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den Sternen, diesiehst du denn Das auch jetzt des Nachts? – so schwer und voll wie Traubengehänge auf dich niederlangen, und du nimmst auch das funkelnde Krönlein, das dir in grünen Livreen die Kammerherren der Mondfräulein, die Eidechsen, mit schwänzelnder Höflichkeit präsentiren! Leider bist du nun aber nicht hier und deine Sommernachtstraum-Rolle muss ich spielen, so gut ich kann, wenn auch nimmer so würdig, wie du! Und noch Eins: Erzähl' ich dir einst meine Hohenberger Erlebnisseein Einst, das sich in drei Tagen höchstens erfüllen wird –, so setz' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn, wie du sie gerunzelt hast im Pelikan unter dem Apfelbaum, als ich in feierlicher Stunde bei Froschgequak, Johanniswurmleuchten und beim Duft eines erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungen'schen Recesse und Cessionen erzählte; jammre mir etwa nicht und lamentire über gewagte, unglaubliche, ungesetzliche Dinge und stell' dich nicht wieder, als wolltest du eine Anstellung haben als officieller Pinsel, Constablerhutlackirer oder Criminalmaler, der die Verbrecher malt, die man in effigie verbrennt! Ich sehe nicht ein, warum die Komödie der Irrungen nur auf der Bühne gespielt werden soll. Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete? Die Sonne nicht berechtigter als eine Öllampe? Kann ... ich sage kann ... hörst du? Kann der Acteur jemals stocken, der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und sich dabei, wenn nicht an die Regeln des Aristoteles, doch an sämmtliche Regeln des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons hält (Harmonie der Handschuhe, der Cravatte und der Weste), und sich nur Eines als freie Muse ausbedingt, die himmlische, märchengeborene, traumbeglückende, süsse Unwahrscheinlichkeit! Siegbert! Siegbert! Ich bestreite es dir mit dem übereinstimmenden zeugnis aller Elemente, aller Jahreszeiten, aller Krebs- und Nicht-Krebs-Fischerei-Monate und aller himmlischen Zeichen des Tierkreises ... ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen fünf Sinne, die doch die gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urteils sind ...

Die Welt sieht nicht so aus, wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses, wo es nur Zeitungen, Kellner, Fidibus, Cigarren und klappernde Dominosteine gibt! Ich bestreite dir, dass Coak-Gas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das Finsterste. Wie ... o wie wünscht' ich, dass ichmanchmal du wärest ... Wie wünscht' ich, dass du zuweilen spazieren gingest aus deiner künstlichen, gemachten Phantasterei heraus und vor den Toren die Romantik erlebtest, die du nur zu malen verstehst! Reisse dich los, Bruder, von der classischen Walpurgisnacht deiner Anschauungen, wo nur teoretische Schemen und Larven dich umtanzen, nur alte Weiber, aufgeputzt mit Phrasen, beim Klitschklatsch der Teelöffel-Imagination, die Zaubereien bewundern, die du mit hülfe der Bücher-Nekromantik, mit hülfe der grauen Teorie und des ästetischen Höllenzwanges aus dem Boden der Trompetta'schen, Mäuseburg'schen, Harder'schen Salons steigen lässest ... wirf die Fesseln ab, die dich an diese tapezirte Welt des Scheines bindet, stürze dich ins Rauschen der Begebenheit, in die immer offenen arme der natur und geschichte, wo du allein erwarmen und nur etwas Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst, auch wenn ihn der flammende Ketzerrichter des Geschmacks und rote Kunstvereins-Cardinal Propst Gelbsattel verwirft. Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder, sonst ein passives Meisterstück der Schöpfung, heute' aber ein activer Stümper im Wettkampf mit dem grossen Michel Angelo des Lebens, genannt: die Gotteit."

Wie Dankmar diesen tollen Brief überlas, tat es ihm doch fast leid, dass eine so scherzhafte Absicht, die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte, zuletzt in eine ernste Wendung übersprang, die seinen Bruder vielleicht verwunden konnte. Er überlas ihn daher nochmals und voll Besorgniss. Doch liess er ihn, wie er war, schloss ihn, siegelte mit einer Krone, dem Wappen des Kronenwirtes, und legte ihn getrost zum Absenden zurecht. Er hätte ja nur, sagte er sich entschuldigend, auf sein altes Tema spielend angestreift, das ihn im Gespräch mit dem Bruder schon so oft ergriff. Er hätte ihn ja nur wieder aufgefordert, sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als natürlichen Begeisterung für seine Kunst. Siegbert's Geschmack schien ihm zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedürfnisses zu sein. Alle Anspielungen Dankmar's auf Meister William und die Elfen, auf Ariost und die Abenteuer, auf Goete und die Gespenster waren kleine Spöttereien auf Siegbert, der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr gefiel. Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft, wenn Siegbert in vornehme Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhörte den Vorlesungen über Kunst und Poesie, die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren, besonders als noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton angab und Alles um sich versammelte, was in Wissenschaft und Kunst glänzend hervortrat ... Mag er's nehmen, sagte sich Dankmar, wie er's immer genommen hat! Als Anregung zur Selbstprüfung oder gelegenheit, mich eines Bessern zu belehren und ihn um Verzeihung zu bitten.

Mit diesem Briefe, mit den Erzählungen des Wirts über Hackert's ängstliches Forschen, mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch