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annehmen, dass er die Jagd liebt? Er war vielleicht doch bewaffnet. Hier sind noch drei Kugeln, die Herr Hackert im Wagen zurückliess. Wollen Sie sie ihm zurückerstatten? Ich bedauere, ihn nicht wiedergesehen zu haben ....

Als Dankmar die Kugeln vorzeigte, erschrak er über die mächtige wirkung dieser Mitteilung.

Lasally, der sich erhitzt hatte, erblasste. Der Commerzienrat griff nach dem Blei und rief entsetzt:

Es sind dieselben!

Frau von Reichmeier hielt sich halb ohnmächtig an dem Pfarrer, der wie Dankmar und die Wirtschaftsrätin von Alledem nichts begriff und Melanie, todtenblass, biss die Zähne zusammen, indem sie Lasally mit halb erstickter stimme zurief:

Es ist empörend!

Dass man Hackerten in diesem Kreise hasste und fürchtete, war Dankmarn nun gewiss, wenn er auch die Gründe dafür nicht begreifen konnte und sich im Gegenteil sagen musste, dass Schlurck auf dem Heidekrug sich gegen den Nachtwandler äusserst liebevoll benommen hatte.

Lasally war doch nicht der Mann, sich vor einer Kugel zu fürchten, selbst wenn man annehmen wollte, dass Hackert ihm eine zugedacht hätte? Dankmar wusste zu gut, dass der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war. Und doch dieser Schreck vor den drei Kugeln? Selbst Melanie, die von Ungeduld und Verzweiflung über die lästigen Intermezzi gefolterte Melanie, schien diese Furcht zu teilen. Was war es mit den drei Kugeln?

Noch rätselhafter wurde Dankmarn das geheimnis, als Lasally einen in der Nähe befindlichen Jokkei, der zu seinen mitgebrachten Leuten gehörte, anrief und ihn fragte:

Ist den Pferden nichts? Was lauft Ihr da herum? Warum nicht im Stall? Was hab' ich Euch gestern Nachmittag eingeschärft?

Der Reitknecht gab jede nur wünschenswerte gute Auskunft über die vier schönen Reitpferde, die Lasally von der Residenz mitgeführt hatte.

Herr von Reichmeier fragte, ob sie Hackert's nicht ansichtig geworden wären?

Die Antwort lautete, dass man ihn allerdings dann und wann am schloss hätte umherschleichen, auch mit dem Kammermädchen des Fräuleins, Jeannette, sprechen sehen, doch wären sie Alle auf der Hut, ihn bei erster Annäherung niederzuwerfen. Die Pferde wären im sichersten Gewahrsam ....

Die Kugeln beweisen seine schlimme Absicht. Es sind dieselben wie früher, sagte Reichmeier.

Warum denn dieselben? Warum denn? rief Melanie. Ich beschwör' Euch, lasst diese Unwürdigkeiten.

Mein Herr! sagte Lasally jetzt zu Dankmarn im entschiedenen aber sehr höflichen, fast versöhnten Tone; mein Herr, ich ehre die gute Meinung, die Sie von einem der abgefeimtesten Bösewichter haben. Sie kennen ihn eben nicht. Würden Sie die gefälligkeit haben, mir diese drei Kugeln zu lassen?

Dankmar geriet nun in Verlegenheit. Er hatte das Eigentum an diesen Kugeln auf nur völlig äussere Anzeichen hinja er musste sagen nur auf die Vision der Ursula Marzahn unter dem EbereschenbaumeHackerten zugeschrieben und nun begründete sich auf diese willkürliche, wenn auch sehr wahrscheinliche Annahme eine förmliche Anklage ...

Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und streckte die Hand, sie wieder an sich zu nehmen. Er bat darum.

Lasally aber verweigerte sie aufs entschiedenste und sagte kategorisch:

Haben Sie keine sorge für Ihren Schützling, mein Herr! Er ist zu feig, von diesen Kugeln einen offenen und ehrlichen Gebrauch zu machen. Wissen Sie aber, wozu diese Kugeln dienen sollten? Ich will es Ihnen sagen. Zum teuflischsten Morde an armen, edlen, unschuldigen Tieren! Wissen Sie, dass ich in einer Nacht drei meiner schönsten Pferdeich bin der Stallmeister Lasallyhabe müssen niederschiessen lassen, weil sie toll wurden, toll durch eine Ursache, die wir nicht entdecken konnten?

Lasally zitterte. Seine Schwester bat ihn, sich zu beruhigen. Melanie wandte sich ab. Die Übrigen hörten gespannt zu, Dankmar mit einer Teilnahme, die ihn seine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Turme für einen Augenblick fast vergessen liess.

Auf einer Partie in den am wasser gelegenen Fichtenwald, begann Lasally, – Sie werden ihn aus der Residenz kennenauf dieser Partie, wo eine Gesellschaft von Damen und Herren im sogenannten Jagdhause von den elegantesten, preiswürdigsten Pferden stieg, um eine Stunde im obern Stock zu frühstücken, vernachlässigten meine Leute die Aufsicht auf die draussen festgebundenen Pferde. Wir kommen nach einer Stunde herab, wir wollen aufsteigen und finden drei meiner Tiere in der sonderbarsten Aufregung. Sie schleudern mit dem Kopf, schnauben mit den Nüstern, schlagen wild aus und Niemand wagt, sie zu besteigen. Wir erkundigen uns, was geschehen ist. Niemand weiss eine Auskunft. Wir glauben, die Tiere scheuen vor irgend einem uns selbst fremden gegenstand. Wir binden sie los und machen das Übel ärger. Zorn erst über die Tiere, dann über meine Leute ergreift mich. Niemand weiss, was den Pferden geschehen ist. Ich besteige endlich mein liebstes Ross, um es zu bändigen. Es wirft mich fast ab, rennt wie rasend davon und wirft sich der Länge nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche bohrend. Die Gefahr für uns selbst, bei dem Ausschlagen und wilden Toben, wuchs. An ein Besteigen war nicht mehr zu denken. Meine Leute unternahmen, um das versehen zu büssen, die schwere Aufgabe, die drei Tiere in die Stadt zu geleiten, während die nun plötzlich Unberittenen auf einem in der Nähe gemieteten Leiterwagen bis zu dem Stadtore zurückfuhren. Schon unterwegs brach sich mein Renner beide Schenkel und blieb für tot liegen. Mit genauer Not kamen