immer grösser angewachsenes Vermögen von Häusern und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben, die sich auf die Annahme gründete: Wenn der Staat begonnen hat, jene Verlassenschaft, die Jahrhunderte lang gleichsam herrenlos war, für sich in Anspruch zu nehmen und den gegenwärtigen Nutzniessern zu entziehen, warum kann sich nicht mit den sichersten und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkämpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite stellen und Alles das, was Jener zur Begründung seiner Ansprüche mühsam und aus Zwangssätzen der Gewalt zusammenstellt, mit weit grösserem Fug und Recht aus verbrieften historischen Tatsachen herleiten?
Wer weiss, fuhr er innerlichst zu erwägen fort, ob in jenem Processe, dessen inneres Getriebe mir bald kein geheimnis mehr sein soll, nicht Assertionen genug vorkommen, die mir unbewusst über das, was noch sonst dem eingebildeten Entwickelungsgange dieses Processes einen plötzlichen Umschlag geben könnte, meinen Wettlauf mit dem staat und jener grossen mächtigen, von Schlurck verteidigten Commune erleichtern?
Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe, die er sich gestellt hatte und die er nicht zu seinem Vorteil, sondern in der Tat zur Durchführung einer grossen socialen idee lösen wollte, dass ihn nun eine namenlose Angst überfiel, welches Schicksal die in Schlurck's Händen befindlichen Papiere treffen könnte ... Mit dem Entschlusse, jetzt unmittelbar nach der Residenz zurückzueilen, sprang er auf, warf, um nicht gefesselt zu werden, keinen blick mehr nach dem grünen Plane und dem Jägerhause zurück, sondern lief fast mit beflügelter Eile denselben Weg zurück, den er eben neben dem Knaben so gemütlich geschlendert war ...
Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen. Dankmar rief, feuerte ihn an und trieb zur Eile .... Da grüsste ihn ein freundliches Wort aus dem Busch. Ein Bekannter hielt ihn an, der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und plötzlich, ihn fast erschreckend, vor ihm stand. Es war der Jäger Heunisch.
Drittes Capitel
Das Jägerhaus
Heunisch, die Büchse auf dem rücken, eine sorgfältig geschlossene Pfeife im mund, schien so eben nach seiner wohnung einlenken zu wollen. Er erkannte in Dankmarn sogleich jenen jungen Mann, dem er gestern früh auf dem Gelben Hirsch, während es so heftig regnete, von alten und jungen zeiten auf Schloss Hohenberg hatte erzählen müssen. Seinen freundlichen Gruss erwiderte Dankmar mit den Worten:
Eilen Sie, dass Sie nach haus kommen! Sie haben Besuch ...
Ich erfuhr es schon in Plessen, sagte der Jäger. Wie ich in der Schmiede vorsprach, sagte mir's der alte Zeck. Wenn die Ursula so ins Feuer gerät über den amerikanischen Besuch, wie ihr blinder Bruder, der wie närrisch herumtastete und herumgrabbelte, so muss es ein sehr naher Freund zu ihr sein.
Oder er bringt Grüsse von einem Freunde aus Amerika, bemerkte Dankmar, der es vorzog, das, wie es schien dem Förster unbekannte geheimnis der Erbschaft zu verschweigen.
Auch möglich, sagte der Jäger. Die Zeck's sind alle heimlich.
Heimlich? fragte Dankmar. Was verstehen Sie unter heimlich?
Dankmar hätte sie lieber unheimlich genannt.
Nun! sagte der Jäger. Es soll mir nicht einfallen diesen Leuten etwas Schlimmes nachzusagen, sie stehen in bravem Rufe und gehörten früher auch zu den Frommen, die die hochselige Fürstin beschützt hat. Aber es kommt mir mit ihnen vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrockneten Teich. Man kann nicht darüber gehen ohne dass es einem immer ist, als könnte da wieder einmal wasser zum Vorschein kommen.
Wir nennen das, sagte nun Dankmar, unheimlich. Sie nennen's heimlich. Worin finden Sie denn, dass diese Familie etwas Verstecktes und Unzuverlässiges hat?
Der Jäger kratzte sich hinterm Ohre und erbot sich Dankmarn, der eine kaum angerauchte Cigarre mechanisch in der Hand hielt, Feuer anzuschlagen, wenn es auch, wie er sagte, eigentlich nicht gestattet wäre im wald Cigarren zu rauchen.
Dann lassen Sie's! sagte Dankmar.
Aber der Jäger meinte:
Ach was? Wie lange wird's dauern, so lassen die oben doch all die Stämme hier abhauen, um zu Gelde zu kommen. So ... oder ... so! setzte er lachend hinzu.
Und so rauchte Dankmar die Cigarre an des Jägers geöffnetem Pfeifendeckel an. Den Deckel dann in Erwägung der Waldordnung kräftig zuschlagend und selbst durch einige Züge sein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend, fuhr der Jäger fort:
Die Zecks in der Schmiede gelten für ehrliche Leute und sind's auch, aber sie kommen Manchem vor wie Welche, die mit einem Strick am Halse leben. Drossel auf dem Gelben Hirsch sagte noch vor Kurzem, er hätte immer gehört, wenn ein Vornehmer 'mal einen Knecht erschlägt, so kann er sich vom Galgen loskaufen durch eine runde Summe, aber auf den Boden stellt ihm die Justiz auch was Rundes hin, nämlich's Rad, damit er immer einen Augenspiegel in der Nähe hat. Ob's wahr ist, weiss ich nicht. Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer, der auf'm Boden auch so sein Rad stehen hat. Von meiner alten Ursula gar nicht zu reden, die die Leute eine Hexe nennen. Aber die Leute sind närrischer als sie.
Wie kommt denn Zeck's Schwester in Ihre Jägerwohnung? fragte Dankmar, den eigentlich der Rückblick auf Ackermann und Selmar fesselte.
Ei, sie war ja meines Vorgängers Frau! sagte der Jäger. Ich habe sie ja mit übernehmen müssen