurechtzulegen, die ihn bestimmen konnten, das Schloss schon jetzt zu verlassen ... sie, sagte sie, würde es morgen in aller Frühe tun. Sie bat Lasally, dazu die Pferde in Bereitschaft zu halten, denn sie würde bald fahren, bald reiten. Auch Dankmarn bat sie, ihrem Beispiele zu folgen und sich eines der Pferde des Stallmeisters zu bedienen, sein Wagen könne ja, geführt von einem der Leute Lasally's, folgen ....

Nicht wahr? sagte sie neckisch.

Dankmar gestand zu, was sie nur verlangte.

Die Mutter, fuhr sie fort, schliesst sich uns in der Mitte in unserm neuen Coupé an. Ja, ja, wir werden bald fahren, bald reiten und uns die Rückreise nicht etwa wie einen bittern Nachgeschmack von vielen hier gehofften und nicht eingetroffenen Freuden bekommen lassen, sondern wie Etwas, das den ganzen Aufentalt auf dem schloss allein aufwiegen und alles Vorangegangene übertreffen soll ....

Die Einwendungen der Mutter wegen doch allzu grosser Beschleunigung widerlegte sie durch ihre Bereitwilligkeit, ihr die ganze Nacht hindurch packen zu helfen. Ihr Entschluss stünde nun einmal fest und was sich nicht sogleich mitnehmen lasse, könnten die als zuverlässig erprobten Leute schon nachbringen. Auch die notwendigkeit, Abschied zu nehmen von Zeisels, von Sängers, von Doctor Reinick, von Bensheims, Sengebuschs und mancher andern Bekanntschaft, liess sie nicht gelten. Allen solchen Bedenklichkeiten abzuhelfen genüge die Visitenkarte.

Und den Einzigen, fuhr sie fort, von dem der Abschied uns schwer geworden wäre, unsern teuern Herrn Pfarrer Stromer, den haben wir ja hier und können ihm all unser Bedauern gleich ins Angesicht sagen. Ja! Lieber Pfarrer! Sie kommen gewiss recht bald zu uns! Sie müssen Domprediger werden! Schade, dass Sie keine Töchter mehr aus der Propstei heiraten können! Propst Gelbsattel hat noch ein halbes Dutzend, aber die Älteste liebt den Candidaten Oleander und die Jüngste der fünf Andernsind es nicht soviel, Mutter? – würde noch zu alt für Sie sein, für einen Mann, der anfängt nur das Schöne zu lieben. Zum Glück besitzen Sie die beste der für Sie passenden Frauen. Aber kommen Sie! Irgend eine Kanzel findet sich schon .... Ich kenne an dreissig junge Frauen und Mädchen, die Alle nicht mehr wissen, wem sie ihre Sünden beichten sollen .... Der Eine ist zu rauh, der Andere zu sanft, der Dritte zu gelehrt, der Vierte zu oberflächlich. Und die abscheuliche Anzüglichkeit dieser Modeprediger! Dieses Schlagen auf die Kanzellehne, dieses Lärmen und Poltern über die verstockten Sünderherzen, diese düstere Lehre vom Blute Christi .... Propst Gelbsattel, der sonst so beliebte letzte Rettungsanker, ist gar nicht mehr zu verstehen seit den Revolutionen. Er weiss nicht, wohin er sich wenden soll, ob zum volk oder zum Könige. Seine Zeit ist um, sagte er kürzlich in einem Anfalle von Wehmut, weil er bei hof nicht geladen war. Vielleicht werden Sie Propst, Herr Stromer! Kommen Sie! Ich habe Verbindungen und bring' es schon dahin, dass wir Sie irgendwie den Unserigen nennen; Das bin ich Ihnen ja schuldig für den schönen Blumenstrauss, mit dem Sie mich heute wieder beglückten ....

Als Stromer hocherrötend niederblickte, gedachte Dankmar der Erzählung Egon's und seiner Vermutung, der Pfarrer hätte wohl die Blumen seiner guten Frau nach einem nächtlichen Zwist als Morgenselam der Versöhnung bestimmt. Es machte ihm einen eigenen Eindruck, als er sich so im Irrtum