Justizrat Schlurck durch das Überbringen seines verlorenen Schreins einen Dienst, den er schon kannte, erwies und dem man für diese angenehme Entdeckung gelegenheit zu einem Dank für die ganze Familie geben wollte. Aber von einem im schloss ertappten Diebe zu hören, der ihn sprechen wolle, schien ihm selbst in dem höchstwahrscheinlichen Falle, dass Hakkert der betroffene Verbrecher wäre, weit grösserer Aufmerksamkeit wert. Unmutig gedachte er der Möglichkeit, über seine Verbindung mit einem ihm selbst, seit Entdeckung der drei Spitzkugeln, gefährlich scheinenden Menschen vor einer umständlichen und in kleinlichen Dingen pedantischen Justiz vernommen und wohl gar an dem endlichen Beginn seiner Rückreise verhindert zu werden.
In dieser seiner verlegenen und unmutigen Stimmung trafen ihn die Worte eines sich sehr höflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herabgezogenen Mützen begrüssten Mannes:
Mein Herr, schon einmal war ich in der Krone, und ich wiederhole jetzt den mir von der Frau Justizrätin Schlurck gegebenen Auftrag, Sie ergebenst zu bitten, heute' Mittag oben auf dem schloss einen Löffel Suppe einzunehmen ....
Einige Bursche lachten über die sonderbare Zumutung, einen so starken kräftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Löffel Suppe bewirten zu wollen.
Bartusch (denn Dies war der Sprecher) fuhr fort:
Es ist elf Uhr, mein Herr! Man speist um Eins. Können wir auf die Ehre rechnen?
Dankmar erwiderte leichtin:
Mein Herr, ich bin hier ohne alle Garderobe und höre auch soeben von einem Vorfall auf dem schloss – von einer sonderbaren Einladung in den Turm – ...
Erfuhren Sie schon den kleinen Spektakel auf dem schloss? fragte Bartusch.
Dankmar, von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichste berührt, konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern und sagte stockend:
Ich will hoffen ...
Der Lärm hat nicht die geringste Unordnung hervorgerufen, fiel Bartusch sogleich ein. Se. Excellenz der königliche Intendant Herr von Harder zu Hardenstein liessen einen Fremden verhaften, der sich mit sonderbarer, zudringlicher Neugier in der Nähe der Zimmer aufhielt, deren Inhalt vom verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten ist. Seine Diener meinten, der Fremde hätte es geradezu auf einen Diebstahl abgesehen gehabt. Und da der Intendant in Erfüllung seiner ihm allerhöchsten Orts aufgegebenen Pflichten, wie weltbekannt, sehr streng zu Werke geht, so hat man den Fremden nach einem kurzen Verhör, in dem er sich vorläufig für einen harmlosen Wanderer und einen Tischlergesellen ausgab, bis auf Weiteres in den Turm gesteckt ...
Einen Tischlergesellen? rief Dankmar, von einer Ahnung ergriffen. Ihn in den Turm?
Ich höre, dass der verdächtige Mensch sich auf Sie berufen hat, fuhr Bartusch mit scharf gespitztem Auge fort. Ohne Sie, mein Herr, zu kennen und zu nennen, bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden gönner, der ihn gestern in seinen Wagen aufgenommen und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem schloss wiederzufinden gehofft hätte ....
Ich gestehe Ihnen jedoch, fuhr Bartusch mit lauerndem Späherblick fort, seine Aussagen liefen dermassen wirr durcheinander, dass man fast glauben möchte, dieser Fremde wäre kein Handwerker, sondern vielleicht der Freund, der Reisebegleiter irgend eines im Incognito ... reisenden ....
Bartusch zog und blinzelte so eigentümlich, dass Dankmar das Incognito nur auf sich beziehen konnte und daher die Vermutung des alten Schleichers, in ihm wirklich den Prinzen zu treffen, nun erst recht dadurch bestätigte, dass er betroffen über die Kühnheit, ihn zum Mitschuldigen eines jedenfalls auf dem schloss für einen verdächtigen Menschen genommenen Abenteurers zu machen, sagte:
Mein Herr! Wie kommen Sie –
Bartusch fühlte aber sogleich, dass er sich nicht gut ausgedrückt hatte, wenn er überhaupt das vermeintliche Incognito des in Dankmar vorausgesetzten Prinzen Egon schonen wollte. Er verbesserte sich daher rasch, indem er sagte:
fräulein Melanie, die, weil wir den Frauen alle Aufregung ersparen wollten, den Arrestanten nicht gesehen, erzählte gestern vom Zusammentreffen mit Ihnen im wald. Sie erwähnte dabei eines Begleiters in blauer Blouse, der allerdings derselbe zu sein scheint, den Herr von Harder soeben verhaften liess ....
Blaue Blouse? sagte in schmerzlicher Verwirrung Dankmar, und doch auch von der Möglichkeit ergriffen, dass ihn ein Fremder dupirt hätte. Lichtbraunes Haar ...?
Ein Kinnbart, fügte Bartusch hinzu, wie man ihn nur in Paris zu ziehen pflegt ....
Es ist der Prinz! rief es in Dankmar mit unwiderstehlicher Gewissheit. Seine sehnsucht, klar zu sehen, dem Prinzen beizustehen, beflügelte sich, jemehr Bartusch ihm lästig wurde ....
Werden wir die Ehre haben? fragte Dieser lauernd.
Ich bin ermüdet, entgegnete Dankmar leicht und fast abstossend. Entschuldigen Sie mich! Ich habe früh schon das Lager verlassen, einen tüchtigen Spaziergang gemacht und bitte mich zu entschuldigen ... ja, ja, entschuldigen Sie mich ...
Aber ....
Mein lieber Herr! Sie sehen ja! Ich bin gar nicht ausgestattet, Besuche bei Damen zu machen. Sowie ich hier bin und stehe ....
Wozu bedürfte es der Förmlichkeiten? sagte Bartusch verschmitzt. Ein Mann von Welt wird aus jeder Hülle erkannt, wie ich auch an dem vermeintlichen Tischler sogleich erkannte, dass er wohl der Kammerdiener, vielleicht auch der Freund eines Prinzen sein könnte, wenn nämlich ... das Incognito ....
Kammerdiener? Freund eines Prinzen? wiederholte Dankmar von einer Ahnung ergriffen. Wie meinen Sie Das?
Wenn nämlich ... Bitte recht