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für meinen Feind! sagte er zu Melanie, die ihm mit neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den kleinen Roman erzählte, den sie mit diesem gewissenhaften mann aus Langerweile angesponnen hätte ...

Denken Sie sich, sagte sie, als sie in den Garten traten und sie beim Hinabsteigen von den kleinen Stufen und hügelartigen Abdachungen sich zuweilen auf Dankmar's Arm stützte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen über die arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkürlich fühlen liess; denken Sie sich, dass ich entdeckt habe, wie man dieser hölzernen Exeellenz beikommen kann, um sie lächeln zu machen! Ich versuchte es mit vielen Huldigungen, aber er blieb ungerührt. Endlich bemerkte ich, dass es die gütige natur freundlicher mit ihm gemeint hatte, als er es verdiente! Trotzdem, dass er Alles in Allem genommen ein Esel ist, hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf gesetzt. Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im staat vor mir so klein geworden, dass er jetzt, weil ich ihn nicht erhörend aufhob und in seine natürliche Höhe richtete, mit mir boudirt. Er bildet sich ein, ich wäre Mitglied einer Verschwörung gegen seine Würde und Amtsehre, die ihm deshalb sehr schwer zu behaupten wird, weil die natur nicht gewollt zu haben scheint, dass er etwas Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters. Denken Sie sich, dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa! Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz, der in der Tat, wie Temis es ganz sein soll, halb blind ist und nur noch Hunde, Katzen, Affen, Raben und ein herrliches geschöpf liebt, das sich Anna, nicht Pauline von Harder nennt, seiner gutmütigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt, sondern weil es ihm selbst, dem Sechziger, ein gar kindlich rührendes Aussehen gibt, noch in seinen Jahren von einem Papa zu reden. Wissen Sie denn, bester Wildungen, dass Der, der schön sein will, immer eine hässliche Folie neben sich haben muss und dass die alten Coquetten gar zu gern von ihren Müttern sprechen?

Ich lerne Weltkenntniss von Ihnen, fräulein Melanie, sagte Dankmar zu dem ihn plaudernd unterhaltenden Mädchen. Aber welche Verschwörung erwähnten Sie da? Erzählen Sie doch! Jener Auftrag, den der Geheimrat hier mit brutaler Strenge vollzieht, interessirt mich ....

Melanie, die im Stillen dachte: Das wollt' ich meinen! fuhr fort:

Ich hatte bereits die schönste Toilette zu unserm durch sie verunglückten Diner gemacht und dem Geheimenrat zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen, als ich ihm selbst eine in den Zimmern der Fürstin machte. Ich wollte jenes Portrait sehen, von dem es hiess, dass es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen gefallen hätte ....

Wohnten Sie der Scene bei? fragte Dankmar gespannt.

Nein, antwortete Melanie. Vor rohem Lärm flieht eine Furchtsame wie ich bin, und doch bedaur' ich, dass ich nicht in den Hof hinunter sah, als man einen Mann fortschleppte, der doch sehr leicht, wie Bartusch vermutet, ein verkleideter Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte. Sie werden Das besser wissen, wie ich, denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Turme ein Tête à Tête gehabt?

Es brannte Dankmarn auf der Zunge, mit seinem Anliegen offen hervorzutreten, sich entweder diesem klugen Mädchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn des Misverständnisses weiter zu gehen. Melanie durfte eine Antwort, eine Aufklärung über den Gefangenen erwarten. Sie sah ihn forschend an. Dankmar schlug in ganz natürlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer Pause:

Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe ... der Prinz kann wohl Ursache haben, jenes Bild vor den Trödlern zu retten. Es ist mindestens das Bild seiner Mutter!

O welche lieblichen Züge! sagte Melanie mit Innigkeit. Wie hätt' ich das Bild mit Küssen bedecken mögen! Die herrlichen braunen Augen! Die edle Stirn! Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes. Wissen Sie, wen ich mir so denke, Prinz?

Nun? sagte Dankmar gespannt und die Anrede:

Prinz! vor Erwartung ganz überhörend.

Prinz? ... wiederholte sich Melanie fast erschrek

kend im Stillen. Sie staunte, dass er diese Anrede so ruhig geschehen liess und nichts erwiderte, als drängend noch einmal: Nun? Nun? Wem sieht das Bild ähnlich?

Ich denke: der Gräfin d'Azimont! sagte Melanie mit

gezogenem Tone und wandte sich rasch, als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten, den dieser Name auf ihn hervorbringen würde.

Dankmar kam aber in der Tat in Verlegenheit. Er

hatte den Namen der Gräfin d'Azimont im Turm nennen hören, wusste auch, dass ein französischer Attaché einst in der Residenz so hiess und die Gräfin jedenfalls eine Schönheit war, weil sie sonst Egon's sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht, wie es schien, würde unterbrochen haben; aber es blieb doch die reinste Natürlichkeit, als er ganz unbefangen fragte:

Was wollen Sie mit der Gräfin d'Azimont?

O Sie Schelm! sagte Melanie, den Finger aufhe

bend. Sie wollen den Prinzen Egon kennen und wissen nicht, was mir die Excellenz erzählte, als sie mit dem grössten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben, um es in den Wagen zu tragen? Die Excellenz war erschrocken sogar über ihre eigene