liess: Rühmt mir nichts von Dem, was ich am Mühlbach auf dem schloss meiner Väter fast ebenso schön, fast schöner, kindlich glücklicher, schon gesehen habe! ... wie ich so wieder gedachte des Heimwehs der Kindheit und der sehnsucht nach einem land des Glücks, das – ach! es ist nur zu wahr! – niemals vor uns, immer nur hinter uns liegt! ... da, Freund ... nein, nein, Sie zweifeln ja! Sie verstehen ja meine Empfindungen noch nicht!
Bei diesem gemütvollen Ausrufe mussten Dankmar's Bedenklichkeiten schwinden.
Prinz, sagte er, tief erschüttert und innigst überzeugt, die Augenblicke sind gezählt; sie sind kostbar, wenn man an die Erlösung von diesem jammervollen Zustande denkt ... Was beginnen wir zu Ihrer Befreiung?
Ich denke nun nicht mehr daran, sagte der Gefangene mit feiner Ironie, in die sich fast ein leiser, artiger Vorwurf mischte. Erst haben Sie Aufklärung begehrt, nun fühle ich nicht einmal so lebhaft mehr das Bedürfniss, frei zu sein. Jetzt will ich gefangen sein, um reden, mich aussprechen, mich erinnern zu können. Ja, ja! So ist der Mensch! Wenn er gesund blüht, ist er vor nichts so besorgt, wie vor einer Krankheit. Da erfasst sie ihn denn und nun findet er bei allem Schmerz des äussern Menschen auch eine Freude für den inneren. Man kehrt auf dem Krankenlager bei sich ein, wird reifer, geläuterter und steht geistig besser vom Lager auf, als man sich niederlegte. Schenken Sie mir jetzt nur ruhig Ihre Gegenwart, Wildungen, hören Sie mir nur still, mit Teilnahme zu und bereiten Sie sich darauf vor, dass ich Ihnen vielleicht ...
Der bewegte Sprecher stockte.
Dankmar schwieg, aber seine Blicke sprachen ihm jede Ermutigung.
Dass ich Ihnen vielleicht eine Bitte vortragen werde, deren Erfüllung Sie nur dann erfreuen kann, wenn Sie mein vergangenes Leben kennen.
Dankmar äusserte schon jetzt für das Vertrauen des Gefangenen seinen Dank und bat ihn, sich offen mitzuteilen. Er würde sich ihm in Nichts entziehen.
Der Erzähler fuhr nun fort:
Ich lebte hier in Hohenberg mit jeweiliger Unterbrechung, wo wir unsere andern Güter und die Hauptstadt besuchten, fast bis in mein dreizehntes Jahr. Der Vater, kurz vor meiner Geburt in den Fürstenstand erhoben, hatte um dieselbe Zeit ein grosses Vermögen durch einen unerwarteten Tod des Stammhalters der österreichischen Seitenlinie gewonnen und war von seinem plötzlichen Glücke so gehoben und getragen, dass er nur auf der hohen Flut des Lebens schwamm und sich wenig um seine Häuslichkeit kümmerte. Der Vater war Militair und hatte Lust, auch mich im zartesten Kindesalter schon für diesen Stand zu bestimmen und abzurichten. Die Mutter aber erkannte in dem Plan, mich in eine milltairische Erziehungsanstalt zu schicken, nur den Egoismus eines Weltmannes, der die Erziehung seines Sohnes sich so leicht als möglich machen wollte. Sie trat diesem Plane mit Entschiedenheit entgegen. Das leider sehr tief eingerissene Zerwürfniss der Ältern machte eine unter ihrer gemeinschaftlichen Aufsicht genossene Erziehung fast unmöglich. So beschlossen sie mich ganz hierher nach Hohenberg zu versetzen, soviel wie möglich hier zu leben und mich mit Lehrern, Hofmeistern und Aufpassern aller Art so zu umgeben, dass ihr Gewissen beruhigt sein durfte. Meine Mutter liebte damals noch die Welt. Sie war noch nicht in die Krisis getreten, die sie später zu einer sehr unfruchtbaren und meiner innersten natur heterogenen Frömmigkeit geführt hat. Es lebte damals hier im Orte ein sehr braver Pfarrer, Namens Rudhard. Dieser strenge und doch keineswegs gemütlose Mann erhielt über meinen ganzen Bildungsprocess die obere Aufsicht, und noch jetzt – er weilt fern an den Ufern des Schwarzen Meeres in Odessa – noch jetzt dank' ich ihm für die spartanische Strenge, mit der ich in jenen Tagen erzogen worden bin. Zwar sträubte sich in mir etwas und wollte sich bäumen und das oft drückende Joch des Gehorsams abschütteln; aber Dank sei es der damaligen Charakterfestigkeit meiner Mutter, sie widersetzte sich jeder Intrigue, die vom schloss aus und sonst gegen den Pfarrer gesponnen wurde. Wie auch die Lehrer, die mir oben beigegeben waren, gegen den unten über sie wachenden Rudhard polterten, wie sehr auch einer von ihnen, ein Franzose, Namens Sylvestre Rafflard, förmlich intriguirte, Rudhard behielt Recht. Auch mein Vater hatte bei aller Zerfahrenheit seines Charakters eine gewisse männliche Entschlossenheit, die ihn Windbeuteleien sehr leicht als solche erkennen liess, und wenn mich Rudhard's strenge gewaltige Hand nicht geführt hätte, ich wäre umsomehr misraten oder doch in meinen ersten Entwickelungen geradezu gesagt verpfuscht worden, als die Mutter in ihrer Behandlungsweise im höchsten Grade unregelmässig, launenhaft und willkürlich verfuhr. Bald warf sie sich mir mit brennender Liebe an den Hals, küsste mich und benetzte mich mit tausend Tränen, deren Grund ich nicht kannte, bald wieder war sie schroff und behandelte mich mit einer Fremdheit, die früh mein Herz gegen sie eingenommen hat. Scheiterte ihr in der grossen Welt irgend ein Lieblingsplan, fühlte sie die Hand irgend einer Intrigue kalt und ertödtend in ihr Herz greifen, so kam ein reitender Bote, um mich augenblicklich in die Stadt zu rufen. Auf Wolkenflügeln sollt' ich dann zu ihr eilen, das Muttergefühl sollte sie trösten für allen Kummer, alle Entbehrungen! Und wenn ich ankam, fröhlich, überglücklich, im prächtigen Palais der Ältern mich umschauend, fand ich sie schon abgekühlt, schon getröstet, schon zerstreut durch etwas Neues, dem ihre nie