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stockst du?

Ich will es auch nur aufrichtig sagen, fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit fort. An dieser Lust, die ich empfinde, Europa und Deutschland zu sehen, ist die Mutter Schuld. Sie schläft drüben in amerikanischer Erde! Aber ihre Seele, wenn es Gott gestattet, dass sie zuweilen noch auf Erden weilen darf, würde am glücklichsten sich fühlen, dürfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen. Sie umschwebt uns gewiss überall, wo wir weilen werden und zögen wir in die Wildnisse Asiens. Aber das reinste und schönste Opfer, das man ihr bringen kann, wäre das, wenn wir da lebten, wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann, die sie hier liebte und verliess, als sie nach Amerika zog .....

Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen, tief empfundenen Worte in ihrer ganzen Wahrheit. Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von denen, die ihr hier nächst dem Gatten das Liebste waren und mit halbgebrochenem Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schönen, edlen mann folgen, der da vor ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare, noch stolz und männlich! Er konnte nachfühlen, wie hier ein Kinderherz früh geteilt war zwischen dem, was den Vater beglückte und dem, was die sehnsucht der Mutter war. Vielleicht lebten hier noch viele Menschen, denen Selmar die Züge der frühvollendeten Mutter zurückrufen sollte; vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz für Das werden, was sie an ihr selbst verloren .....

Um der wehmütigen Stimmung Selmar's keine neue Nahrung zu geben, lenkte Dankmar das Gespräch darauf hinüber, dass er sagte:

Ich kann mir denken, was die gute Mutter von Europa Alles mag erzählt haben und wie das früh in deinem Kopf gezündet hat. Hättest du in New-York gelebt, würde das Geräusch einer grossen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so mächtig in dir haben aufkommen lassen; aber eine solche kleine Niederlassung am Missouri, unter Urwäldern und Prairien! Da mag es melancholisch genug sein und ich kann mir denken, die Sagen vom Kynast und Drachenfels, die dir in der trüben Regenzeit erzählt wurden, kamen nicht vom Vater

Nein! fiel der Knabe ein, die kamen von der Mutter, der guten Mutter. Sie war nur Liebe und Güte.

Wie hiess sie? sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen ...

Der Knabe errötete, fast erschreckend. Er tat, als hätte er die Frage überhört und machte sich mit den Sträuchern am Wege zu schaffen, von denen er einen kleinen Zweig abbrach.

Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage für zufällig. Nur dass der Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb, wie Einer, der nicht zu den Andern gehörte und sich doch wohl nur als einen Aufdringling betrachten müsse, war ihm peinlich. Er blieb stehen und hätte die Fremden vielleicht ohne Abschied gehen lassen, wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in einem grünen Talgrunde, der abwärts vom wald nun in die Tiefe ging, aber rings vom wald noch eingeschlossen blieb, gezeigt hätte mit den Worten:

Da ist das Jägerhaus!

Offenbar wollte er sagen: Sie begleiten uns doch?

Aber Dankmar fühlte etwas, was ihm zuflüsterte: Das Geschäft dieses Mannes im Jägerhause ist wohl so eigner Art, dass du nur ein unwillkommener Zeuge sein würdest. Er sagte daher kürzer und fast schroffer, als er wollte:

Entschuldigen Sie meine Begleitung! Ich konnte dem lockenden wald nicht widerstehen.

Damit lüftete er den Hut und nickte dem Knaben, der nachdenklich und wie eingewurzelt stand, ein freundliches Adieu! zu.

Auch Ackermann schien betroffen, wandte sich aber ...

Lästig war das erneute garstige Bellen des Hundes, der seinen Namen "Bello" von der Schönheit seines Äussern weit weniger, als vom Bellen verdiente. Während Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete, gingen die Wanderer schon weiter, ohne sich anfangs nach ihm umzublicken. Nur Selmar, als sie im grund waren, tat es noch zuweilen, aber wie verstohlen. Dankmar's Augen waren scharf genug, noch einige Zeit zu verfolgen, wie traurig dabei des Knaben Miene schien und dass beide stumm nebeneinandergingen.

Warum folgst du nicht? schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte sich selbst: Warum folgst du nicht? .....

Der Weg, der zum Jägerhause führte, erstreckte sich ziemlich lang am rand des Waldes und der Wiese hin, die rings vom wald eingeschlossen war und zu abschüssig ging, als dass man quer über sie hätte hinwegschreiten können. Dankmar stand an einem alten Eichenbaum und sah, die arme verschränkend, dem Amerikaner und seinem Sohne nach.

Was zieht mich euch Beiden nach, sagte er sich, dir du strenger Mann und dir du holder Knabe! Ist es die wunderbare ferne Welt, aus der ihr wiederkehrt und die vielleicht auch einst nur das Land sein wird, wo meine Träume reifen können? Warum trennen wir uns, da wir uns kaum begrüssten? Warum kann ich nicht gleich tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen, tüchtiger Mann, der du gewiss von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und den Spiegel kennst, in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte? Warum hab' ich nun kein Zeichen, das dir gleich gesagt hätte: Ich fühle Ehrfurcht vor deinem Antlitz, deinem Auge, deinem leise angegrauten Haar! Wenn ich dich selbst nicht