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zu ziehen, die sich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden.

Es ist zu weitläufig, sagte er, Ihnen zu erzählen, wo ich den jungen unglücklichen Erben dieses Fürstentums kennen lernte, aber ich kenne ihn.

Melanie biss sich, um nicht zu lachen, auf die Lippen. Sie errötete und stützte sinnend das Kinn auf ihre arme, die sie im Schooss zusammenlegte. Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer, das gleichsam zu sagen schien: Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert, ich froher Schmetterling, aber von allen Huldigungen, die ich empfing und als Siegerin zurückwies, könnte mich keine mehr zur Sklavin machen, als die deinige, du schöner, männlicher, liebenswürdiger Schalk ....

Wird der Fürst in der Residenz wohnen? fragte sie dann, sich allmälig sammelnd.

Er wird in der Residenz wohnen, sagte Dankmar bestimmt.

Also behält er das herrliche Palais seines Vaters? fuhr die Mutter neugierig und schon ermutigter fort.

Das Testament bestimmt es so. Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht entziehen, sagte Dankmar.

Das Palais soll wunderschön eingerichtet sein, forschte Melanie.

Unter den brennenden Kronenleuchtern, erwiderte der kecke, übermütige Dankmar, unter den Blumen und Lichtern, deren Widerschein sich in den Spiegeln des Pavillons bricht, wird er der Vergangenheit gedenken.

Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben. Das Quiproquo fing an, ihm Vergnügen zu gewähren. Er dachte sogar: Wartet nur, ich will Euch für Eure Eitelkeit, Eure Genusssucht, Euer irdisches Behagen strafen ....

Melanie sprang auf. Sie konnte kaum zweifeln, den jungen Fürsten vor sich zu haben. Rasch, aber ihrer Empfindungen völlig Herr und jetzt sich wohl hütend, die stürmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen, sagte sie mit spottendem Humor:

O liebe Mutter, sieh, hier geht der Tisch auseinander! Man wird eine Einlage machen müssen! Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel! Der gute Prinz soll ein Tischler sein ... hoffentlich hat er es so weit gebracht, einen solchen Schaden zu heilen. Er wird hier viel zu tun bekommen. Ich möchte nur wissen, ob er sich bei uns einen Gewerbeschein lösen wird ....

Hannchen Schlurck, die Mutter, sah bald zu Melanie strafend, bald zu Dankmarn bittend und höchst verlegen hinüber ....

Dankmar aber fasste sich sehr rasch und bemerkte in völliger Ruhe:

Mein fräulein, diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser. Er nimmt zwei eiserne Krammen, macht sie glühend und schlägt sie, gerade während sie glühen, hier an den Eckender Tisch erlaubt es, da er ja nicht immer bedeckt istso ein, dass sie im Holze selbst abkühlen. Verstehen Sie? Die Abkühlung zieht dann die beiden Tischblätter allmälig zusammen. Erkaltend werden die Eisen kleiner.

Melanie lachte laut auf und klatschte in die hände.

Das ist symbolisch zu verstehen! rief sie. Das ist das Bild einer guten vernünftigen Ehe, liebe Mutter. Die Abkühlung durch die Vernunft, sagtest du ja immer, ziehe nur um so enger zusammen. übrigens, Herr von Wildungen, Das werde' ich dem Maler, meinem Freunde Siegbert Wildungen, erzählen. Er wird erstaunen, einen Schlosser zum Bruder zu haben. Ha! ha! ha! Ihr klugen Männer!

In dieser Art tändelte sie fort. Ihre Neckereien galten Allem, was man vom Prinzen Egon wusste, und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par dépit in demselben Doppelsinne. Was er im Turm erfahren hatte, kam ihm dabei zustatten. Er gab über Egon's Plane so gründliche Auskunft, wies so entschieden jede Aufklärung über die Art, wie er dessen Bekanntschaft gemacht hätte, zurück, dass Melanie allmälig wirklich vorsichtiger wurde. Die Vorstellung, für diesen bei allem Unglücke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer leidenschaft ergriffen zu werden, machte ihr bald das Herz beklommen. Die Folgen waren so unabsehbar, die möglichen Verwickelungen viel ernsterer natur, als sie den kleinen Tumulten ihrer Gefühle bisher gestattet hatte.

Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein.

Dies war ein Zeichen für die Mutter, sie allein zu lassen. Die ängstliche Frau, die von Bartusch's Andeutungen über Schlurck's nächtliche Wanderungen noch nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte, auch in dem erscheinen des Prinzen auf Hohenberg kein für die Angelegenheiten ihres jetzt von der Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte, liess das jugendlich schöne, leichtsinnige Paar allein. Bediente brachten auf den Zug einer Schelle für Melanie einen leichten Überwurf von blassroter Seide, rings am rand mit den feinsten schwarzen Spitzen besetzt. Bei der Art, wie sie im Garten diese Mantille trug, hätte man glauben sollen, sie wäre mehr bestimmt gewesen, von der Schulter herabzufallen, als sie zu bedecken. Denn Dankmar konnte sie nicht oft genug über den schönen Bug des Rückens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen, bis sie sie zuletzt gewaltsam griff und wie einen altdeutschen Radmantel über die eine Schulter warf und unter der andern sie mit beiden Armen ohne Rücksicht auf die Falten zusammenpresste.

Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Fürstin, die nun ganz leer waren, wie Dankmar zu seiner grossen Betrübniss bemerkte. Unten spottete er mit wirklichem Zorn über das Ungetüm des Wagens und ereiferte sich gegen den Geheimrat, der aus einem Fenster etwas steif grüsste.

Ich halt' ihn jetzt