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lieben könnte, so lieb' ich dich in deinem Sohn! Ich weiss es schon, du Kräftiger, dass in dir Gedanken leben, die höher hinaufweisen als die gewöhnlichen Wegweiser unserer grauen Teorie! Du hast nachgedacht, du hast gefühlt, gelebt, geliebt! Ich weiss schon Alles ..... Ein Weib folgte dir und vergass ihre Tränen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses Schmerzes, das Denkmal einer Liebe, die sich noch im tod bewährte ... und die du selber ehrst, sonst würdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen, dies Land, das dich doch sicherdenn du heissest schwerlich so, wie du dich nennst! – von seinem Herzen stiess! Wo kann ich dir wieder begegnen, edler Mann? Wo mich an deiner starken Hand führen? Nie also, nirgends mehr? Das wäre so verloren! Und warum verloren? Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon? Nein! Weil du mich für einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit hältst, der nichts kann, als fremde Menschen belästigen und zwecklos ausfragen! Ich missfiel dir; du kennst mich nicht! Warum ist nun kein Wort möglich, das mit einem Hauche sagt: Hier ist auch ein Mensch, ringend, wie du einst gerungen hast, ein Mensch ohne Ehrgeiz für sich, aber voll Ehrgeiz für das Allgemeine! Das Allgemeine? Ja das Allgemeine! Das nicht Einen, nein Tausende, Hunderttausende Gleichgesinnter braucht! Sind wir beide gleichgesinnt? Warum erkennen wir uns nicht? Die Freimaurer erkennen sich!

Gerechter Gott, und was drückt das aus: ein Freimaurer! Wenig genug, wenn man Lessings Geständnisse liest. Und doch grüssen sie sich geheim, wie mit einem Grusse in der Wildniss! Man ist mit diesem Grusse nicht mehr dunkel über sich, man hat doch Eins gemein, Eins, das Gefühl der Brüderlichkeit, so misbraucht es auch wird und so lästig es dem sein muss, der das Zeichen dem erwidern soll, der ihm gleich beim ersten Blicke misfällt. Aber was führt die Männer, die sich gefallen sollten, zusammen? Wer lässt den Geist den Geist erkennen? Was kürzt uns durch einen einzigen blick den langen Umweg ab, den wir brauchen, um die, die uns gleichgesinnt sind, erst zu erkennenach, wo anders erkennen wir uns, als ... auf dem Schlachtfelde ..... in den Gefängnissen ... im grab!

Dankmar blickte auf. Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herübergeschaut wie mit traurigem Vorwurfe ...

Um sich einem Anblick zu entziehen, der ihn zu heftig bewegte, trat Dankmar zurück und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche, den die dichten Zweige der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten ...

Er spann die Gedankenreihe aus, in der wir ihn schon so oft, am meisten nach Schlurck's Äusserungen über den Reubund, belauscht haben und die, das merken wir nun wohl, mit seinem glücklichen Funde in Angerode zusammenhing. Er vergegenwärtigte sich die alten zeiten, wo das Christentum ganz allein die Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat, wie sie jetzt die Menschheit beherrschen. Er sah die damalige Bildung, die christliche, da nicht dem Zufalle preisgegeben, sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes, den sogleich die Verbrüderungen, die Herbergen, die Agapen und dann die Mönchsorden vertraten. In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der Gefahren, die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung der Ideen mit sich bringen konnte, wenn es ausschliesslich wurde. Die Orden waren Jedem zugänglich, selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen. Wenn er dann die rege Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an Gleichgesinnte, die man durch äussere Kennzeichen in der ganzen damaligen christlichen Welt antreffen konnte, bewundern musste, so flösste ihm vollends die feine und durchdachte Gliederung besonders des späteren Jesuitenordens als Form, als kunstmässig angelegter Bund, die grösste achtung ein ...

Warum geht bei uns Alles so in der Irre! dachte er sich. Warum gruppirt man sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung! Warum verschwört man sich nur blindlings mit abenteuerlichen, leicht entüllten Masken ... Wer uns eine Stiftung brächte, die unabhängig von jeder zunächst auf der Tagesordnung stehenden Frage nur die Verständigung über sie im Allgemeinen, die Einigung über die ersten Grundsätze erleichterte! Wer uns etwas ersänne, das wie ein elektrischer Schlag Jeden träfe, der mit uns in einem geistigen Rapport steht und uns dann immerhin so ganz zufällig begegnete! ... Man würde sich gleich erkennen. Wie würde man seine Erfahrungen austauschen, wie würde man sich zu einem geordneten, sicheren System des Handelns rascher vereinigen! So viel Verstand und keine Verständigung!

Und wenn sich Dankmar dann gestehen musste, dass alle die, die etwas Grosses in dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen, Mittel besitzen müssen, um die Zweifelnden und Lässigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung, das so Mancher in seiner Grossherzigkeit gibt, für die Andern auch nicht gar zu abschreckend zu machen, so gedachte er der Papiere, die er in jenem Schreine gefunden hatte. Eine alte Überlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte sich plötzlich in eine mit Händen zu greifende Wahrheit verwandelt. Die Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein, die in einem gesitteten Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen, keimen, ausschlagen, blühen konnten. Er hatte die Mittel in Händen, einer seit zwei Jahrhunderten schwebenden Verhandlung über ein