ist. Wir wollen zum Pelikan.
Damit führte Dankmar den Gaul neben sich her und begann nun, seines wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend, wie Jemand, der sich eine wichtige Mitteilung aufspart, von gleichgültigen Dingen zu reden, vom Wetter, von der Stunde der Ankunft, von ihrer gemeinschaftlichen wohnung in der Neustrasse, ihrer überraschten Wirtin Frau Schievelbein, vor allen Dingen aber von ihrer Mutter in Angerode, die ihrem ältesten Sohne Siegbert durch den jüngern Dankmar viel, viel tausend Grüsse und Küsse sandte.
Dankmar zeigte sich bald als ein leichter, lebensfroher, munterer Kopf. Er war etwas kleiner als sein älterer Bruder, erschien aber bei seiner geraden Haltung fast grösser als Siegbert, der sich nicht gut hielt und gern zur Erde niederbeugte. Dankmar hatte dunkleres, fast lichtbraunes Haar, scharfe braune Augen, frische Lippen, blendende, gesunde Zähne, einen um das Kinn gehenden stattlichen Bart und einen so zierlichen, ebenmässigen Wuchs, dass ihm seine gewählte Toilette wie angegossen sass. Der leichte Reitfrack war bis zum Halse zugeknöpft mit weissen metallenen Knöpfen. An einer Stelle, wo er offen stand, sah ein rotes Taschentuch hervor. Sporen, Reitgerte, der schwarze Castorhut, Alles verriet den sich mit Gewandteit in der Welt bewegenden jungen Dandy, der aber in seinem Äussern nichts suchte und nicht im mindesten von seiner anziehenden Erscheinung eingenommen war. Sein blick war geistreich, sein Lächeln schalkhaft und gleich nach den ersten Worten, die er sprach, sah man, dass der um zwei Jahre jüngere Dankmar – er war Referendar eines Gerichtshofes – den träumerischen Siegbert an rascher Combination und energischer, ihres Zieles bewusster Tatkraft beiweitem überflügelte.
Er hatte auch auf seine Umgebungen nicht die mindeste Rücksicht. Da sein Pferd am Zügel zu führen und zu plaudern, während er sich an den Sattel drückte, bot ihm nicht den mindesten Zwang.
Siegbert aber, dem alles Auffallende ängstlich war, meinte gleich, zum Pelikan sei es doch noch zu weit, er solle sich wieder aufsetzen, denn schon hatten sich Neugierige genug um sie versammelt.
Dankmar tat Das nicht, und der Strassenjugend rief er zu, ob sie Maulaffen feil hätten. Noch sinnend, wozu er sich entschliessen sollte, hörte er sich plötzlich angeredet. Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen, trat Jemand, der hinter ihnen hergegangen war, hervor und fragte, ob er vielleicht den Gaul in die Stadt zurückreiten sollte?
Siegbert wandte sich um und erkannte seine Bekanntschaft von Tempelheide, den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann.
Hackert's Anerbieten wurde von seinem staubbedeckten Äussern sehr wenig unterstützt, und Dankmar wollte schon aussprechen, dass er ganz so aussähe wie Einer, dem man einen Gaul anvertrauen könne, als der Andere sagte:
Ich kenne das Tier! Es steht bei Lasally im zweiten Stalle links. Wirklich, wenn Sie zu Fuss gehen wollen, machen Sie keine Umstände, ich nehme Ihnen die sorge um das Tier ab und reite es in den Stall zurück.
Dankmar sah sich den verlegenen Bruder an, der ihn am Kleide zupfte, als wollte er ihn warnen, sich auf das Anerbieten einzulassen.
Es ist schon gut, erwiderte Dankmar kurz, wir danken!
Ja so, fiel Hackert mit Bitterkeit ein, Sie glauben, ich könnte Ihnen mit dem Fuchs durchgehen. Ich dachte, weil mich doch der andere Herr schon kennt ....
Siegbert bejahte diese Berufung, doch mit einigem Zögern, das Dankmar in seiner Hast nicht bemerkte.
Das ist etwas Anderes! sagte er. Du kennst den Herrn? Dann steigen Sie nur auf und bringen Sie mir den Gaul gefälligst zu Lasally zurück. Sagen Sie nur dem Levi – Sie wissen doch –
Dem Bereiter Levi –
Ich würde ihm sein Sattelgeld das nächste mal zahlen –
Kann's ja auslegen –
Bemühen Sie sich nicht. Bin oft auf der Bahn. Das ist ja sehr gut! So! Steigen Sie auf! Schnallen Sie sich den Riemen länger. Alle Wetter, Sie haben verteufelt lange Beine!
Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung. Im geist sah er diesen verlorenen Gaul schon über alle Berge; er sah den Stallmeister Lasally mit einer Rechnung von 30 Louisdors bereits vor ihnen, bereits einen fälligen Wechsel, eine Verpfändung seines Bildes –
Um Gotteswillen, raunte er dem Bruder zu, siehst du denn nicht? Das ist ja ein Proletarier!
Betroffen wandte sich Dankmar und sagte:
Donnerwetter! Was machst du mir für Dinge! Ich denke du bist mit dem Kerl bekannt.
Dabei war aber Hackert schon im Sattel und schickte sich an, mit seinen abgelaufenen geflickten Stiefeln dem Tiere sogar noch übermütigst die Weichen zu kitzeln.
Halt da! fiel ihm Dankmar in die Zügel. So haben wir nicht gewettet. Ich glaubte –
Was denn? richtete sich Hackert auf; doch nicht, dass man ein Spitzbube ist?
So etwas allerdings! herunter! Steigbügel vom Fuss! Sind Sie des Teufels?
Hackert liess sich nicht irremachen und blieb. Plötzlich griff er, glühend im Gesicht wie sein Haar, in die Rocktasche, holte ein schmuziges ledernes Portefeuille hervor, öffnete es in lichterlohem Zorn blitzschnell, langte ein Päckchen heraus und warf es mitten auf die Landstrasse, Dankmar fast an den Kopf, mit den Worten:
Galgen und Rad! Da haben Sie hundert Taler zum Pfand! Und nun hol' Sie der Teufel!
Damit schlugen seine dünnen Beine an und fort sprengte er mit dem Mietgaul, den Toren der Stadt zu, zum