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sich jetzt wieder erholte und seine Pfeife anzündete. Ich will nicht in ihre Karten sehen. Darin liegt's gerade, was ich heimlich nenne. Seitdem mir meine zweite Braut so plötzlich und so schrecklich starbsie glitt im Gebirge aus und brach sich das Genick ....

Um Gottes Willen! unterbrach Dankmar.

Ja, ja, Herr, die erste ...

Die Jungfer Drossel auf dem Gelben Hirsch ...

Ihr erinnert Euch ...

Starb in den Flammen ... Das weiss ich schon! Aber die zweite ...

Des Sägemüllers Tochter da oben aus dem Gebirge ...

Verunglückte so entsetzlich?

Brach den Hals!

Armer Mann! Jetzt begreif ich Eure Liebe zur Fränz in der Stadt.

Der Förster schwieg eine Weile schmerzbewegt und fuhr dann fort:

Seitdem, Herr, bin ich eigentlich wenig daheim in meinem haus, wandere immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem, was während meiner Abwesenheit im Jägerhause geschieht. Die Ursula ist ganz froh, wenn ich komme, denn ich sehe's ihr an, sie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Not gehabt ... wirklich, Das hat sie ... aber wiedererzählt wird nicht. Da hab' ich dann schon gesagt: Ursel, du kommst mir vor, als wenn du immer in meiner Abwesenheit die Geister bei dir tractirtest und mit dem Teufel manchmal lustig zu Nacht speistest! Da sagt sie denn wohl seufzend: Hast Recht, Junge! Ich habe meine Not! Aber dann ist sie still, macht ihre Arbeit und ist froh, wenn's mir nur schmeckt. Straf mich Dieser und Jener, ich hätte die Alte in ihren jungen Jahren wirklich geheiratet; denn soll ich's nur gerade heraussagen, so glaube' ich, sie war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt, und weiss der Geier, sie war auch noch ganz hübsch und sauber. Nun ist sie elend und hinfällig und wird kindisch. Ihre Gespensterseherei macht mir besonders im Winter arg zu schaffen ....

Dankmar nahm diese letztere Mitteilung fast so scherzend, wie sie der Jäger gab, fuhr daher auch in diesem Tone fort und sagte:

Nun denn, so macht, dass Ihr nach haus kommt! Der Besuch aus Amerika ist kein Gespenst und prüft sie einmal, ob sie aufrichtig ist. Ihr seid ein so ehrlicher und biederer Mann, dass ich Euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrate: Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefüllt.

Sie spassen? sagte der Jäger erstaunt.

Ja, Heunisch. Nach Allem, was Ihr mir von diesen Zeck's und der Ursula erzählt habt, vom tod Eurer beiden Bräute und den Gespenstern, die diese fromme Witwe sehen will ...

Nun, was stocken Sie, Herr? Was sehen Sie mich so gross an?

Nach alledem möchte' ich doch, dass Euer unbefangener, offener und gläubiger Sinn im Jägerhause nicht misbraucht würde. Versteht Ihr?

Wieso misbraucht? Ich verstehe nicht ...

Dieser Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes, die einen ganzen Tisch bedeckte

Was? meinte der Jäger ... Das müssen ja über tausend Taler sein!

Und ebensoviel empfängt jetzt die Schwester. Gebt Acht, sagte Dankmar, ob sie wahr gegen Euch ist und ...

Dankmar stockte.

Nun da bin ich doch curios! Ja, ja, sie sagte mir heute früh, dass ihr etwas Merkwürdiges bevorsteht ....

Passt Ihr mehr auf, Heunisch! Seid nicht so sorglos!

Hm! Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im Schlafe gestört. Die Hunde bellten. Ich sah den Mond so grusselich durch den grossen Kastanienbaum scheinen, der vor meiner Schlafkammer steht. Es war mir einmal, als hört' ich die Ursula hässlich schreien. Aber es war wohl nur ein Traum und ohnedies weiss ich ja, dass sie immer laut redet und ganze Nächte in Bewegung ist. Wie sie mir das Frühstück bringt, frag' ich sie: Aber, Urschel, frag' ich sie, was war denn Das die Nacht? Hast ja geschrien! Und gross mich anglotzend, als wär' ich ein ganz Anderer als der fürstlich Hohenbergische Revierjäger Heunisch, sagte sie: Fritze, was hast du für garstige rote Haare! Wenn Das deine Gräfin sieht! Ei Mutter, sag' ich, ich heisse Leberecht Heunisch und meine Haare schimpf' mir nicht, die haben bei keiner Gräfin am Feuer gestanden. Da kicherte sie und meinte, sie hätte in der Nacht das Fenster aufgemacht und hinaus in den Wald gesehen. Da wär' ihr verstorbener Bruder, von dem sie oft wie von einem Baron faselt, über die grüne Wiese gegangen, ganz wie er noch in seiner Jugend gewesen wäre, lang und schlank und sehr vornehm, aber im Gehen hätt' er geschlafen, sie aber doch artig gegrüsst und sich dann still ins Gras niedergelegt unter dem Ebereschenbaum, der auf der Wiese steht. Und sie wiss' es, sie erführe nun auch heute was Neues. Na, sagt' ich, Urschel, dann will ich hoffen, dass es was Rechtes ist. Stellen Sie sich aber Eines vor, als ich nachher ausging, um in Plessen auf dem Amt Etwas ins Reine zu bringen, sehe' ich hinüber nach dem Ebereschenbaum, den ich lieb habe, weil er im Herbst so prächtige rote Beeren trägt