Frankreich fesselte, ist so elend entstellt hierher gedrungen! Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt; bei mir, den Niemand kennt, dessen Züge Keinem wieder einfallen, höchstens vielleicht dem alten Gärtner, wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gäste nicht vielleicht gemisshandelt hätten. O dass ich mich entschlösse, diese Wechsler aus dem Tempel meiner Familie auszutreiben! Würde mir nicht Gehorsam geleistet werden müssen? Könnt' ich nicht die Genugtuung haben, dass ich oben auf dem Schloss erschiene und Allen zuriefe: Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rate euch, dass ihr Alle zum Teufel geht!
Zorn hatte Egon ergriffen. Er stand mit leuchtenden Augen da und seine schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs. Er öffnete das Fenster und rüttelte an den Stäben, die fester sassen, als Dankmar geglaubt hatte.
Und was kann ich anders tun, um hier zu entkommen, als mich zu entdecken? fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmar's Schweigen für Zustimmung nehmend fort. Dieser Harder ist ein königlicher Hofbeamter, sein Wort hier wirkt allmächtig. Jedes Gutsagen für mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen scheitern. O fühl' ich da nicht jetzt plötzlich die alte feindselige Hand wieder, die schon meine Mutter verfolgte? Es war doch wohl keine Grille ihrer erregten Einbildungskraft, dass sie diese Harders für die Erbfeinde ihres Glückes erklärte ....
Der Absicht, sich zu entdecken, stimmte Dankmar bei. Er wusste selbst kein anderes Mittel freizukommen, als dass der junge Fürst das Gedächtniss der Menschen, die ihn noch als Knaben oder Jüngling hier gesehen haben mussten, gleichsam aufrüttelte, sie auf Wiedererkennung seiner Züge lenkte und wenigstens durch dieses äussere zeugnis ergänzte, was ihm an Documenten fehlte.
Nicht Jeder – sagte Egon lächelnd – nicht Jeder glaubt wie Sie, einer Visitenkarte!
Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mitteilung der Bitte, die er ihm hatte stellen wollen.
Wird sie sich ausführen lassen! sagte Egon zweifelnd. Sie sind auf dem schloss nicht bekannt ....
Ich werde es heute Abend besuchen. Man lud mich ein, sagte Dankmar.
Was hilft es, sagte der Fürst; ich verlange von Ihnen Etwas, das Sie verabscheuen werden.
Sie stocken? ... Haben Sie kein Vertrauen?
Ich verlange von Ihnen Dasselbe.. was ...
Sagen Sie es, Prinz!
Dass Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen ...
Noch immer dieser Scherz?
Vergessen Sie nicht, dass ein Dieb zu Ihnen redet!
Wohlan! Redete er nur!
Wenn Sie meine Bitte erfüllen wollen, müssen Sie Das ausführen, was mir gescheitert ist, Wildungen!
Was Ihnen unbedenklich schien, soll an meinem Gewissen kein Hinderniss finden ....
Dankmar sagte diese Worte klar und frei, fühlte sich innerlich aber doch beklommen. Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit, mit der Siegbert gerufen hatte: Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses entführt und ihn Dir eigenmächtig angeeignet? Er gedachte sogar wieder der Möglichkeit, dass der Fremde nicht der Prinz, sondern nur über ihn vollständig unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlasst werden könnte, einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen ....
Der Gefangene sagte:
Sehen Sie! Sie werden nachdenklich ... Ich verlange von Ihnen die rascheste unbelauschte Aneignung eines Bildes!
Eines Bildes? fragte Dankmar erstaunt.
Eines Bildes meiner Mutter ....
Als Act der Pietät?
Nicht die blosse Folge erwachter kindlicher Liebe ....
Ich würde diese Regung loben; aber warum ein gefährliches geheimnis?
Weil mit dem Bilde selbst ein geheimnis verbunden ist.
Es ist zwei Uhr, sagte Dankmar, auf die Turmuhr, die eben schlug, deutend. Sie werden noch Zeit haben ...
Ihnen mein ganzes Herz auszuschütten? Wohlan! sagte Egon, nahm wieder auf dem schrägen Brett, das vielleicht für die nächste Nacht seine Lagerstätte werden musste, Platz und fuhr, durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas gestärkt, in seiner Erzählung fort.
Sechstes Capitel
Das Bild
Als ich in Lyon unterm volk lebte, erzählte der Gefangene, empfing ich noch zuweilen, jedoch natürlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch die gewohnten Mittel zu meiner frühern Existenz. Die Mutter blieb sich in ihren christlichen Ermahnungen gleich. Da aber jeder Brief, den sie schrieb, mit einer Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknüpften Betrachtung endete, so wirkte es nur wenig auf mich, als sie eines Tages mir wieder schrieb, ihre Stunden wären nun gezählt, sie würde sterben. Ich sollte eilen, schrieb sie, auf Flügeln der kindlichen Liebe eilen, sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges letztes Vermächtniss, das sie in ihrer Dürftigkeit mir geben könnte, entgegenzunehmen .... Sollte aber Gottes ewiger Ratschluss sie schon früher abrufen, ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete, so würde' ich hinter einem Bilde, das ich wohl kannte, einem gewissen runden Pastellgemälde aus ihrer Kindheit, das sie selber darstellte, die Worte finden, die sie mir auf die weite Bahn meines Lebens und an der Schwelle ihres eigenen zurufen müsse, gewichtige, inhaltschwere Worte.
Dankmar, der jetzt das geheimnis des Diebstahls erkannte, konnte nicht umhin, den Erzähler zu unterbrechen und unwillig auszurufen:
Aber welch ein Platz! Welche Stelle, einen letzten Willen niederzulegen, der hoffentlich nur in Betrachtungen besteht!
Für den