die alte militairische Tradition sich immer mehr verlor, gewann auch die geistige Richtung beim Militair so die Oberhand, dass man die alten Helden des Lagers, die Ritter vom Schwerte, nur noch aus Pietät schonte und diese, um sich nur zu behaupten, sogar auf Moderichtungen des Tages sich verlegten. Mein Vater soll in seinem Bestreben, sich hoffähig zu erhalten und modern geistreich zu werden, höchst komisch gewesen sein. Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum Tee war, erzählte man mir in pariser Cirkeln, schenkten ihm die Bedienten, die dafür reichliches Trinkgeld erhielten, statt Tee Rum ein und während die junge Königin mit Bewunderung sah, welche artigen Sitten der alte Fürst Waldemar angenommen hatte, pries er so lange seine Vorliebe für die von ihr protegirten Mässigkeitsvereine, bis er unter irgend einem Vorwande sich still entfernte. Die Zarten, Empfindsamen freuten sich, dass wahrscheinlich das Gefühl der Wehmut, das am hof sehr cultivirt wurde, auch schon solche derbe Naturen übermannte. Andere meinten aber, nur der Rum hätte ihn übermannt, wieder Andere aber, die ihn noch besser kannten, sagten geradezu, er ginge, weil ihm der Rum der jungen Landesmutter zu schwach war, zur Prinzessin Ottokar, wo er eine gewisse schärfere, weisse Sorte Rum vorfand, die er vorzog und die ihm die bereits unterrichteten Bedienten dort feierlich und schweigsam in den Tee gossen. In den Cirkeln der Prinzessin Ottokar war man nämlich mit den Anfoderungen der Armee vertrauter als bei der jungen Königin, ihrer Schwägerin.
O mein Gott! rief Dankmar, der über diese Anekdote, die Prinz Egon mit lächelndem Schmerze vortrug, nicht lachen konnte; wie wenig verdienen Sie die Vorwürfe, die Sie sich jetzt zu machen scheinen, Prinz, Vorwürfe, dass Sie von solchen zerrütteten Zuständen fernblieben ....
Sie können sich denken, fuhr Egon nach einer Pause fort, dass ich nach dem tod meines Vaters nun doch nicht länger in der Fremde verweilte. Es waren Umstände eingetreten, die mir die Rückkehr, die jetzt eine Pflicht der Vernunft war, auch zu einer Tröstung des Herzens machten. Ich betrat den deutschen Boden und den unserer engern Heimat. Aber ein solches Grauen empfand ich, in das Palais meines Vaters, so schön, so prachtvoll es ist, einzuziehen, dass ich erst in einem entlegenen Gastofe abstieg und im grund nicht recht wusste, was ich nun eigentlich hier beginnen sollte. Es meldeten sich sogleich Haushofmeister, Secretaire, Kammerdiener, Lakaien. Alles huldigte mir. Ich antwortete zerstreut und planlos. Der einzige, der mich in mein Eigentum, in die zerrüttete Lage meiner mehr als zweifelhaften Besitzungen einführen konnte, der Justizrat Schlurck, war nicht zugegen. Ich erfuhr, dass er in Hohenberg war. In Hohenberg, musst' ich mir sagen! Und ich sagt' es nicht ohne Bitterkeit. Da kam mir ein Gedanke: Hohenberg und das Bild meiner Mutter! Du sollst nun handeln, schaffen, wirken: entledige dich zuerst eines Opfers der Liebe, rief es in mir, suche die Grabstätte deiner Mutter und rette dir das Bild, wenn es noch möglich ist, und das wichtige geheimnis, das es entalten soll! Meines Vaters Diener erzählten mir, dass das hohenberger Mobiliar soeben von dem Geheimrat von Harder in Besitz genommen wurde.
Ich erwähnte die Familienbilder. Man sagte mir, sie blieben die unsrigen, aber erst müssten – den Bedienten war alles Das so bekannt, wie den Herrschaften selbst – auch diese wie alle Gegenstände nach der Residenz geführt werden. Man wusste, dass die Geheimrätin von Harder einen Anteil an dieser Procedur nahm, den sich Niemand erklären konnte .... Mich ergriff nun ich weiss nicht welche Beklemmung. Die Worte des Vaters, seine Warnung vor den Harders kamen mir so beängstigend in den Sinn, dass ich mich rasch entschloss und teils um Hohenberg in der Stille zu beobachten und mich für meine künftigen Plane über Behalten oder Nichtbehalten vorzubereiten, teils um auf irgend eine Art das Bild meiner Mutter mit dem plötzlich mir selbst geheimnissvollen, vielleicht schon geraubten Einschlusse zu retten, mich auf den Weg machte. Ich tat es in einer Verkleidung, die Sie kennen. Ich begegnete auf dem Heidekrug Schlurck, den wahrscheinlich die Nachricht von meiner Ankunft schleunigst zurückrief. Wir lernten ihn in seinem ganzen Leichtsinn kennen. Ihnen entdeckt' ich mich, Wildungen, weil ich Sie liebgewann und mir denken muss, Sie werden mein ganzes Leben hindurch mein Freund sein und bleiben. Sagen Sie mir's, aber aufrichtig! Irr' ich mich?
Dankmar reichte ihm gerührt die Hand ....
Diese festaltend, schloss Egon mit den Worten:
Ich habe es eine Weile bereut, diese Reise unter solchen Umständen gemacht zu haben, jetzt nicht mehr. Ich wollte erst zum Förster Heunisch, den wir auf dem Gelben Hirsch gesehen hatten, mich dort zu erkennen geben und die Nacht bei ihm bleiben. Ich blieb, um ihn zu erwarten. Ein altes widerliches Weib schreckte mich ab ....
Ursula Marzahn! sagte Dankmar.
Marzahn? bemerkte Egon. Ist das die Frau des wilden Soldaten, der mich schiessen lehrte! Sie muss kindisch sein ....
Was tat sie Ihnen? fragte Dankmar erstaunt.
Als ich warten wollte und mich für einen reisenden Tischler ausgab, sagte sie: Ich kenne dich wohl, du bist ein Tischler und machst Särge! Geh! Geh! Hier ist Niemand zu begraben! Das schreckte mich doch