Unterwürfigkeit und Kriecherei der sogenannten "Philister", ja der berühmtesten Professoren, lernt man früh die Niederträchtigkeit der Menschen kennen und man verlässt die Hochschule, übersättigt, verdriesslich, reizbar, im Jugendlenz schon ein Misantrop. Die Mittel flossen meiner Lebenslust gering zu. Der Justizrat Schlurck, derselbe, der im Besitz Ihres verlorenen Schreins ist, derselbe, den wir beobachteten, wie kostbar ihm Pasteten und Champagner schmeckten, die er sich bei solchen Administrationen, wie die Hohen-berg'sche ist, verdient, schickte ein, was die ganz in seinen Händen befindliche Verwaltung der Angelegenheiten meines Vaters zu schicken erlaubte. Der epikuräische Spitzbube war dabei sehr höflich, sehr devot, aber karg. Ich hasste ihn, vielleicht mit Unrecht. Aber er war der Nächste, der meinen beleidigten aristokratischen Ärger, meine gentlemanliken Vorwürfe auffangen musste. Die Mutter sprach oft davon, man müsse seinen Feinden vergeben: ich entnahm dieser Wendung ihrer Briefe weiter nichts, als dass ich mich auch wirklich vor Feinden zu hüten hätte .... War sie doch selbst seit der frühesten Zeit, der ich mich entsinnen kann, von den Gespenstern unsichtbarer Gegner verfolgt! Früh schon prägte sie dem kind die Vorstellung einer grossen Verschwörung gegen ihr Lebensglück ein. Sie machte mir Begriffe, als wenn die Welt voll Teufel stäke und an der Spitze dieser Hölle, sagte sie mir einst, stände eine Frau ... eine Frau, die früher ihre zärtlichste Freundin war, Pauline von Harder, sonderbarerweise wirklich die Gattin jenes Mannes, dessen schlingelhafter, frecher Bediente mich, den Besitzer von Hohenberg, in seinen eigenen Turm hat werfen lassen!
Pauline von Harder? wiederholte Dankmar und gedachte der Erwähnung derselben auf dem Heidekrug. Er kannte sie nur als eine Schriftstellerin, von der er jedoch nichts gelesen hatte ...
Sie ist mir unbekannt, fuhr der junge Fürst fort, wie die meisten erlauchten hoch- und hochwohlgeborenen Häupter unsers Adels, einige Jüngere ausgenommen, mit denen ich in Bonn und Göttingen verkehrte. Prüfungen zu bestehen und mich um ein Amt zu bewerben, lag nicht in meinem Plane: der Vater, der sich über seine Verhältnisse gern in einem völligen Dunkel erhielt, um von ihnen das Bessere annehmen zu dürfen, glaubte noch hinlänglich vermögend zu sein, mir eine standesmässige Existenz auch ohne Arbeit und Amt zu sichern. Dies war aber nicht der Fall. Ich fühlte mich so gezwungen und nach allen Richtungen hin so gehemmt, dass ich vorzog, wieder auf Reisen zu gehen und mich deshalb der Schweiz, Italien und Frankreich zuwandte. Die Beziehung zur Mutter blieb leider unerfreulich. Sie hatte in ihrer Art das Beste im Sinn, aber sie gab es entweder nicht in der richtigen Form, oder mein Herz ist kalt, ich weiss es nicht, ich kam nie mit ihr zu einem warmen offenen Wahrheitstone. Oft empfand ich Hinneigung zu meinem derbnatürlichen Vater. Die Mutter unterbrach aber jedesmal diesen Strom meiner Empfindungen und lenkte ihn wieder auf sich zurück, wo er jedoch nur künstlich floss. Ihre trübe Auffassung des Lebens entsprach meinem heitern Sinne nicht. Rudhard's Unterricht hatte schon tiefe Wurzeln in meinem Herzen geschlagen und mich gegen allen Schein und die Charlatanerie gestählt, mit der in Genf die Erziehung betrieben wurde. Ich gewann dort einige Bekanntschaften, die der allgemeinen Pietisterei in der dortigen Lebensweise gegenüber mir reinere Begriffe von Gott und seinem weisen Erziehungsplane der Menschheit einflössten, und wenn ich Ihnen erzählen sollte, wie es vor fünf Jahren etwa über mich kam, welch ein neuer Geist mich gerade in der französischen Schweiz und dem südlichen Frankreich ergriff .... Sie würden sagen, die dumpfe, hier auf dem schloss wohnende protestantische Ascetik konnte mich nicht erwärmen, selbst wenn sie von der zärtlichen Fürsorge einer Mutter betrieben wurde! Ach ja, Wildungen! Ich gedenke des Tages, wo ich von Genf zu fuss wanderte, die Rhone entlang durch Savoyen über den Jura nach Lyon! O dieser Tag! Diese Welt! Diese Freiheit! Vergebens hatte ich auf Briefe von Schlurck gewartet, vergebens auf eine Mitteilung von meiner Mutter, die wegen meines plötzlichen Entschlusses zu reisen, mit mir boudirte, vom Vater hatte' ich eine längere freundliche Zuschrift, in der er mir nach seiner Weise kurze Verhaltungsmassregeln schrieb, etwa in dem Stile: Junge! Mach Schulden, aber meide die Wucherer und borge immer vier Wochen früher, ehe du das Geld brauchst, sonst presst dir die Not die niederträchtigsten Zinsen ab! Verlieb' dich nie ernstlich und lerne aus der Liebe zu den Weibern die leichteste Metode, sie zu verachten ... und dergleichen epikuräische Sätze mehr, die er mit Herzensgüte verband ... er war leichtsinnig, doch wohlwollend und nur durch eine unmässige, vom verstorbenen Monarchen geschürte militairische Eitelkeit aus Rand und Band gegangen .... Diesen Brief hatte' ich, aber keinen Wechsel. In der Ungeduld, ihn erwarten, Stunde um Stunde, Minute um Minute zählen zu sollen, ging ich mit der letzten Baarschaft, zu Fuss, in einer Blouse, wie Sie mich jetzt hier sehen, von Genf nach Lyon .... In der Meinung, nach vierzehn Tagen kehrst du zurück und findest, was zu erwarten dich so peinigt, schritt ich mutig vorwärts. O, welch eine Erinnerung! Wie lange hielt ich sie fern, Wildungen!
Gedenk' ich dieser himmlischen Maitage, als ich von Genf auswanderte, die grünen Ufer der Rhone entlang, bei jedem Blicke aufwärts die