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zu befriedigen dringend brauchte. Siehst du, Junge, so ging das Mobiliar zum Teufel! Jetzt aber noch Eins! Weil ich nicht begreifen konnte, wie das weiland so böse Weib, die Pauline, zu so schrecklicher Zärtlichkeit für unsere Familie kam und mich Schlurck, der überhaupt mit allen Hunden gehetzt ist, einfach und trocken versicherte, die gute Geheimrätin fürchte den geschriebenen Nachlass ihrer ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender alter Geschichten dadurch ersticken, dass sie die Macht bekäme, auf Hohenberg jeden Winkel zu durchstöbern ... so hatte' ich, – lobe mich dafür! – die Vorsicht, erst alle Schränke öffnen und jeden Schnitzel Papier, der sich vorfand, verbrennen zu lassen. Glücklicherweise fand ich nichts als das Geschreibsel von allen pfaffen der Erde an die Mama, an die sie das Geld vertan hat, und an die Heidenbekehrer und Hottentotten noch dazugenommen. Ich war dabei, als der ganze fromme Gestank im Kamin prasselte, und fast hätten wir Hohenberg damit in Brand gesteckt. Nun mag die Hexe, die Pauline, den Rest durchstöbern! Sie wird nichts mehr für ihren Schnabel mit den falschen Zähnen finden! Die Familienbilder, mein Sohn, versteht sich von selbst, sind von dem Verkauf ausgeschlossen und bleiben dein. Ça commande le nom de la famille ... Also, mein lieber Sohn, nun mach' ich dir Platz in dieser Welt, die gerade nicht schlecht ist, wenn's kein Podagra und keine Wucherer gäbe! Tu' mir die Liebe und folge nicht überall meiner Spur, sie verlor sich manchmal ein Bischen ins Holz, wo der gute Weg aufhört und die Irrlichter zu plänkeln anfangenaberduld' aber auch nicht, dass Buben über mein Grab springen, Hunde darauf u.s.w. dürfen! Mit einem Wort, bleib ein Cavalier, wie ich einer war, wenn's auf Bravour ankam, und verstehst du, auf ein honettes Sentiment. Mein Sohn! Meine Orden schickst du an die Herren Souverains zurück, die meine Brust damit geschmückt haben. Es sind ihrer eine schwere Menge. Tu' Das mit Anstand und feiner Etiquette! Vielleicht lässt dir Einer oder der Andere so ein Kreuz oder Band auf Abschlag für künftige Verdienste gleich um den Hals zurück und sagt: Ich wüsste keinen bessern Erben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn! Es führt gut in die Gesellschaft ein und macht sich immer artig, wenn man, wie du, eine Figur danach hat. Die Verdienste kommen schon später. sorge nur, ich bitte dich darum, für meine alten Pferde, für meine Hunde und auch die Diener! Auch Das noch: Wenn einmal Einer mit zerschossenem Bein kommt und sagt: Unter Ihrem Herrn Vater Durchlaucht hab' ich bei Leipzig den Schuss gekriegt, so lass' ihn, wenn er auch lügt ... denn die Jungens sind Alle tot oder versorgt ... so lass' ihn nicht ohne ein paar Groschen gehen! Hörst du? Das eigentlich grosse Denkmal setzt mir der König, mein guter Herr! lebe' nun wohl, Egon! Das ist mein letzter Brief. Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquartier unter der Erde. Nimm meinen Segen. Brauchst ihn nicht zu verschmähen. Ein Husar, der ehrlich stirbt, ist doch so gut, wie ein Pfarrer. Adieu, mon fils! Pour jamais! Dein treuer Vater Fürst Waldemar von Hohenberg. Postscriptum: Verkauf getrost meinen ganzen Nachlass, aber die Uniformen lass beisammen als Familienstück! Ich möchte, dass Das aufbewahrt bleibt. Vielleicht wird einer von deinen Jungens Soldat und lacht, wenn erst die neuen Teatersoldaten zugeschnitten sind, lacht als Cadett über einen alten Generalfeldmarschall von ehemals. Dies entre nous! Zeige den Brief Keinem vom hof ... verstehst du? Hüte dich vor den Harders und tue Recht und scheue Niemand! Adieu, mon fils!

Als Egon diesen Brief aus dem Gedächtnisse fast wörtlich wiederholt hatte, konnten sich Beide, so traurig die Veranlassung war, einer heitern Stimmung nicht erwehren.

Ich fühle denn doch, sagte Dankmar, wie in diesem martialischen Herrn, den ich gar oft noch habe reiten sehen und dessen feierliches Begräbniss die ganze Stadt in Bewegung brachte, der Kern jener Gesinnung lag, die man die gute alte deutsche nennt .... Was wollte er nur mit dem Postscriptum und dem Verbot des Zeigens bei hof?

Es ist das Postscriptum spätern Datums als der Brief selbst, erklärte Egon, und offenbar in grossem Unmut geschrieben. Die Jugend dieser alten Haudegen fiel in zeiten, wo die Fackel des krieges durch ganz Europa loderte und an eine edlere Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Glückes nicht zu denken war. Die darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines gefeierten Namens nicht trüben können, aber nur zu bald stellte sich heraus, dass die Helden des Feldlagers Sitten nach haus brachten, die ihrer hohen, Aller Augen zugänglichen Stellung nicht entsprachen. Da sollte denn äusserer Glanz, vornehmer Prunk die innere Leere ersetzen. Im Widerspruch mit einem jüngern heranwachsenden Kriegergeschlecht, das aus Büchern und in einer stillen Friedenswärme für seinen Beruf sich bildete, machten jene alten Helden gerade ihre wilden Sitten, Trunk, Spiel und Galanterie um so zügelloser geltend, als der politische Horizont sich manchmal doch wieder zu umwölken und irgend ein kriegerisches Zeichen am Himmel noch hervorzuzukken schien. Später, wo die bedenklichen Krisen der europäischen Staaten friedlich verliefen und