1850_Gutzkow_030_118.txt

blauen Höhen des Jura, bei jedem Blicke rückwärts die weissen, unter dem reinsten blauen Himmel ausgebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamounixtales .... Wildungen ... An der kleinen, hoch in den Lüften schwebenden Bergveste des Forts de l'Ecluse warf ich noch einmal den blick in das Genfer und Savoyer Tal zurück. Lebe wohl, du schöne Ebene! Lebe wohl, du teures Land! Es war wie ein Abschied von meinem ganzen Dasein ... Ich setzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder von einem leichten Lüftchen bewegte Grashalm rührte mein junges, sich damals so arm, so arm fühlendes Herz. Jede kleine Glockenblume, die mein Fuss hätte zertreten können, schien mich mit bittendem Auge anzuflehen: Schone mich! Der Vogel, der von dem Felsen in die Ebene hinunterschoss mit wellenartig wogenden Flügeln, schien mir im Einverständnisse mit meinem innersten Leben und auf der gewaltigen flachen Felswand, die dem Fort de l'Ecluse gegenüber ausgebreitet liegt und die andere Seite der Schlucht bildet, über welche ein schmaler Engpass durch diese kleine Festung nach Frankreich führt ... las ich wie auf einer grossen, vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein künftiges Schicksal .... Ich grübelte und forschte, zu erkennen, welche Figuren das Moos und die Bäume und die Sträucher und die zerbröckelten Risse auf ihr bildeten. War es ein geharnischter Ritter zu Ross? War es der Gott Vulcan, der mit aufgehobenem Hammer vor der Esse stand? Es schien mir ein riesiger Adler mit weit ausgebreiteten majestätischen Flügeln. Ich sprang auf. Wie Ganymed wollt' ich mich von diesem Göttervogel forttragen lassen in alle Himmel und Fernen sehnsüchtigster Ahnung .... Ich kannte kein Bleibens mehr. Hinüber zog es mich über den kahlen rücken des Jura, und als ich niederstieg an den gewaltigen Rhonefällen vorüber, durch tannenbeschattete Schluchten, an Eisenhämmern und Kohlenhütten vorbei ... in die burgundische Ebene, als mich neue Menschen, neue Sitten, neue Erinnerungen der geschichte begrüssten ... wie hab' ich da meinen Hut in die Luft geworfen und allen Bäumen zugerufen: Warum habt ihr hier schon geblüht? Warum nicht gewartet auf diesen Maitag und auf mich? Warum liegen eure Flocken schon alle auf der Erde? Und wenn ich einen Pfirsichbaum sah, der sich verspätet hatte, der noch blühte, ach, da hätt' ich ihn umarmen mögen wie mich selbst, wie mein Bild, wie meinen Kameraden, so kam ich mir jung, glücklich und wie umgeboren vor! In solcher Stimmung kam ich, die Ufer des Ain entlang wandernd, in Bauerhütten einkehrend, mit Fuhrleuten sprechend, die leichte Kost des Landes geniessend, mit einem Freunde, den ich mir unterwegs erwarb, wie ich Sie erwarb ... in dem schönen Lyon an, wo ich nicht die Villen, nicht die prächtigen italienischen Luxushäuser der reichen Kaufleute an den weinbekränzten Ufern des Kanals besuchte, sonderndoch was unterhalt' ich Sie mit Empfindungen und Rückblicken, auf ein Leben, das keinen Wert für Sie haben wird! ... ach, vielleicht auch keinen mehr für mich selbst!

Doch, doch! rief Dankmar, fast mit Egon weinend vor Rührung. Ich nehme den innigsten Anteil, Prinz!

O fort mit dieser Benennung, Freund! sagte Egon. Prinz! Durchlaucht! Ich habe sie nie geliebt, diese alten Reliquien pedantischer Kanzleisprache, diese geschmacklosen Überlieferungen italienischer und spanischer Etikette. Und Das jetzt? Jetzt, Wildungen? Der Fürst soll sich ehren durch seine Weisheit, der Adel durch seine Tugend und durch die Ehre seiner Taten und Gesinnung, der Bürger durch seinen Beruf, und der einfache Name ist es, der uns der schönste Gruss, die würdigste Anrede erscheinen sollte. Entwöhne sich Einer, wie ich, mein Freund, vier Jahre lang aller Erinnerungen an äussere Lebensstellung, sei Einer eine Zeit lang nur Das, was sein Talent oder wenigstens sein guter Wille aus ihm macht, und man wird die Hohlheit aller äussern Formen für immer gewahr werden. Wildungen, ich habe das Leben an seiner reinsten Quelle erkannt. Nicht die Schichten, wo man nur Abstractionen geniesst und den Fleiss anderer hände und die Gedanken anderer Köpfe, nicht diese bieten uns ein Bild des wahren Lebens, sondern da rinnt sein Quell, wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Gestalt hervorzaubert, da strömt sie, wo die ewige Schöpfung Gottes von der Hand des Menschen fortgeführt wird. Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker, kehrte nicht nach Genf zurück, lebte in und mit dem volk und liebte seine Leiden und seine Freuden. Was mich dahin führte, welcher Irrtum vielleicht oder welche Täuschung oder welche richtige, höhere Bestimmung ... wie ich veranlasst wurde, die Blouse, die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte, in Lyon nicht wieder abzulegen, Das, mein Freund, erzähl' ich Ihnen ...

Egon stockte.

Dankmar schien schon jetzt um Mitteilung zu drängen.

Nein, sagte Egon, den Ausdruck in Dankmar's Mienen wohl verstehend, Das erzähl' ich Ihnen, wenn Sie einmal Abends in der Residenz auf meinen Polstern und Divans sitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines kostbaren Kronenleuchters, den mein Vater in ein liebliches Gewächshaus hat hängen lassen, wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerstrahlen, eine Träne auffallen wird, die sich mit dem Glockenschlage Elfin meinumflortes Auge schleicht.

Egon schlug sanft die