mein Freund, vergeben Sie mir, wenn Sie einen Sohn hören, der vor seinem Vater keine achtung hat.
Erschöpft von seiner Aufregung warf sich Egon auf die hölzerne Pritsche und schien die Härte dieses Lagers kaum zu fühlen.
Von tiefster Teilnahme ergriffen beugte sich Dankmar zu ihm herab und bat ihn, seine Empfindungen nicht zu heftig aufzuregen.
O, warum bin ich auch hierher zurückgekehrt, rief Egon leidenschaftlich, ausgesetzt einer ewigen Verhöhnung durch mich selbst! In der Ferne, ja da war ich glücklich! Ich galt für Den, für den ich mich gab. Wildungen! Glauben Sie mir's, ohne mich einen Wahnsinnigen zu schelten, ich habe in den Werkstätten von Paris gearbeitet, ich galt für einen deutschen gebildeten Arbeiter. Niemand wusste etwas von den Schulden meines Vaters; mit Dem, was sie mir übrigliessen, konnte' ich fleissige Arbeiter belohnen, manche nützliche Unternehmung befördern, ... selbst leben ... ich war glücklich ....
Setzen Sie dies Leben hier fort! sagte Dankmar innigst teilnehmend und vor Freude bewegt, endlich einmal einen Vornehmen zu finden, der wie jeder andere Mensch sich fühlte und gab. Man wird sich mit dem Vater aussöhnen, der einen solchen Sohn hinterliess. Man wird milder von der Aristokratie denken, sich dem Adel verwandter fühlen ...
Man wird mich auslachen! unterbrach ihn der junge Fürst. Unsere Verhältnisse bieten keinen Boden für eine solche Umkehr der Stellungen.
Warum nicht? sagte Dankmar.
Der Fremde schwieg ....
Nach einer Weile fuhr er fort:
Aber hören Sie von dem Vergangenen!
Sich aufrichtend erzählte er weiter:
Ich hatte kaum das dreizehnte Jahr erreicht und sollte nach des Vaters Wunsche jetzt unmittelbar für den Kriegerstand gebildet werden. Da kam über meine Mutter jene Erleuchtung, die denselben bigotten Zustand zur Folge hatte, von dem noch die spasshaften Erzählungen des Jägers vom "Gelben Hirsch" Ihnen im Gedächtniss sein werden. Sie hören, wie wenig erbaut ich von dieser Erbauung spreche und ich kann Sie versichern, Wildungen, dass ich hier nicht wie der Blinde von der Farbe rede, sondern eine Zeit lang war ich selbst einer der Hellsehenden, Einer der von Angesicht zu Angesicht Schauenden und der Gotterleuchteten.
Dankmar lächelte wie der Erzähler. Er hätte manche, so auch diese Äusserung von ihm anders gewünscht; doch hörte er mit Aufmerksamkeit zu.
Wie meiner guten Mutter dieser traurige Zustand anflog, weiss ich nicht. Ich glaube, diese Frömmigkeit war damals in der grossen und kleinen Welt eine Sache der Mode. Man betete viel und gern laut, und wissen Sie, Wildungen, für die Politik war Das sehr gut. Es bewahrte vor Übereilung in Entwickelungen, für welche der beschränkte und philisterhafte Sinn unsers Volkes kaum jetzt schon reif ist, wie viel weniger damals ...
Die jämmerlichen Staatsmänner jener Zeit, sagte Dankmar, diese Polizeiseelen, Creaturen Metternich's, fanden in der Bigotterie eine Stütze des Absolutismus, eine Art Chinin gegen das Constitutionsfieber.
Wohl! Wohl! sagte der Fürst. Genug, ich für mein teil hatte einige sehr angenehme Folgen von dieser Sinnesänderung meiner Mutter zu erfahren. Erstens wurde' ich nicht zum Soldaten bestimmt. Im Gegenteil wollte die Mutter jetzt nur noch durch mich Gott ... und durch Gott mir leben. So sagte sie selbst! Sie zog für immer hierher nach Hohenberg und richtete sich so ein, als wollte sie ihre Tage hier für immer beschliessen. Anfangs verursachte mir diese Entdekkung einen lähmenden Schrecken. Ich sehnte mich ja hinaus in die Welt, ich wollte schulen besuchen, wie Andere, wollte die Freundschaften unterhalten, die ich bei meinen kurzen Anwesenheiten in der Residenz im Fluge knüpfte. Ich wollte der junge Fürst von Hohenberg sein! Aber die Mutter hatte es anders beschlossen. Sie gedachte mich in ihre ausschliessliche Obhut zu nehmen. Rudhard wurde entfernt, weil seine Auffassung des christentum der ihrigen nicht entsprach. Man versetzte ihn, ich weiss nicht, ob auf ihren Betrieb oder freiwillig, in andere östliche Gegenden. Tief betrübt sah ich ihn scheiden, denn so streng er war, die Gediegenheit seines Charakters konnte selbst dem kind nicht entgehen. So wenig er meiner Eitelkeit als einem jungen Fürsten schmeichelte, so besass ich doch Lernbegierde genug, von seinem reichen Wissen Vorteile zu ziehen. Ja wie Knaben mit ihren Lehrern pflegen, in meiner eitlen Bewunderung stellt' ich ihn wohl gar noch höher als er stand. Seinen Nachfolger wählte die Mutter auf Empfehlung der pietistischen Kreise in der Residenz. Es war dies ein junger, gewandter Teolog, Namens Guido Stromer. Wenn ich nicht irre, brachte er sich sogleich eine Gattin mit und gewann das Herz meiner Mutter in dem Grade, dass es ihm gelang, einen andern Plan mit mir durchzusetzen, für den ich ihm eigentlich Dank weiss. In seiner Furcht, meine Erziehung auf dem schloss würde doch einen ewigen Ab- und Zustrom von Hofmeistern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu ändernden Bedingung machen, äusserte er der Mutter die idee, mich nach Genf in ein Pensionat zu geben. Naturen wie Sylvestre Rafflard gewesen war, blieben ihm gefährlich. Die Mutter, nicht ahnend, dass er nur in der ihm natürlich sehr wichtigen Gunst seiner Kirchenpatronin die Nebenbuhlerschaften entfernen wollte, ging auf diesen Plan mit Begeisterung ein. Sie hatte Genf selbst gesehen, schwärmte für den reizenden bergumkränzten Leman, träumte oft von dem Glücke, dort zu wohnen, dort ihre Tage zu schliessen, was