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in der Ordnung gefunden haben, wenn die inzwischen so wohlhabend gewordene "Hirschentochter" sich verstimmt gefühlt und entfernt hätte. Die blieb aber und fand sich gar nicht wenig geschmeichelt, plötzlich der Mittelpunkt eines gewissen Interesses geworden zu sein. Sie erzählte mit der grössten Umständlichkeit alle einzelnen Vorkommnisse jenes Brandes, die herrlichen Eigenschaften ihrer ältern unglücklichen Schwester, die Aufopferung der Männer bei der schrecklichen Gefahr, die Verzweiflung des Försters, der mit den Frauen kein Glück haben sollte, denn drei Jahre später wär' ihm eine neue Verlobte im Gebirge von dem jähen Felsrande eines Waldbaches gestürzt und hätte zerschmettert ihren Tod unter den Steinen im fast leeren Flussbette gefunden. Das wäre die Tochter des Sägemüllers oben in der Ullaschlucht, ein Mädchen von zwanzig Jahren gewesen. Sie hätte gerade hier nach Plessen in die Kirche gehen wollen, wo sie zum ersten mal aufgeboten wurde ....

Ich entsinne mich sehr wohl, sagte Guido Stromer, es war ein rührender Anblick! Das schöne sonntäglich geputzte Mädchen hatte sich vielleicht verspätet und hörte schon die Glocken rufen, die den Beginn ihres Ehrentages einläuteten. So nahm sie einen kürzern Weg, hüpfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein zu Stein, Vorsprung zu Vorsprung, bis sie fehltrat, ausglitt, sich nicht halten konnte und in der einen Hand ein gesticktes Taschentuch, in der andern ihr Gesangbuch festaltend, zerschmettert in der Tiefe lag. Das letzte Bewusstsein schwand in dem doch noch ziemlich rauschenden wasser. Noch im tod hielt sie ihr Taschentuch und das Gesangbuch krampfhaft fest. Am Ausgange des Waldes stand der geschmückte, stattliche Jäger, harrte und harrte, der Gottesdienst begann, man schickt in die Sägemühle und erst am Abend entdeckten Kohlenbrenner das geschehene Unglück. Die Fürstin, voll Teilnahme und sinnig wie immer, liess oben an der Stelle, wo der Sturz begonnen haben musste, ein einfaches Kreuz mit Erwähnung Dessen errichten, was hier so leidvoll und wie ein schwermütiges Idyll geschehen war ....

Dankmar's ernstes Nachdenken über die Erzählungen nahm die leidenschaftlich aufgeregte Melanie für eine Erinnerung aus seiner Jugend. Sie hörte Dem, was Alle erschütterte, kaum zu und erwachte erst aus ihrem Träumen und dem trunkenen Einatmen der sie so tief anregenden Erscheinung dieses jungen Mannes, als sie einen Namen nennen hörte, den sie jetzt nicht erwartet hätte. Lasally war nämlich boshaft genug, Melanie grade in dem Augenblick, wo seine Hoffnungen wieder entrückt zu werden schienen in eine ungewissere Zukunft, in dem Augenblick, wo ein unbekannter und ihm nur äusserlich bedeutend erscheinender junger Mann Melanie so mächtig fesseln konnte, sie mit Erinnerungen zu quälen, die ihr schmerzlicher waren, als der Wirtschaftsrätin die an ihren Schwager und ihre unglückliche Schwester. Lasally wollte sie hinabschleudern in das beschämende Gefühl der Abhängigkeit von männlicher Grossmut und so sagte er nach einer Pause, die jene Mitteilung halb vergessener und verschmerzter Unglücksfälle ablöste:

Irr' ich nicht, mein Herr, so sah ich Sie gestern im wald mit einem Kutscher, in dessen hände Sie wohl nur durch einen unglücklichen Zufall können geraten sein. Es war ein magerer blasser Mensch mit rötlichem Haar. Als er uns anreiten sah, entsprang er plötzlich. Ich glaube Ursache zu haben, in ihm einen gewissen Hackert zu vermuten, der erst Schreiber bei des Fräuleins Vater war und nach und nach eine Reihe der verschmitztesten Bosheiten ausgeführt hat, die ihn wohl bestimmen konnten, vor uns, die wir ihn sehr gut kennen, die Flucht zu ergreifen ....

Melanie schoss auf Lasally einen vernichtenden blick, der Dankmarn befremdete. Jetzt begriff er fast, warum Hackert ihn gebeten hatte, ihn hier nicht in der Eigenschaft eines Dieners aufzuführen und so gross war seine Antipatie gegen den kalten Ton der eben gehörten Bemerkung, dass er, trotz des Verdachtes, den ihm die im wald von Heunisch gefundenen Kugeln einflössten, Hackert in diesem Augenblick zu seinem besten Freunde, ja zu einem Baron und Seigneur hätte machen mögen ...

Sie irren! sagte er, eingedenk des kalligraphischen Hackert'schen Zettels. Ich führte mein kleines Fuhrwerk selbst. Die beiden gefährten waren ein Handwerker, dessen Fusswanderung mir leid tat, den ich aufnahm und vorhin im Turm leider unter zweideutigen Inzichten wiedergefunden habe; der Andere, auf den Ihre Beschreibung passt, ist ein junger Mann, den ich im Heidekrug fand, gerade im Begriff, hierher nach Hohenberg zu reisen in Zwecken, die ich nicht kenne. Ich vermute, es ist ein Jagdliebhaber.

Herr von Reichmeier lachte laut auf und Lasally sagte etwas maliciös:

Er verliess Ihren Wagen, angezogen wahrscheinlich von einem Wilde, das er zwischen den Schatten der Bäume entdeckt zu haben glaubte.

War er bewaffnet? fragte Frau von Reichmeier sehr besorgt.

Du hörst ja, liebe Schwester, sagte Lasally, er war diesmal ein Jäger ohne Flinte. Er sprang vom Wagen, aus freier Hand einen Hasen zu schiessen ....

Dankmar, der nicht begreifen konnte, wie man dazu kam, ihn über Hackert so scharf und beleidigend ins Verhör zu nehmen, fixirte Lasally mit unwilligem, zornfunkelndem blick.

Melanie, die zwischen diesen Männern eine Scene fürchtete, trat dazwischen und wollte den Streit scherzhaft wenden, indem sie sagte:

Ich bitte! Ich glaube, wir vergassen die Herren bekannt zu machen ... Herr Lasally! Herr Wildungen!

Dankmar, der fühlte, dass er bei seiner Aussage bleiben musste, wandte sich unmutig ab und sagte:

Herr Lasally! Warum soll ich von dem jungen Mann nicht