1850_Gutzkow_030_129.txt

Freundschaften in unserer Zeit?

Egon wollte erwidern

Da hörten sie draussen den Riegel gehen. Der Schlüssel im schloss drehte sich und schon auf dem Vorplatz machte sich der Turmhüter vernehmbar mit den Worten:

Ich komme früher, als Sie mich rufen.

Wie er die zweite Tür aufgeschlossen hatte und eintrat, reichte er Dankmarn einen Brief hin.

Der sonderbare Mensch, sagte er, der nach Ihnen in der Krone fragte, hatte keine Ruhe und wollte Sie sprechen. Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht herauflassen durfte, schrieb er diesen Zettel an Sie und hat ihn mit vier Siegeln zugeklebt, als fürcht' er, ich würde seine Staatsdepesche lesen. eigentlich lass' ich mich da auf Sachen ein ...

Dankmar nahm den Brief und erstaunte sowohl über die wunderbar schöne, wie in Kupfer gestochene Handschrift, wie über die Adresse, die wörtlich lautete: "An den Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt."

Dankmar musste auflachen.

Pfannenstiel spähte und fragte:

Ist Das wirklich an Sie?

Er musste wohl glauben, hier hinter eine verzweigte Gaunerbande zu kommen, die sich in einer eigenen Spitzbubensprache verständigte.

Egon las auch die Adresse und sagte:

Aber Das ist ja erstaunlich! Da ist ja der Ritter Posa schon anerkannt und von einem Schreibervon einem Schreiber ... diese kupfergestochene Handschrift kenn' ich

Sie ist von Hackert, der mich nicht nennen will! sagte Dankmar. Jetzt glaube' ich wohl, dass er nicht die Peitsche zu führen versteht. Das ist ja meisterhaft geschrieben! Er wollte mich nicht mit Namen nennen, der schlaue Fuchs, und so erinnert die Adresse an einige Erörterungen, die ich mit ihm über das Kreuz auf dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte. Bester Pfannenstiel, der Brief ist an mich ... und entält hoffentlich kein Gaunerlatein!

Schlurck? sagte Egon und setzte leise hinzu:

Alle Briefe, die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing, waren von dieser nämlichen Hand geschrieben.

natürlich, sagte Dankmar ebenso. Hackert war Schlurck's Schreiber ...

Und während noch der junge Fürst seinen Erinnerungen über diesen Gesellen und sein nächtliches Treiben nachhing, eröffnete Dankmar den Brief und las für sich.

Betroffen fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, las noch einmal, lachte dann, nahm rasch seinen Hut und sagte zu Egon:

Nun keine weitern Erörterungen mehr, Freund! Sie würdener sah auf Pfannenstielhier nicht am platz sein. Noch heute Abend oder morgen früh hörst du mehr von mir. Ergib dich in dein Schicksal! Träume vom Genfersee, von Lyon, von Paris, von der Zukunft und wenn du willst, von der Gräfin d'Azimont! lebe wohl!

Und damit entfernte er sich wirklich zum grossen Erstaunen des Schliessers, der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechselte, ihm alle Bequemlichkeiten versprach und dem "Ritter vom vierblättrigen Kleeblatt" folgte, den er unten an der Turmpforte zu finden hoffte. Dankmar war aber schon weit von dannen ... Pfannenstiel schloss die Tür mit gewaltigem Schlüssel zu. Er dachte doch wohl:

Wir haben einen curiosen Fang gemacht! Das Examen wird unserer Justiz viel Ärger und Mühe kosten.

Egon nahm aber den Brief, den ihm Dankmar in seiner eiligen, ihn fast verwirrenden Entfernung zurückgelassen hatte.

Er las:

"Ew. Wohlgeboren werden heute Abend auf dem schloss sein. Sollte die Rede auf mich kommen, Fritz Hackert heiss' ich, so können Sie Vieles von mir sagen, was Sie wollen, selbst dass ich Ihnen wie ein Esel erschienen bin. So etwas schadet mir da nichts, weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe. Aber, wenn Sie ein Mann von Ehre sind und Sie es gern hören, dass ich ausser einem Wesen, das vielleicht kein Mensch ist, keinen Menschen in der Welt so lieb habe, wie ... nicht etwa Ew. Wohlgeboren, sondern Ihren Herrn Bruder, der mich in einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menschenliebe erquickte, so beschwör' ich Ew. Wohlgeboren, sprechen Sie von mir auf dem schloss nie wie von Ihrem Kutscher! Ich bin ein elender Mensch und kämpfe mit allen niedrigen Leidenschaften eines jämmerlichen Kerls, der das Gute will, ohne die Organe dafür zu haben, aber ich unterliege wenigstens nicht ganz, wenn ich mich höher hinauf halte, als wohin mich ein grausames Schicksal geworfen hat. Erniedrigen Sie mich da nicht, wo Sie heute wahrscheinlich sehr hoch stehen werden! Denn ich muss Ihnen im Vertrauen mitteilen, dass man im Orte unten und schon oben auf dem schloss anfängt, Sie für den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten, der im Incognito hierher gekommen wäre, um sich vom Zustande seiner Güter zu unterrichten .... Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus bester Quelle geschöpfte Misverständniss Spass. Ich wünsche, dass Sie Ihren Schrein gefunden haben. Noch einen Rat: Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Lasally! Dies unter uns! übrigens nochmals: Nicht Kutscher! Ich nenne Sie nicht, wie Sie heissen, sondern wie die Aufschrift lautet, weil es Sie vielleicht unterhält, das Vorurteil zu benutzen und auf dem schloss einige Stunden lang den Fürsten Egon von Hohenberg zu spielen! Etwas vom Teufel haben Ew. Wohlgeboren doch auch im leib oder sind wenigstens ein Mensch, der mir vorkommt, als könnte er mit der ganzen Welt Fangball spielen!"

Aus diesen zwar rasch, aber ebenso in der Rechtschreibung