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die beiden übrigen, auf den Strassen wie rasenden und tobenden und von einem Volkshaufen verfolgten Tiere in den Stall. Die Knechte haben Lebensgefahr überstanden. Dort, wo wir nun Ruhe hofften, begann von neuem erst der Schrecken. Die Tiere schlugen über die Stangen, die sie trennten, rissen sich von der Kette los und verwundeten sich in wilder Wut so heftig, dass ich die Heilung aufgeben musste, selbst von Zorn übermannt, ein Doppelpistol ergriff und mit einer Ladung in blinder Wut sie niederschoss. Bei der Obduction entdeckte der Veterinärarzt in den Ohren jedes dieser Tiere eine kleine Kugel, die, hinuntergeglitten bis ans Hirn, sie rasend gemacht hatte. Mein erster Gedanke, wer diese teuflische Tat vollbracht haben konnte, war aus Gründen, die Sie nicht wissen können, Hackert. Und nun urteilen Sie, ob diese drei Spitzkugeln, die, wie Sie sagen, diesem uns hierher nachgeschlichenen, Böses im Schilde führenden Menschen gehören und völlig jenen andern ähnlich sind, mich nicht mit Schaudern erfüllen sollen und bestimmen müssen, meine Tiere zu hüten, zugleich aber auch diese Kugeln als gerichtliches zeugnis in Verwahrsam zu nehmen?

Lasally schwieg, noch zitternd. Er konnte gewiss sein, auch Dankmarn erschüttert zu haben.

Dankmar war erblasst. War es das Entsetzen von einer an den armen edlen Tieren begangenen so ruchlosen Freveltat, war es die wie ein lähmender Schlag ihn treffende Vorstellung, dass er noch vor zwei Tagen ein Ross aus desselben ihm hier begegnenden Mannes Marstall Hackerten zur Obhut übergeben hatte, – er musste sich an einer ihm grade nahestehenden Marmorvase halten, um nicht seine Empfindungen zu sehr zu verraten ....

Entsetzlich! sprach er dumpf vor sich hin. Dann aber doch aufgeschreckt von einem Unrecht, das er Hackerten tun könnte, indem er doch nur seiner Vermutung folgend diese Kugeln als wirklich von ihm herrührend bezeichnet hatte, fragte er:

Sind Sie aber auch ganz gewiss, dass gerade Hackert Ursache haben kann, sich auf eine so nichtswürdige empörende Art an Ihrem Eigentum zu rächen?

Als Lasally diese Frage belächelte und die beiden Reichmeiers den uns bekannten Vorfall der Züchtigung andeutend, diese Ursache verkleinern und geringfügig darstellen wollten, rief Melanie mit glühender Entrüstung, sich stolz erhebend und aufrichtend wie eine Königin, ein stolzes, wie Glocken tönendes:

Ja! Er hatte sie!

Alles blickte auf Melanie und war von dem Ausdruck ihrer Mienen, die einen nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernst verrieten, so staunend ergriffen, dass unwillkürlich eine feierliche Pause eintrat.

Als Niemand etwas erwiderte, sagte sie, den gespannten Ton fallen lassend und mit gemildertem Ausdruck, fast scherzend:

Und jetzt wünsch' ich, ja befehl' ich: Genug hiervon!

Neuntes Capitel

Die Mitschuldige

Die Sonne war eben mit reinster klarheit untergegangen, als die Gesellschaft oben am schloss ankam. Die Mutter und Bartusch traten ihr entgegen und baten Alle zu einem leichten Nachtimbiss zu bleiben. Melanie unterstützte diese Bitte. Sie bedurfte eines Übergangs aus ihrer vielfachen Aufregung zu jener einfach seligen Empfindung zurück, die sie in dem Augenblicke mit überströmender Gewalt ergriffen hatte, als ihr Dankmar ein geständnis machen wollte. Wie dringend es war, einen Entschluss zu fassen, riefen ihm die bewaffneten Organe des Landfriedens zurück, die beiden arme der Gerechtigkeit. Der Wagen war geschlossen. Eine eiserne Stange ging quer über die hintere Tür hinweg. Die Rettung des Bildes war für den Augenblick unmöglich.

Dankmar ergab sich vorläufig mit stummer Resignation in das Unabänderliche. Die letzte Entdekkung über Hackert und das lästige Gefühl, bei alledem, dass er diesen unglücklichen Menschen nun hassen musste, Schuld zu sein an seinem Unglück (denn Lasally behielt die Kugeln), und ihm vielleicht noch gar Unrecht zu tun, alles Das drückte ihn so, dass er wirklich der zärtlichen Blicke und zutraulichen Tröstungen Melanie's bedurfte, die ihn aufzurichten und zu ermutigen suchte. Er begriff dabei nicht vollkommen was in ihm vorging. Und als nun gar noch die Excellenz von Harder schon im Reiseanzug vor dem Beginn des Nachtessens sich melden liess und sein bequemer Landau vorfuhr, der ihn aufnehmen und noch heute entführen sollte, als Melanie dem Abschied von dieser ihm zum ersten male entgegentretenden Persönlichkeit eine heitere, fast ausgelassene Wendung gab, verstand er nicht das Geringste mehr von ihren Absichten.

Die Couverte des gedeckten Tisches wurden complettirt, die Zahl der Messer und Gabeln vermehrt, die nun doch noch à la fortune du pot festgehaltenen Gäste standen rings erwartungsvoll und ihren verschiedenartigen Empfindungen hingegeben sich lehnend an Möbel und Fenstersimse .... Dankmar hörte den geheimen Neckereien zwischen Melanie und dem Intendanten befremdet zu und belächelte doch wieder, bei aller inneren ernsten Aufregung, die Einbildung eines alten vornehmen Herrn, der in der Tat zu glauben schien, er hätte auf ein solches Wesen Eindruck gemacht .... Melanie's künstliches Schmollen hielt die Excellenz für Verzweiflung über die Abreise. Lasally und auch Dankmar schüttelten den Kopf über dies Flüstern, dies Blinzeln, dies huldvolle Vertrösten auf die nun bald in der Residenz sich hoffentlich inniger anknüpfende Freundschaft .... Melanie nahm den Intendanten bei Seite, zog ihn an eine Gardine des Fensters und scherzte so drollig mit seiner Schwäche, so beflissen, so zutunlich, dass Frau von Reichmeier ungeduldig wurde, von Unsittlichkeit sprach und mit einem blick auf ihren gleichfalls eifersüchtigen Gatten laut erklärte, sie fürchte, solche Grundsätze steckten an. Endlich brach die Excellenz auf und riss sich aus dem tête à tête am Fenster mit den Worten los:

Sie täuschen