Fall wichtigerer Mitteilungen doch nicht so übel gewählt! sagte der Erzähler. Da die Mutter von meinem Vater die feierliche Zusage empfangen hatte, ein Jahr lang den ganzen Zustand Hohenbergs zu lassen, wie er bei ihrem tod gefunden würde, dieselben Wohltaten zu spenden, dieselben Diener zu unterhalten, an der inneren Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeste zu verrücken, ja, auf dem Schreibtische die Feder so zu lassen, wie sie sie niedergelegt hätte in dem Augenblick, als die Todtenglocke ihr schlagen würde; jedes Buch, jedes Glas so zu lassen, wie es sein würde, wenn ihr Auge bräche ....
Ah! Ah! rief Dankmar, Egon unterbrechend. Vergeben Sie mir, dass ich meine Empfindungen ausspreche. Ehre Ihrer Mutter! Aber welche fromme ...
Coquetterie! sagte Egon schmerzlich. Aber dieser Beweis ist nicht so triftig, wie mancher andere, wo Sie die Mutter schon verteidigen wollten. Hier hatte sie Grund zu solchen gesucht erscheinenden Anordnungen. Denn sie schrieb mir, da sie diese Verfügung vom Fürsten bewilligt erhalten hätte, so würde' ich, selbst wenn ich verspätet ankäme, den Lebensschatz da unberührt finden, wohin sie ihn aus Furcht vor der Bosheit sündiger Menschen verborgen hätte ....
Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenschen? Geistliche? Notare? Advocaten? sagte Dankmar, über die letzteren selbst lächelnd.
Auch Guido Stromern, dem Pfarrer, schrieb die Mutter, fuhr Egon fort, könne sie dieses Testament nicht anvertrauen, denn man wisse nicht, ob die Furcht des Herrn in ihm dann noch stark bliebe, wenn sie dahin wäre. Sie hätte zuviel Bäume sich herbstlich färben schon gesehen.. Zuviel wanken und scheitern, und sie glaube nur an einen einzigen ewigen Frühling, wo das einmal Entblätterte wieder ausschlüge und wieder blühe im land der ewigen himmlischen Palmen. Das Bild, das ich wohl kannte, beschrieb sie mir noch einmal und erwähnte das geheimnis der Öffnung. Ein starker Druck auf das Glas und die hintere Wand spränge auf und in einer Kapsel würde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden, die Entüllung eines Geheimnisses.
Und Sie reisten nicht sogleich ab? fragte Dankmar gespannt und sich in die Grille der sonderbaren und eigentümlichen Fürstin ergebend.
Ich tat es nicht, sagte Egon fast mit dem Gefühl der Beschämung. Verurteilen Sie mich deshalb nicht! Die Trägheit des Herzens ist wohl eine der sieben Todsünden, die nicht vergeben werden können. Dennoch war mein Herz damals nicht träge. Es litt, rang, klopfte mit stürmischer Bewegung in andern Verhältnissen, als in meinen Beziehungen zu einer Mutter. Sagen Sie Dem, der unter einer brücke zu ertrinken im Begriff ist und mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte gegen die Wellen rudert, er soll ein wildes Ross anhalten, das über ihm auf der brücke sein Teuerstes schleife; er hört wohl den Hülferuf, aber kann er mehr, als sich ergeben, die letzte Kraft verlieren und selbst untergehen? So eingewachsen war ich in mein neues Leben, dass ich das Absterben des alten dem tod überlassen musste.
Eine Weile hielt Egon inne, dann fuhr er fort:
Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mutter erfuhr, fand ich reichere Musse, um sie zu weinen. Es waren Tränen, die von einem andern Leide noch übrig waren und mit denen um dieses zusammenflossen .... Ich war mir eines Unrechts bewusst und fühlte, dass sich das Schicksal wohl die Klage der ohne mich sterbenden Mutter gemerkt haben würde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafür strafen soll. Aber der alte Spruch, dass Niemand über seine Kräfte hinaus Etwas vermag, trocknete mir das nasse Auge und ich selbst sprach mich frei, wenn mich auch irgend eine Nemesis verdammen wird.
Ich kenne, sagte Dankmar, das stärkere Gegengewicht nicht, das auf der Wagschale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Höhe schnellte; aber die geheimnissvolle Andeutung über das Bild der Fürstin musste Sie doch veranlassen, nach ihrem tod wenigstens aufzubrechen und an Ort und Stelle von diesem und manchem andern Nachlasse der Mutter Besitz zu ergreifen ....
Auch Das versäumte ich, sagte der Gefangene. Schätze konnte' ich keine erwarten, nicht einmal gesammelte Sparpfennige. Meine Mutter, eine geborene von Bury, besass schon anfangs wenig und von einem spätern mütterlichen Vermögen war noch weniger für mich die Rede. Eher noch hinterliess sie in Folge ihrer unbegrenzten Wohltätigkeit Verlegenheiten, die mein Vater abzuwickeln hatte. Und da dieser mir vollends schrieb, dass er den Tod der Mutter aufrichtig beweine und sich eine heilige Pflicht daraus mache, ihrer letzten Anordnung zu folgen und Alles ein Jahr lang unverrückt und unverändert in ihrem Sinne bestehen zu lassen, ja immer, immer, mein teurer Sohn, schrieb er, bis dein alter morscher Vater selbst zusammenbricht und du dann über unsern Gräbern zu Gericht sitzen wirst, hoffentlich nicht zu streng, Junge –! Da mir der Vater so geschrieben hatte, liess ich das Bild Bild sein und überredete mich: Was wird es entalten? Fromme Ermahnungen und ihren letzten mütterlichen Segen!
Sie haben wohl Recht! sagte Dankmar. In der Tat .... Ich glaube nicht mehr. Dem Charakter der frommen Frau angemessen war eine solche letzte mütterliche Ansprache an ein Herz, das sie nach ihrer Auffassung auf dem Wege der Verdammniss sah. Ein wirkliches geheimnis konnte sie an einer solchen Stelle nicht niederlegen.
Nicht anders dachte' auch ich damals, sagte Egon, und folgte, unbekümmert um die