Heimat, in der Fremde meinem Stern. Von Lyon führte mich dieser nach Paris. Die grosse Stadt, die ich zum ersten male sah, ergriff mich gewaltig. Im Gewühl der sich hier durchkreuzenden Interessen fühlt' ich mich wie von einem Elemente gehoben, das denn doch stärker war als meine bisherige kleine Welt, die ich mir in Lyon aufgebaut hatte. Sowie mir es damals war, muss es einem früh aus seiner Heimat entführten Menschen sein, dem die Erinnerung an sie völlig entschwunden ist und der, plötzlich in sie zurückversetzt, an den kleinsten Dingen, einem Laute, einem von ihm beobachteten Kinderspiele sich auf ein altes Dasein erinnert. O, mein Freund, ich wollte, ich hätte damals in Paris diese lockende Musik nicht verstanden. Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, das höhere gesellige Leben fingen an mich plötzlich hinwegzuführen, wie eine anschwellende Flut, von der Ebbe, wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieselsteinen und Muscheln und Binsen ein Hüttchen gebaut hatte. Die grosse Flut kam gewaltig .... Sie verschlang die Hütte und die Muscheln und die Binsen ... und mich warf sie in Strudeln auf und ab, hoch zu allen weissen Schaumkronen der Wogen empor und wieder nieder in die gähnenden Schlünde, wo die Ungetüme der See überrascht entgleitend ihre misgestalteten Formen verbergen ... bis ich betäubt niedersank und erwachte – an dem frischen Hügel eines Kirchhofes. Es war wieder nicht der Hügel meiner Mutter, auch nicht der meines Vaters. Es war ein anderer, mir nicht minder heiliger ....
Egon hielt eine Weile inne; dann fuhr er fort:
Fast zwei Jahre waren in Paris so hingegangen. Ich war mehr Franzose geworden als ich noch Deutscher blieb, verfolgte immer noch meine alten populairen Neigungen, wenn auch in anderer Form, bis mich die Nachricht vom tod meines Vaters und sein letzter Gruss, etwa in diesen Worten traf. Wildungen, wollen Sie eine probe vom Stile meines Vaters hören?
O, sagte Dankmar, die Sprache des alten berühmten Kriegers, der mit den Truppen in den köstlichsten Lakonismen sprach, ist gewiss auch in diesem Falle originell gewesen.
Egon hob den Kopf empor, blickte auf die Decke des Gefängnisses und besann sich.
Er schrieb, soviel ich mich aus dem Gedächtniss entsinnen kann, sagte er, ungefähr so: Mein guter Egon, der alte Generalissimus da oben lässt gewiss nächstens bei mir Appell blasen, und deinen Vater kennst du als einen guten Soldaten, der, wenn die Trompete ruft, pünktlich auf seinem Posten steht. Da die Reise weit ist, mein Junge, so nehm' ich viel Gepäck mit. Mit Dem, was ich zurücklasse, sieh zu, wie du fertig wirst! Du bist wenigstens der Fürst Egon von Hohenberg, Das führt dich immer noch gut ins Leben ein, wie mich leidlich heraus. Wenn du Ursache haben wirst, manchmal zu wünschen, dein alter Vater hätte in dieser Welt bessere gute Freunde gefunden, als seine Gläubiger waren, so bemitleide mich! Schlurck sagte mir immer: Durchlaucht, Sie ruiniren sich .... Ich sagte ihm: Canaille, Geld, aber keine Moral! Von dir nicht! Von euch Allen nicht! Schlurck sagte auch: Durchlaucht, Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn! Das war richtiger .... Aber darum sag' ich doch: Pass' dem Kerl auf die Finger, Junge! Es bleibt dir noch genug, um bei hof manchmal mit vier Pferden aufzufahren, bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deutschen Weiber mit deinen Französinnen zu vergleichen. Da ich mit Freude gehört habe, dass du solid geworden bist, wie mich Graf d'Azimont versichert, dessen junge Frau du verführt hast, da du ferner deine verfluchten Muckerstreiche mit Metierlernen, Hobelführen und solche verrückte Angedenken an die Pension und deine selige chêre Mêre aufgegeben hast .... Gott hab sie selig ... so zweifle ich gar nicht, dass du hier im land noch eine gute Partie mit Geld und Gütern machst und unser Wappen ein Bischen neu vergoldest. Von deiner Mutter nochmals zu reden, so nimm mir's nicht übel, mein Sohn, dass ich in einem Anfall übler Laune und schlechter Kasse ihre hohenberger Hinterlassenschaft in Bausch und Bogen losgeschlagen habe. Die Harders sind eigentlich zunächst Schuld daran und quälten mich um die Einrichtung. Pauline, die in ihren jungen Tagen, ich will nicht wissen warum, deiner Mutter das Leben nicht gönnte, hat seit ihrem tod getan, als wenn sie in Mama ihre letzte Freundin verloren hätte. Kaum hatte Mama die Augen zu, so kam sie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt ihren ganzen Nachlass, um ihn in ihrem neuen Landhause vor der Stadt aufzustellen. natürlich käuflich. Du weisst, dass ich vor einem Jahre nichts daran räumen und ändern durfte. Als aber das Jahr um war, lieber Junge, kam sie wieder mit dem alten Jammer um die edle Freundin, aber sie ist schlau dies Weib! Was den Nachlass anlangte, über den wir um dreitausend Taler schon einig waren, so wollte sie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskosten für die königlichen Lustschlösser ankaufen lassen. Sie wusste es richtig so zu drehen, dass der Hof Wind bekam und in seiner mir immer bewiesenen Gnade gleich das Geld gab, das ich gerade den impertinentesten meiner Manichäer, den Hund, den Pfannenstiel – brenne die undankbare Canaille im ewigen Feuer dafür!