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im Stall, endlich mit der nicht leichten Aufgabe, aus seiner beschränkten Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegligées herzustellen, verging die Zeit bis zur sechsten Stunde. Endlich setzte er den wohlausgebürsteten, von Staub gereinigten weissen Castor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel seines Zimmers, dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab, der sich in ihm erkennen wollte. Diese Fragmente sagten Dankmarn, dass er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen gleich war. Er hatte sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm, nur dass sein bräunliches Haar heller, gelockter, das schlichtere kurzgeschnittene Egon's dunkler war. Sein kleines Stutzbärtchen kleidete ihn zierlichst und die klugen Augen funkelten so unternehmend, dass sie wohl dem zug von Ironie und Schalkheit an den Mundwinkeln entsprachen, der Hackerten bestimmen konnte, mit soviel Respect von dem mann zu reden, der ihn, ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug gesehen, so kräftig im Zaume hielt. Gewöhnt, sich immer gut zu halten, konnte Dankmar keinen Anstoss nehmen, sich so wie er war auf dem schloss zu zeigen. Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst gesucht, ihre Einladung nicht erwartet. Sein zerknittertes Halstuch bügelte ihm die Magd frisch auf. Leicht schlang er es um den Hemdkragen, der ihn am meisten beunruhigte, wenn man nicht die Blicke, die er auf seine Handschuhe warf, noch besorgter nennen will. Indessen sagte er sich:

Bin ich oben Dankmar Wildungen, so bin ich auf dem Impromptu einer Reise begriffen. Bin ich Prinz Egon, so hab' ich noch den Vorteil voraus, als Tischlergesell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communisten zu spielen, das heisst, mit einer grossartigen Verachtung des äussern Luxus meine geheimen Pläne unterstützen zu können.

Als Dankmar zum schloss gegen Abend hinaufstieg, war es ihm unangenehm, dass er merken konnte, er vertriebe für heute die gewohnten Gäste. Einige Damen schritten an ihm vorüber und betrachteten ihn zwar höchst neugierig, aber misgünstig. Dankmar kannte nur zwei, die Eine, die ihm noch die freundlichste war, die Pfarrerin, die duldend und nachgiebig schien, und die Andere, die im vollen staat befindliche aber zornglühende Frau Justizdirektorin von Zeisel, die Dankmar's Gruss höchst spöttisch erwiderte.

Himmel, dachte Dankmar, du erregst schon Misgunst, statt Teilnahme. Das ist kein guter Anfang! Und noch schlimmer, dass Niemand an mein Incognito glaubt. Hackert hat gelogen. Keiner denkt daran, mich als etwas Geheimnissvolles zu bewundern.

Weiterhin rollte ein Wägelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an ihm vorüber und gleichfalls den steilen Berg hinunter. Eine Dame mit zwei Herren sassen darin. Alle drei lorgnettirten ihn. In dem jüngern erkannte er den Stallmeister Lasally, von dem er oft einen Gaul gemietet hatte, ohne indessen mit dem schroffen und etwas unzugänglichen Herrn selbst in Berührung zu kommen. Er warf Dankmarn einen entschieden verächtlichen blick zu und musterte ihn von unten bis oben, sodass sich Dankmar fast beleidigt fühlte.

Unentschlossen, ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte, hörte er sich von einem andern ausfliegenden gast angeredet, von einem mann, in dem er den Pfarrer erkennen musste. Diesem schien die Abweisung am allerverdriesslichsten zu kommen. Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen, als er dem Günstling des Abends begegnete ...

Sie sind erwartet, mein Herr, sagte Stromer. Man muss Sie glücklich preisen, mit fräulein Melanie den Tee trinken zu dürfen ...

Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging der erzürnte, fast verwirrte Mann vorüber.

Dankmar wusste nicht, wie ihm geschah. Er kannte alle diese Menschen nicht, in die er so plötzlich wie ein brennender Schwärmer hineinfuhr und die er zu ihrem Ärger auseinandersprengte! Der Geistliche schien ihm vollends die Besinnung verloren zu haben. In seinem Auge lag etwas Irres. Er übersah sehr rasch, dass diese Gäste heute sich wie täglich von selbst eingefunden hatten und mit der Bitte begrüsst worden waren, sie möchten entschuldigen, dass sie diesmal nicht gebeten würden, den Abend über dazubleiben, da ein der Familie Schlurck sehr werter Fremder sie aus mancherlei Rücksichten allein in Anspruch nähme ... Wenn Dem so war, so durfte er darin eine höchst feierliche Vorbereitung erkennen und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht über seine person oder eine Hackert'sche Flunkerei. Als ihm aber dann doch der alte Herr, der ihn eingeladen hatte, auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte, die herrschaft wisse ihm für die Annahme seiner Einladung den grössten Dank, als Dankmar sah, dass man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte, konnte er nicht umhin, ganz aufrichtig zu sagen:

Ich bin überrascht, mein Herr, wie die Reise, die ich zur Wiederauffindung eines mir sehr wertvollen Eigentums machen musste, mich in eine so freundliche Berührung mit der Familie des Mannes führt, dem ich ohnehin schon, wie ich zufällig unterwegs im Heidekrug erfuhr, die Rettung meines Verlustes verdanke.

Bartusch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge, räusperte sich und bat den Gast, er möchte, er bäte sehr darum, des Schreins, von dem auch er schon gehört hätte, keine Erwähnung tun. Die Wiederauffindung desselben wäre zufällig mit Umständen verknüpft, die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen hervorriefen ... Gedanken, die sie doch lieber nicht wecken wollten. Es täte ihm leid, darüber dunkel bleiben zu müssen.

Eine so geheimnissvolle Äusserung musste Dankmar's Neugier eher steigern