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sicher wie in der Kalligraphie bewunderungswürdig correcten und gefällig geschriebenen, ihm in den Hauptsachen aber dunklen Worten, ersah Egon sehr wohl den Grund, warum Dankmar plötzlich laut auflachte und rasch einen Entschluss fassend, so ausserordentlich mutig und fast drollig aufbrach. Mit dem heitern und erwärmenden Gefühl, vorläufig einen wahren Freund gefunden zu haben, ergab er sich nun ruhig in ein Schicksal, das durch die Aussicht, wohl gar von Dankmar Wildungen jetzt auf dem schloss vertreten zu werden, an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher Verwirrung noch gewonnen hatte.

Siebentes Capitel

Der Doppelgänger

Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirt gesagt hatte, es gäbe täglich gelegenheit, Briefe zu befördern, schrieb er aus Rücksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlängernden Aufentalt an seinen Bruder Siegbert Wildungen:

"Lies den Ariost, teuerster Bruder, und du wirst eine Vorstellung von meinen gegenwärtigen Schicksalen haben! Hätte jener fabelnde Sänger den Zug der Argonauten geschildert, die auszogen gegen Kolchis, um das goldene Vliess zu holen, ich wette, seine Erfindungen würden den Abenteuern gleichen, die ich wirklich, ich sage wirklich erlebe. Über mein goldenes Vliess sei vorläufig beruhigt! Ich glaube, dass es in sicherer Hand ist. Willst du ein Übriges tun, so besuche den Justizrat Schlurck und zeig' ihm an, dass er keine Schritte tun möchte, den Eigentümer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu entdecken. Er würde in der person deines liebenswürdigen ihm schon bekannten Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen. Auch Peters beruhige und erfreu' ihn mit der Nachricht, dass ich Bello mitbringe, leider nur mit einem solchen Bein, das sich wird heilen lassen, wenn man es noch einmal zerschlägt. Dies Hundeleid, lieber Bruder, ist das einzige Herzeleid dieser Hohenberg'schen Reise! Sonst rüste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung, wenn ich anfange dir zu erzählen, was hier schon Alles hinter mir liegt, noch mehr, was bevorsteht. Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern überhellen Tagen träumerische Märchen und unglaubliche Fabeln. Ich sage dir, Horatio, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich träumen lassen. Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird, dann sagt man vielleicht: es war gewöhnlich! Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen, fragwürdigen Umständen der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen, hat es etwas von Prospero's Insel. Ich wünschte, du sähest, wie ich in meinem Elemente plätschre! Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und vernünftigen Bruder nur, um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens. Füge nur getrost hinzu: Er wird das Traurige haben, dass ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit vielen trüben Stunden werde bezahlen müssen. Aber Das ist hoffentlich das einzige "Aber" an meinem heutigen frohen Glauben. Zähme deine Neugier und erwarte nichts Gewöhnliches!

Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden, Bruder, höchstens manchmal künstlich, ach gar, gar zu künstlich eine derbe Posse, wie sie Policinell mit der Pritsche und mit Prügeln im Kirchweih-Kasten spielt. Heute, lieber Junge, erlebt' ich Dinge, die, wenn du willst, dem Sommernachtstraum angehören, den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust, seinen verzauberten Eselsköpfen, seinen herablassenden kritischen Königswitzen und besonders dem Elfenspuke und ihrem die schmachtende sehnsucht erweckenden Augenbalsamauch wir verwandeln uns und werden verwandelt, Bruder, und wir wissen wohl, Prinz, was wir sind, aber nicht, was wir sein werden ... Hamlet-Ophelia. Meine Gleichnisse erschöpfen sich. Du siehst, mein Junge, ich wollte gern in Deiner Sprache reden. Ich wollte gern deinen Düsseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen treffen. Was würdest du für gebeizte Augen machen, wenn dich Das träfe, was ich schon Alles hier sah und sehen werde, und wie würdest du dir vorkommen? Ich sähe dich, Siegbert, umwunden von Blumen, mit einer Krone auf dem haupt ... Elfen umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher, der so etwas nur gemalt und gedichtet sich denken kann, sträubst dich vielleicht gar und sagst zu den neckenden Baumnymphen: Meine Damen! Ich bitte, bitte Sie inständigst, inkommodiren Sie sich nicht! Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode, der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochlöblichen Kunstverein den Ankauf eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet; ich bin ein realistisches Wesen geworden; lasst mich, ihr schönen fräulein mit blauen Kränzen in dem Haar und dem Maassliebchen auf der Brust, lasst mich in Ruhe; unsere Schule träumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender Salondamen, edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen. So hör' ich dich, du blöder, schnöder Vernünftling! Aber es würde dir gar nichts helfen. Die fräulein von der Wiese im Mondschein würden dich auslachen, dich kichernd verfolgen: Schaut! Schaut! Der sträubt sich und will nicht der Sohn des Königs Phantasus sein! Der kennt uns nur aus Büchern und Bildern und weiss nicht, dass wir seine Schwestern sind! Ach, ich wette, du schämst dich dann doch, Bruder, in der Kunst immer kühn und im Leben so bedächtig zu erscheinen, du fängst doch mit den kleinen Creatürchen zu tanzen an im Mondenschein unter