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Annäherung. Dankmar dagegen hatte schon als reifender Knabe gebildeten Frauen im gespräche sozusagen standgehalten, kleine Liebschaften mit jüngern gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig vor der zauberischen Gewalt des Weibes. Aber diese Melanie blendete ihn doch. Und wie sollte sie's nicht in dem weissen, sich aufbauschenden Kleide, das sie umflutete wie eine leichte Wolke? Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht doch fast nichts als sie selbst! Sie selbst in der plastischen Schönheit ihrer Formen, im Ebenmass ihrer leicht behenden Glieder, im frischen Ton des Incarnats, dem man von Dem, was unverhüllt sich zeigte, ahnend ins Verborgene folgte. Melanie besass heute noch mehr Anziehung als je; denn sie hatte warten, sich sehnen, sich vor sich selbst demütigen müssen. Diese sehnsucht malte sich in ihren Augen, die feuchter als sonst strahlten. Auf der kleinen, edlen Stirn und an den hohen, frei leuchtenden Schläfen lag ein Ernst, der ihr sonst fremd war. Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren, dass sie heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein musste. Wie malte sie sich nicht den Tag über aus, was sie Alles vom Prinzen schon wusste und noch im Laufe des Tages erfuhr! Wie verlor sie sich in Möglichkeiten der Zukunft! Wie überdachte sie die Abenteuer, die schon von dem Prinzen alle erzählt wurden! Wie natürlich fand sie diesen geheimnissvollen Besuch auf einem schloss, das er mit seinem wahren Namen nicht sehen mochte, um nicht vor Denen gedemütigt zu werden, die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte! Wie hatte sie diese Gläubiger im Laufe des Tages verspottet, wenn sie rechneten und massen, ob sie wohl vorziehen sollten, selbst diese herrschaft anzukaufen oder sich in ihr Deficit ruhig zu ergeben! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch für heute zurückgewiesen, um dem unglücklichen jungen Fürsten die Demütigung zu ersparen, Menschen zu sehen, zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters gemacht hatte! Bartusch hatte die grösste Mühe gehabt, diese Ablehnungen so höflich wie möglich einzukleiden ...

Dankmar, seine bedenklichen Handschuhe allmälig ganz unbelauscht ausziehend, begann mit Entschuldigungen über seine Garderobe, die nur für eine plötzliche Geschäftsreise eingerichtet wäre ...

Als er dafür von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen hatte, sagte er:

Meinem Bruder muss ich die bittersten Vorwürfe machen, dass er mich von dem Glück einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat, die er mir vielleicht nicht gönnte. Seit wann kennen Sie ihn?

Seit einigen Wochen, erwiderte Melanie ... ungläubig lächelnd und mit den Augen blinzelnd, als müsste sie sich beherrschen, nicht laut in lachen auszubrechen.

Dann entschuldigt ihn, sagte Dankmar, meine längere Abwesenheit. Finden Sie, dass wir uns ähnlich sehen?

Erstaunlich, sagte die Mutter. Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus grösseren Gesellschaften, die wir gaben, erinnerlich, allein meinst du nicht, Melaniedie Augenich meine die Augen

Warum nicht gar! sagte Melanie. Es ist eine grosse Ähnlichkeit da, aber der Ausdruck und die Art ist eine völlig andere. Von den Augen zumal, Mutter, darfst du nicht reden. Siegbert's Augen haben einen schönen frommen, leuchtenden Glanz; entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost, auf dem ich und Herr Siegbert verspottet sein sollen? Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen Begeisterung bei ihm, aber die Ihrigen, mein Herr, sind etwas unheimlich, etwas bös; man möchte ihnen kein Vertrauen schenken ....

Dankmar bedankte sich für eine Rüge, die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war. Das Gemälde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt. Ein Gemälde, auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wären? Sein Bruder verspottet? Verspottet von dem ihm wohlbekannten, Siegbert befreundeten Leidenfrost? Darüber verfiel er in eine wahre, gar nicht erkünstelte Verlegenheit und wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

Die Justizrätin, diese Verlegenheit vollkommen durchschauend, nahm das Wort und entschuldigte den so kleinen Cirkel, mit dem man ihn begrüsse. Sie hätte ihn anfangs für menschenscheu gehalten. Man hätte ihn hier und dort allein lustwandeln sehen; zum schloss empor hätte er nie blicken mögen ... so wäre es gekommen ... dass ...

Sie lieben die Einsamkeit, unterbrach Melanie die ehrliche Mutter, die nicht gut Komödie spielen konnte. Es ist bekannt, Mutter! Herr ... Herr ... Herr Wildungen sind ein Einsiedler.

Dankmar musste sich im Stillen sagen, dass bei ihm gerade das Gegenteil stattfand; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst, sich die schwermütige Miene zu geben, die Melanie's Ausspruch voraussetzte ...

Als er lächelnd verlegen niederblickte, sagte Melanie rasch:

kennen Sie den Prinzen Egon?

Den Prinzen? – Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne Überlegung.

Wie, fuhr Melanie elektrisirt auf, Sie kennen Jemanden, den Niemand kennt? Wo ich gefragt habe: Wer ist Prinz Egon? Wie ist er? Wo ist er? Nirgend hab' ich eine klare und deutliche Antwort bekommen. Es ist der Mann der Sage, der Anekdote, der Fiction. Und Sie wollen ihn kennen?

Dankmar fühlte wohl, dass er sich hatte fangen lassen. Aber einmal im Netze, beschloss er, das Netz auch nicht mehr zu zerreissen und lieber von der Möglichkeit, ihn selbst für Egon zu halten, die Vorteile