Gelächter der vielen Gaffer, die sich schon um die lebendige Scene versammelt hatten.
Siegbert hatte das Päckchen aufgehoben. Er glaubte sicher und fest, ein Paquet Lumpen in der Hand zu haben, und war todtenblass vor Schrecken und Erwägung ihrer ohnehin bedrängten Finanzen. Wie erstaunte er aber, als er den Pack entfaltete! Es waren in der Tat Talerscheine, dicht aufeinandergelegt und ohne Zweifel betrugen sie soviel, als auf einem Papierstreifen, der sie zusammenhielt, bezeichnet war: Hundert Taler.
Wenn Der uns durchgeht, sagte Dankmar lachend, so hat er immer noch ein gutes Geschäft gemacht. Fünfzig Taler werden wir noch drauflegen müssen.
Nein, nein, brach Siegbert voll Beschämung und in freudigster Erregung aus, dieser Mensch ist ehrlich. Ich schäme mich, ihn so verkannt zu haben. Himmel, warum soll denn Jeder, dem die natur rotes Haar und eine unheimliche Gestalt gab, der Zufall abgetragene und bestäubte Kleider, auch den Charakter haben, den wir in unserer Furcht, in unserm jämmerlichen Dünkel ihm aufdrücken? Dieser Mensch gibt sein Letztes hin, um zu beweisen, dass er ehrlich ist! Es ist der Stolz der Armut, der ihn fortriss. Ich schäme mich. Er war gross und wir sind klein.
Das muss ich sagen, fiel Dankmar ein. Eine schöne Armut, die hundert wohlgezählte Kassenscheine mir nichts dir nichts aufs Strassenpflaster wirft ....
Es ist vielleicht das einzige Besitztum dieses Menschen, fuhr Siegbert in seiner Erregung fort, ohne sich von Dankmar's leichterer Auffassung stören zu lassen. Der Zorn, von uns für unehrlich gehalten zu sein, riss ihn hin, sein Alles zu opfern. Wer weiss, welche sorge, welche Entbehrungen an diesem Gelde kleben! Dieser Mensch ist ein Schreiber, er heisst Hakkert. Ich weiss, dass er sich vergebens um Arbeit bemüht hat. Ich erfuhr, dass er dem Präsidenten des Obertribunals seine Dienste anbot. Aber man stösst ihn von sich, weil seine Augen ein unheimliches zehrendes Feuer haben. Man weigert ihm die Aufnahme in die gebildete Gesellschaft. Hätten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand, wer weiss, ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemüt nicht den Glauben an die Menschen wiedergegeben hätten! Wie bitter war sein lachen, als er davonsprengte und seine Ehrlichkeit bezahlen musste! Ja bezahlen musste! Und ich selbst, ich selbst, ich ein halber Socialist, war der Mistrauischste und Kleindenkendste! Pfui, pfui! Ich schäme mich über mich selbst.
Ja, Das wird dir übel bekommen, Bruder, fiel Dankmar spottend und mit grosser Geistesüberlegenheit ein, wenn du einmal wieder mit Max Leidenfrost einen Handwerkerverein besuchst und mitten in einem schönen Sermon über Philantropie und Socialismus das rotaarige Fragezeichen da dich interpellirt, ob du der Bürger Siegbert Wildungen wärst, der dem Bürger – Hackert hiess ja wohl der Kerl? – ein Pferd auf der Landstrasse nur gegen eine Caution von hundert Talern anvertrauen wollte? Armer Bruder, das kann dir deine ganze Popularität kosten!
Und mit Recht! sagte Siegbert, der Reden Hackert's auf dem Kirchhofe gedenkend; mit Recht! Spotte nur! Ich weiss, was ich verdiene ....
Dabei steckte er behutsam die Summe, die in seiner Hand geblieben war, in die Brusttasche, vorsichtig untersuchend, ob auch nirgends eine Nat aufgegangen oder eine verdächtige Falte da wäre und das ihm auf so wunderbare Art anvertraute Pfand unversehens entgleiten könnte. Die Brüder traten nun in den Torweg des Pelikan, um unter dessen schützenden Fittichen ein Abendessen einzunehmen. Dankmar hatte keine Ruhe mehr, über den Bruder den langverhaltenen Strom seiner Neuigkeiten auszuschütten.
Drittes Capitel
Der Pelikan
Von dem wunderbaren Vogel, der sich selbst die Brust aufschlitzen soll, um seine Jungen vor dem Verhungern zu schützen, war auf dem wirtshaus, das seinen Namen trug, ein hölzernes, ziemlich verwittertes Abbild über dem Torwege zu sehen. Auch der rote, blutähnliche Anstrich des zweistöckigen, mit mehr Holz als Steinen aufgebauten Hauses erinnerte an jene Sage, die die Naturforscher leider nicht bestätigen wollen. Ob im Übrigen der aufopfernde Geist eines Pelikans in dieser Fuhrmannsherberge waltete, musste erst die Rechnung ausweisen, die die Brüder später zu bezahlen hatten. Vorläufig sahen sie sich vergebens nach einem würdigen Empfange um. Der Torweg war leer. Keine dienende Pelikanschwinge flog ihnen entgegen und schon schickte sich Dankmar, ungeduldig das Pflaster des Torwegs stampfend, an, einige allarmirende Donnerwetter in den stillen Sommerabend, in dessen Ruhe sich auch der Pelikan wiegte, und ein jetzt ertönendes Hundegebell zu schleudern, als plötzlich einem freudigen Aufschrei auf dem hof folgende, im Harzdialekte gesprochenen Worte sich anreihten: Ei der Tausend! Sind Sie's denn wirklich? Musje Dankmar und Musje Siegbert! kennen Sie mich denn nicht mehr? Die Katrine Bollweiler aus Taldüren, die bei Ihrem Herrn Vater selig gedient hat? Besinnen Sie sich nur! O Gott, o Gott, wie kommen Sie denn nur daher?
So und ähnlich variirte noch der Gruss fort, mit dem die beiden Brüder beim Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden. Hier unter halbabgeladenen Fuhrmannswägen, unter Strohhaufen, pittoresken und nicht nach Alpenflora duftenden Düngerhügeln, nicht minder stark parfümirten Stalleimern wurden sie von einer kleinen Frau begrüsst, die eben aus der Küche trat mit einer Schüssel voll frischen Salats, an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte, um ihn zu waschen, sie erst gross und starr anblickte und musterte und dann, die Schüssel geradezu auf den Mist stellend, in obige