zu befriedigende sehnsucht nachjagte. Dann blieb ich wohl einige Wochen bei den Ältern, wurde verwöhnt, verhätschelt, war ihnen aber bald so im Wege, wurde so unwillkommener Zeuge der unglücklichsten häuslichen Zerrüttung, dass man dann sogleich hundert Gründe hatte, mich wieder nach Hohenberg zu meinem gestrengen Rudhard, den französischen und musikalischen Maitres zurückzuschicken. Zu diesen Maitres! Diesen Erziehungsvirtuosen, die ich später zu entlarven gelegenheit hatte! O, durch welches Wirrsal muss sich ein Kindesherz durcharbeiten! Wenn ich daran denke, dass ich dabei immer noch mit Dem, was aus mir wurde, leidlich zufrieden sein darf, so kann man wohl sagen: Die Jugend ist eine Pflanze, die wächst und ans Licht muss, auch wenn man unter dem Namen der Erziehung einen schweren Stein auf sie legt!
Sie beurteilen Ihre Ältern streng, sagte Dankmar, und der Gefühle gedenkend, die ihn gestern über seine eigene Mutter beschlichen, fügte er hinzu:
Es ist eigentlich ungerecht, Menschen nur deshalb streng zu nehmen, weil sie das Schicksal zufällig unserm Herzen so nahegestellt hat, dass wir sie leichter ergründen können als Andere! Wir sollten da gerade doch duldsamer sein und den Vorsprung nicht benutzen, den uns der nähere Besitz gestattet. Doch vergeben Sie ... ich gedachte eigener Erfahrungen ....
Wohl! Wohl! sagte der Fremde nachdenkend und tiefmelancholisch .... Die Liebenden quälen sich wechselseitig am meisten ... und Keiner wohl bereitet sich das Gift des Todes oft willenlos geflissentlicher als Die ... die sich das Leben sind!
Nach einigen Augenblicken schwermütigen Sinnens fuhr der Fremde fort:
Sie strafen mich, Wildungen, dass ich so streng von meiner Mutter spreche und den Vater vollends nicht schone. Aber werfen Sie einen blick auf meine Lage, ist diese nicht entsetzlich? Ein tapferer Krieger wird von seinem Monarchen, der ihn liebt und verwöhnt, in den erblichen Fürstenstand erhoben. In demselben Augenblicke fallen ihm in der Ferne Besitzungen im Werte einer Million zu. Er veräussert sie und statt die flüssigen Gelder auf einheimischen neuen Grund und Boden und dessen Ankauf oder die Verbesserung seiner alten Besitzungen zu verwenden, werden sie in flüchtigen Tändeleien, in luxuriösen Einrichtungen, einem prächtigen Palais, in Pferden, in Marställen, im Spiel, ja ich muss es sagen, sogar im Trunk vergeudet! Man drängt in ihn, ein Fideicommiss zu stiften für die Familie und ihre dauernde Anlehnung an einen Besitz, der wohl entwertet, aber nicht ganz veräussert werden kann. Der Staat begünstigt solche Majorate und wünscht sogar ähnliche Bestimmungen, um einen vornehmern Adel zu gewinnen, als das übliche adelige Gesindel ist, das uns die ganze Frage vom Adel verdorben hat. Man wollte die Ausführung der damaligen idee von einer künftigen Pairsschaft durch Majorate anbahnen. Aber nicht nur, dass mit der Zeit jene Capitalien verschwendet und auf eine nutzlose Prachtliebe verwandt waren, die mir in der Residenz allerdings ein sehr schönes Palais hinterlassen hat, dessen innere Einrichtung zu sehen Ihnen einmal Freude machen wird ... auch die alten gräflich Hohenberg'schen Güter Plessen, Randhartingen, Wiesbach, unsere Anteile an Schönau, Berghübel, sind so durch darauf geborgte Summen überschuldet, in ihrer Ökonomie vernachlässigt, dass ich zweifelhaft bin, ob ich überhaupt ihre herrschaft antrete und sie nicht lieber ganz, wie der Lateiner sagt, unter den Spiess stelle, das heisst, wie Sie wissen, sie losschlage. Erwägen Sie diesen Zustand und fragen Sie, ob hier das Gedächtniss eines Sohnes Alles liebend beseitigen und über die Vergangenheit nur Blumen der Versöhnung streuen kann! Nein! Nein! Ich kann nur mit bitterstem Unmute diese Gedanken an das Vergangene in mir vorüberziehen lassen; ich habe Stunden erlebt, wo ich meine Mutter kalt bemitleidete, aber noch unglücklichere, wo ich meinen Vater bis aufs Blut hasste. Denken Sie sich den einen Zug! Dieser Mann, der meine Mutter mishandelt hat, sie zuletzt in ihrem Notdürftigsten beschränkte, dieser Mann, der dennoch vor dem jungen Monarchen weinte, als er ihm den Tod meiner Mutter anzeigte, weil ein ernster blick der Umgebungen des Fürsten ihm sagte: Hohenberg, Sie haben da ein Herz brechen helfen! ... dieser Mann verkauft, weil die frühere Gräfin Bury nichts besass und ich keine Ansprüche auf ihren Nachlass habe, die Einrichtung ihrer Zimmer, verkauft den stillen Frieden ihrer liebsten frommen Abgeschiedenheit von der Welt, verkauft die Tränen, mit denen sie ihre Polster und Gebetbücher benetzte, verkauft – o mein Gott, Wildungen, Ihr wisst nicht, wie weit die Herzlosigkeit dieser vornehmen Stände geht! Wenn ich in Lyon einen armen Seidenarbeiter sterben sah, ja, da gehörte wohl schon das Stroh, auf dem er endete, dem reichen Fabrikanten, dem er all sein Hab und Gut verpfändet hatte; aber ein Crucifix, Wildungen, auf das die blassen Lippen ihre letzten Küsse gedrückt hatten, ein Gebetbuch, aus dem seine weinenden Kinder, die zu kurz die Schule besucht hatten, um lesen zu können, die letzten Tröstungen der Religion stammelnd buchstabirten, ja vielleicht der letzte Stab, Wildungen, der ihn stützte, der letzte Rock, der seine Blösse deckte und die letzten Schuhe, die er auszog, als er sich auf das Lager warf, auf dem er sterben sollte – die waren noch sein, um die bat er den Fabrikherrn für sein Weib und seine Kinder, verpfändete sie nicht, um der Liebe willen nicht ...um seines Heilandes willen nicht ... ach,