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ihr bei der Beschränkung ihrer Mittel nicht beschieden sein konnte ... und alle diese Reize erhöhte ihr zuletzt noch das Bewusstsein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung herrschenden Geistes der strengen Kirchlichkeit. Die sekte der Momiers war damals neu in der französischen Schweiz erst aufgekommen. Sie erkannte in ihnen, nach den Berichten einer von ihr nach Kräften unterstützten Kirchenzeitung, eine Gemeinde Wiedergeborener, die sich nur an den reinen biblischen Geist des christentum hielte. Es wurden Erkundigungen eingezogen über die Pensionate von Lausanne, von Vevei, von Neufchatel, Genf. Das war ein Geschwirre von Briefen der Pastoren jener herrlichen Gegend, die Alle mit Empfehlungen der christlichen Institute zur Hand waren und dabei die gelegenheit benutzten, mit einer deutschen Dame von stand in Rapport zu treten. Denn diese pfaffen dort, müssen Sie wissen, haben keinen grösseren Ehrgeiz, als mit der halben vornehmen Welt Europas in Rapport zu stehen und sich mit den Briefen zu brüsten, die sie selbst aus Petersburg, Stockholm und Neuyork erhalten. Damit ist zugleich ein eigentümlicher Menschenhandel verbunden. kennen Sie Casanova?

Dankmar verneinte befremdet.

Casanova, sagte der junge Fürst, Casanova, den ich im Pensionat des Herrn Monnard mit aller Bequemlichkeit gelesen habe ....

Im Pensionat? sagte Dankmar erstaunt.

Casanova, fuhr Egon ruhig fort, erzählt von den in Europa zerstreuten italienischen Sängern und Tanzmeistern und plaudert uns deren Memoiren aus; ich versichere Sie, der fromme Menschenhandel mit Bonnen, Gouvernanten, Hauslehrern aus der französischen Schweiz ist so organisirt, dass ich eine grosse Ähnlichkeit finde. Sie haben keine Ahnung, welche Dinge in einer französisch-schweizerischen Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht werden. Ich könnte Ihnen Fürstinnen nennen, die auf europäischen Tronen sitzen und von den Fäden einer ehemaligen, glänzend pensionirten, bei Genf in ihren Verbindungen schwelgenden alten Erzieherin gelenkt werden. Sie erfahren in einem frommen Tee in Lausanne mehr Cabinets- und Hofgeheimnisse, wie in Berlin in dem engern Cirkel eines Ministers.

Dankmar fiel lachend ein:

Das hätte ja fast Ähnlichkeit mit dem Einflusse, den zehn Meilen weiter von Lausanne die freiburger Jesuiten über das übrige Europa ausüben ....

Die vollkommenste! bestätigte der junge Fürst. Sie können aber auch in Lausanne die Politik der Jesuiten und in Freiburg die Politik der Momiers studiren. Es ist ganz dieselbe Sache, wie sie auch von Menschen vertreten wird, die sich untereinander vor Brotneid aufzehren möchten. Das ist eine Sucht, dem andern eine Beute abzujagen! Denken Sie sich diese Correspondenz der reformirten Geistlichen mit den höchststehenden Familien! Der Reiz der französischen Sprache, die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung, die den gutkatolischen Fénélon zum Ideal auch dieser Protestanten gemacht hat, ... genug, die gute Mutter war auf Grund meiner Versendung nach Genf so lebhaft in Verbindung mit den schönsten, durch die Fremdenbesuche an Neuigkeiten ergiebigsten Gegenden der grossen europäischen Route, dass sie sich in ihren Briefen hier auf Hohenberg schon da vortrefflich unterhielt, noch ehe ich abreiste. Wie aber nahm Das erst zu, als ich wirklich in Genf war! Wie wurden da über mich, über meine Erziehung, meine Anlagen, meine Irrtümer, meine Tugenden und Gebrechen soviele Anfragen an Geistliche, Professoren, Syndics, Künstler, am Genfersee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von diesen beantwortet! Nun war ich der einzige Gedanke der Fürstin, ja der Angelpunkt und die Achse ihres ganzen Daseins geworden. Welche Briefe liess mich Professor Monnard und sein boshafter erster Lehrer, Sylvestre Rafflard, schreiben ....

Rafflard? unterbrach Dankmar. Sie erwähnten ja seine Anwesenheit in Hohenberg ....

Rafflard war, berichtete der Erzähler, ursprünglich aus Genf, kam nach Deutschland, zu uns als Lehrer der französischen Sprache, von da nach Kurland, wo er mit Rudhard wieder zusammentraf und zwar feindselig genug, dann kehrte er nach Genf zurück, wo ich ihm im Monnard'schen Institute wieder begegnete. Jetzt ist er Jesuit ....

Das ist eine lehrreiche Biographie! sagte Dankmar.

Sie werden noch Manches von Sylvestre Rafflard hören; schaltete der Erzähler ein und fuhr fort:

Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monsieur Sylvestre ausgestrichen und unter dem einfachen Scheine stilistischer Veränderungen in ihren Tatsachen so umgewandelt, dass weiss erschien, was ich als schwarz hatte melden wollenkurz, mein Freund, ich wurde in geistigen Dingen so metodisch zur Lüge und zur Phrase erzogen, so auf eine gewisse herzlose Regelmässigkeit abgerichtet, so nach dem Modell einer gutgearbeiteten genfer Uhr künstlich zusammenspintisirt, dass ich in meinem achtzehnten Jahre wirklich als ein heilloser Schlingel, voll Verstellung und Einbildung, zur Mutter zurückkehrte und die Vorwürfe der inzwischen gar düster gewordenen und gramverschleierten Frau im reichsten Masse verdiente.

natürlich misfiel es hier einem jungen Taugenichts, der statt im Tomas a Kempis im Pensionat heimlich den Casanova las, im höchsten Grade. Ich entfloh, so zu sagen. Als die Mutter mir in die Residenz nachreiste und ich auch mit dem Vater in Händel geriet, dankte sie Gott, wie ich wenigstens soviel guten Willen zeigte, dass ich mich entschloss, in Bonn, Heidelberg, Göttingen zu studiren. Erlassen Sie mir, Ihnen davon eine Schilderung zu machen! Die akademische Zeit eines jungen deutschen Adeligen, der die Universität besucht ohne einen andern Zweck als den, einmal dagewesen zu sein, wird für Sie keiner Schilderung bedürfen. Man geniesst, was das Leben bietet und was der von haus bezogene Wechsel sich zu verschaffen möglich macht. Durch