Gott! Was sagen Sie nun dazu?
Durchlaucht sehen mich hier, antwortete Dankmar, um von Ihnen Etwas zu vernehmen, das soviel wie eine Aufklärung ist. Ich bin ganz Ohr!
Dankmar war sonst kein Freund von Titulaturen. Er hob die Würde des Gefangenen nur darum so nachdrücklich hervor, um zu sehen, ob dieser sie wirklich zu behaupten verstand ....
Nichts von Durchlaucht! sagte der Fremde; keine Förmlichkeiten, die ich schon draussen in der Freiheit hasse, und die hier in diesem abscheulichen Loche am wenigsten am platz wären. Ich habe Sie auf unserer Reise schätzen, ja lieben gelernt. Vor allen Dingen! Seien Sie mir Freund, Wildungen!
Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von seinem eben Erlebten zitternde Hand.
Dankmar ergriff sie etwas zögernd. Er konnte denn doch nicht umhin, sich zu sagen:
Wunderliche Herablassung eines gefangenen Diebes, der vielleicht wirklich unschuldig, aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon ist!
Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir, Wildungen! sagte der Fremde. Und ich Wahnsinniger verdien' es auch nicht! Wie kann ich mir einbilden, dass Sie meinen Worten trauen können! Wie kann ich glauben, dass Sie mich für Egon Hohenberg halten! Höchstens, dass Sie mich für keinen Tischler nehmen! Und was das Schlimmste ist, Wildungen! Ich bin ...
Der Gefangene stockte ....
Als ihn Dankmar erwartungsvoll fixirte, sagte er leise:
Ich bin wirklich ein Dieb.
Durchlaucht ...
Ich habe auf dem schloss wirklich stehlen wollen ....
Dankmar besann sich bald.
Mein Fürst, sagte er, man nennt Das nicht stehlen, was das Antreten einer Erbschaft, das Besitzergreifen von einem Eigentum ist. Allein ...
Nun? Nicht wahr? Auch dieser Act muss in gesetzlichen Formen geschehen?
Allerdings, sagte Dankmar. Ich kann nicht glauben, dass Sie sich in der Tat auf dem schloss irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen.
Der Fremde schwieg und suchte nach Fassung.
Nach einem Augenblick strich er sich mit der Hand durch das lichtbraune Haar, das von dem blassen edlen Angesicht jetzt noch schöner abstach, und sagte:
Weg mit den Grillen! Bedenk' ich es genau, so ist das Ganze ein Abenteuer und ich wünschte, der Wein aus der Krone wäre schon da, damit Sie mit mir auf die Befestigung unserer Freundschaft anstossen.
Dankmar konnte sich in diesen Übergang zur Heiterkeit nicht finden. Es überfielen ihn plötzlich alle nur möglichen Zweifel an dem Fremden, von dem er sich düpirt zu werden als Etwas dachte, was ihm das Blut in die Wangen trieb ....
Er sah sich um und kam auf die Widerwärtigkeit eines solchen Ortes zurück, in dem sie sich wiederfinden mussten ....
Es ist toll! sagte der Fremde. Aber wie glauben Sie nur, dass ich aus diesem Rattenneste frei werde?
Vor allen Dingen, meinte Dankmar mit bestimmter Betonung, vor allen Dingen müsst' ich doch wissen, mit welchem Rechte Sie hierher kamen?
Weil ich stehlen wollte..
Wie? Scherzen Sie?
In der Tat! Ich bin ein Dieb ....
Ich habe nicht gesagt, Durchlaucht, beweisen Sie, dass Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind; aber dass Sie ein Dieb sind, müssen Sie jetzt wirklich beweisen ....
Was soll ich zuerst beweisen? Ich sehe, Sie glauben Beides nicht.
Ohne zu schmeicheln, möchte' ich fast glauben, wenn Sie mir beweisen, dass Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind, so hätten Sie kaum nötig, entschuldigend von Ihrem sogenannten Diebstahl zu sprechen ....
Ah! Sie Demokrat! Finden denn die Fürsten bei Ihnen noch so ein gutes Vorurteil?
Dankmar schwieg mit seinem feinen geistreichen Lächeln und erwartete mit einer Art strengen Prüfung die Mitteilungen, zu denen sich der Fremde nun anschickte.
Fünftes Capitel
Der Dieb
Wohlan! sagte der Gefangene nachdenklich, stützte das Haupt auf und sah trübsinnig durch das enge Fenster in die schöne, sonnenhelle Gegend. Vernehmen Sie, Wildungen, ich bin hier geboren, bin hier erzogen. Da am rand jener Berge hab' ich kletternd die erste jugendliche Kraft erprobt. Viel ist schon hinweggezogen von neuen Erfahrungen und neuen Eindrücken über die erste Kinderzeit, aber noch taucht aus ihr in strahlendem Glanze auf ....da das Schloss mit seinem alten geschnörkelten Baustil ...der Hohenberg selbst, an den sich die ältesten Erinnerungen unserer Familie knüpfen. Wissen Sie, früher stand auf dem Hohenberg eine Burg, zu der dieser Turm, der jetzt hier den letzten Sprossen dieses Hauses gefangen hält, als ein äusseres Bollwerk, eine Art Warte, gehörte. Ich habe in der Beschäftigung mit ernsten und nüchternen Lebensaufgaben doch längst abzustreifen gesucht das dämmernde, träumerische Gefühl der Wehmut, das uns nur einlullt zum süssen Nichtstun und zur Beschönigung unserer ratlosen Tatkraft ... Aber wie ich da wieder im wald die alten Wipfel rauschen hörte, wie ich am Jägerhause stand, wo ich auf einer grünen Wiese von einem früheren Soldaten, Namens Marzahn, die Büchse spannen lernte und manchmal das an einen Eichbaum gesteckte bunte Ziel traf, wie ich wieder die Mühle rauschen hörte, die ein Ullaarm, aus dem Gebirge niederströmend, in Bewegung setzt und mich an die Regenbogen erinnerte, die die Sonne auf dem gespritzten Wasserstaube malt ... ein Anblick, der mich beim majestätischen Rheinfall in Schaffhausen ausrufen